Einer der vier Bäckermeister in der Familie war Anton Deliano, hier mit seiner Frau Theresia.
Wasserburg – Christine Deliano, das sind ungefähr hundert Frauen auf einmal. Wahrscheinlich wäre es leichter, aufzuzählen, was sie alles nicht ist. Schon die Familiengeschichte ist bewegend. Sie beginnt im 17. Jahrhundert. Mehrere Brüder eines verkrachten italienischen Landadels kamen nach Deutschland, und einer davon gründete sozusagen den „Deliano Stammsitz“ in Niederbayern. Über die Jahrhunderte wurden aus den Italienern waschechte Bayern. „Mein Opa war königlich-bayerischer Postillion. Er hatte einen kleinen Bauernhof und zog dort mit seiner Frau seine 14 Kinder groß. Und vier seiner Kinder wurden Bäckermeister“, erzählt Christine Deliano, und seither ging es bei jedem Familientreffen „entweder über den Beruf oder über Politik“.
Mit acht Jahren
macht sie die Kasse
Einer der vier Bäckermeister war Anton Deliano. Er kam als Teenager nach Oberbayern, verliebte sich in Theresia und ließ sich in Wasserburg nieder. „Mein Vater sah nicht nur wie ein echter Italiener aus, er hat auch wie einer gewirkt“, sagt die Tochter und berichtet über seinen südländischen Charme, der trotz bayerischer Mutation tief in den Genen verankert war.
Aus dieser Ehe stammen die Töchter: Irene Kristen-Deliano und Christine Deliano. Eine Bäckerfamilie, die Eltern beide berufstätig. „Wir hatten immer Kinder- und Hausmädchen, ich sogar bis zum 16. Lebensjahr. Bei uns hieß es: entweder arbeiten oder lernen. Dazwischen gab es nichts, denn Freizeit war in den Augen meiner Eltern Nichtstun“, erzählt Deliano.
So erlernte Deliano ihr ganzes Wissen bereits als Kind, machte mit acht Jahren jeden Tag die Kasse, schrieb Journale und Wareneingangsbücher und lernte die Buchhaltung von der Pike auf. „Das war für mich ganz selbstverständlich. Wie man eine Kassenabrechnung macht, die ganzen Inhalte hat mir meine Mutter schon als Mädel beigebracht. Weniger spielen, dafür aber erfolgsorientiert, war die Devise“, erzählt sie. Ihre Schwester kam ins Internat zu den „Englischen Fräulein“, Christine hingegen brauchte ihre Freiheit, das merkten auch ihre Eltern. Sie lernte zu Hause und war immer eine Einser-Schülerin.
Familiengründung
statt Geschäftsführung
Dann stieg sie aber aus, beim Plan ihrer Eltern, mit 18 Jahren in die Geschäftsleitung einzusteigen. 24/7 im Bäckereibetrieb präsent sein: Nein, danke. Christine wollte eine eigene Familie. „Ich bin dann gleich mit 18 Jahren Mutter geworden.“ Nach der verkürzten Lehre von zwei statt drei Jahren hatte sie zwei Tage vor dem Entbindungs-, den Prüfungstermin und bestand auch noch als Innungsbeste.
Sie machte ihren Abschluss als IHK-Bürokauffrau, als Bäckerei-Fachverkäuferin und Ernährungsberaterin, jeweils mit einer Eins, und wurde immer Jahrgangsbeste. Zusätzlich machte sie über den Lauf der Jahre auf Aus- und Weiterbildungen in Shiatsu – einer asiatischen Massage-Technik – und in ayurvedischer Küche. Wenn es sein musste, lernte Deliano eben nachts und ging trotzdem in der Früh ihrem Beruf nach. „Ich hab viel Energie und kann zielorientiert arbeiten“, sagt sie.
Einige Jahre arbeitete Deliano in der Verwaltung einer namhaften Firma und zog ihre zwei Söhne, Daniel und Lukas, groß. Als der Firmensitz nach Berlin verlegt werden sollte, weigerten sich ihre beiden Buben im Alter von 17 und 13 Jahren, ihren Heimatort zu verlassen. So entschied sich Deliano, in die Selbstständigkeit zu wechseln. „Das Kerngeschäft Bäckerei kann ich, Verwaltung hab ich auch gelernt, also beide Säulen hab ich beherrscht.“
Im November 2000 eröffnete sie die Deliano Backstube an der Hofstatt noch mit Deutscher Mark und hatte eineinhalb Jahre später als erste Herausforderung gleich mal die Umstellung auf den Euro zu bewältigen. Am Anfang, erzählt sie, startete sie mit 14 Angestellten und machte die Verwaltung ganz allein. Mittlerweile sei das Unternehmen auf 54 Mitarbeiter herangewachsen. Dabei lebt Deliano ihr Motto: Menschen über Lebensmittel zusammenzubringen.
