Wasserburg am Inn – Für viele ist der Führerschein zum Luxusgut geworden. Rund 3000 Euro (laut Bundesverkehrsministerium) beziehungsweise 4000 Euro (laut ADAC) müssen Fahrschüler mittlerweile für den Schein blechen. Das soll sich nun ändern. Dafür hat Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder kürzlich umfassende Reformen angekündigt.
Neue Forderungen des
Verkehrsministeriums
Demnach soll die theoretische Fahrausbildung digitalisiert werden. Der Präsenzunterricht soll abgeschafft werden und es soll möglich sein, sich das Wissen vollständig über beispielsweise eine App anzueignen, heißt es dazu auf der Website des Verkehrsministeriums. Fahrschulen müssten so keine Schulungsräume mehr bereitstellen und könnten so Kosten sparen, schlägt das Ministerium vor.
Bei der praktischen Fahrausbildung soll laut dem Verkehrsministerium mehr auf Simulatoren gesetzt werden. Zudem soll es weniger verpflichtende Sonderfahrten, also Nacht-, Autobahn- oder Überlandfahrten, geben. Die praktische Fahrprüfung soll nur noch 25 Minuten dauern und das Ministerium will Bürokratie abbauen. Aufzeichnungs- und Dokumentationspflichten sollen deutlich reduziert werden.
Alex Breu, Inhaber der Fahrschule Habenstein und Breu mit Standorten unter anderem in Wasserburg, Rosenheim, Vogtareuth oder Griesstätt, ist von dem Vorschlag des Verkehrsministeriums wenig überzeugt. Dass es eine Reform geben werde, sei nichts Neues gewesen. „Mit dem Umfang der Pläne habe ich jedoch nicht gerechnet“, sagt der Fahrlehrer. „Viele Teile davon sind einfach nicht praxistauglich“, sagt er.
Beispielsweise die Abschaffung des Präsenzunterrichts. Dieser sei wichtig, denn schon dort könnten Schüler und Fahrlehrer sich kennenlernen. Als es während der Corona-Pandemie häufig zu Distanzunterricht in den Fahrschulen gekommen sei, seien auch die Durchfallquoten in der Theorieprüfung gestiegen, sagt Breu. Mehr Digital-Unterricht „führt zu einer schlechteren Ausbildung“, betont er.
Zudem trage mehr Digitalunterricht nicht dazu bei, dass der Führerschein billiger werde, ist Breu überzeugt. Denn die Miete für den Schulungsraum mache nur einen geringen Teil der Gesamtkosten einer Fahrschule aus. „Die höchsten Ausgaben fallen auf die Autos, den Treibstoff und das Personal“, betont der Fahrlehrer.
Den Fahrsimulator sieht Breu, der zwei Stück davon in der Fahrschule hat, jedoch als gute Ergänzung. Hier könnten Fahranfänger das Schalten und den Umgang mit der Kupplung üben, ehe es ins echte Auto gehe, sagt er. Das Gerät habe jedoch auch seine Grenzen – beispielsweise bei Sonderfahrten. Diese sollte man im echten Fahrzeug absolvieren, erklärt Breu. Er befürchtet, dass unter den Neuerungen die Qualität der Ausbildung und so die Verkehrssicherheit leide.
Hierzu zähle auch der Vorschlag, die Dauer der Fahrprüfung auf 25 Minuten zu reduzieren. „Das ist ein kompletter Rückschritt“, sagt er. Denn in dieser kurzen Zeit könne nicht festgestellt werden, inwiefern ein Schüler sicher fahre.
Matthias Eggerl, Fahrlehrer bei der Fahrschule Eggerl in Wasserburg, sieht genau an diesem Punkt jedoch Potenzial. „25 Minuten reichen aus, um zu sehen, ob ein Fahrschüler ein Auto sicher lenken kann“, sagt er. Derzeit dauert eine Prüfung rund 55 Minuten. Wenn sie verkürzt würde, könnte der TÜV mehrere Termine anbieten. Besonders in Großstädten könne es derzeit dazu kommen, dass Durchfaller auf den nächsten Termin oft mehrere Wochen warten müssten. Um sich nicht zu entwöhnen, müssten die Fahrschüler noch mal mehrere Fahrstunden nehmen, bis der nächste Prüfungstermin frei sei, erklärt Eggerl.
Auch den angekündigten Bürokratieabbau und die Kürzung des Fragenkatalogs befürwortet Eggerl. Kritisch sieht der Fahrlehrer jedoch die Abschaffung des Präsenzunterrichts. „Wenn der Unterricht komplett gestrichen wird, dann leidet die Qualität“, befürchtet er. Auch den vermehrten Einsatz von Fahrsimulatoren sieht er kritisch. „Es kann das echte Fahren nicht ersetzen“, sagt der Fahrlehrer.
Auch Eggerl geht