Gerade in Corona-Zeiten habe sie dabei die Dankbarkeit der Kunden gemerkt und es habe Komplimente à la „Ihr seid wie eine erweiterte Familie“ gegeben. Wichtig sei ihr dabei auch, selbst „an der Front“ im Laden zu stehen und die Kunden persönlich zu bedienen „Da bin ich am Puls der Zeit und erkenne sofort die Bedürfnisse meiner Gäste“, sagt Deliano. Allergien und Unverträglichkeiten seien heute bei vielen Kunden beispielsweise ein Thema. Damit niemand auf den Genuss verzichten muss, seien regelmäßige Schulungen für sie und ihre Mitarbeiter wichtig. „Der Kunde muss ein hundertprozentiges Vertrauen haben.“
Neben ihrem Beruf, ist Deliano auch ehrenamtlich tätig, prägt damit sogar das Stadtbild. Als Hochwasserbeauftragte und als Mitgestalterin der „Musikalischen Samstage.“ Als einzige Frauen sind sie und Sybille Schumacher, Inhaberin des Innkaufhauses, im Wirtschaftsförderungsverband tätig. „Frauen werden oft nicht ernst genommen, in der Männerdomain.
Sie müssen sich immer mit 150 Prozent darstellen, um 100 Prozent zu erreichen. Das kostet halt unglaublich viel Energie“, bedauert Deliano. Viele Frauen hätten deshalb auch Angst, in den Gesprächen „verbale Ohrfeigen“ zu bekommen. Dabei hätten Männer zwar oft die härteren Argumente, „aber Frauen denken einfach allumfassender und ziehen viele Aspekte mit in Erwägung, die aber oft belächelt werden.“ Auch ihr sei es schon passiert, dass der Anrufer nach der Geschäftsleitung fragte, und als sie sich als Inhaberin ausgab, habe er entsetzt gefragt: „Ja, gibt es hier denn keinen Mann?“ Mit dieser Aussage sei der Anrufer nicht ins Geschäft gekommen.
Privat macht Christine seit 37 Jahren täglich Yoga, geht wandern, liebt die Berge und hat schon zwei Alpenüberquerungen mit dem „Bio-Radl“ gemacht.
Kaffee-Rösterei feiert
zehnjähriges Bestehen
Neben der Backstube Deliano, mit ihrem 25-jährigen Jubiläum, feiert aber auch die Kaffee-Rösterei ihr zehnjähriges Bestehen. Aufgebaut von Christine Delianos Sohn Lukas, würden sich Mutter und Sohn beruflich „immer auf Augenhöhe“ als Geschäftspartner befinden. „Unsere Zusammenarbeit ist interessant und inspirativ. Lukas ist ein Künstler und ein Macher. Er kann super visualisieren, was er machen möchte, und lebt den Nachhaltigkeitsgedanken“, sagt Christine Deliano. Lukas sei eigentlich gelernter Kunstschmied.
Als er seinen hervorragenden Geschmacks- und Geruchssinn entdeckte und Kaffee zu seiner Leidenschaft wurde, habe er sich in das Thema eingearbeitet. „Lukas entwickelt alle Rezepturen, kreiert all die Logos, designte und gestaltete die Möbel in der Rösterei“, sagt die stolze Mutter über ihren Geschäftspartner.
Eine Bäcker-Dynastie in dritter Generation und eine Familie mit „Zeitgeist“ also. Kreativität und Kultur werden bei den Delianos großgeschrieben, und übrigens bekommen Künstler sowohl in der Backstube als auch in der Rösterei die Möglichkeit ihre Werke auszustellen. „Wenn man die Welt kennt, ist man dankbar hier leben zu dürfen. Es ist ein Geschenk. Es ist kein Verdienst, hier zu leben, aber es ist unsere Aufgabe, es zu halten“, sagt Deliano.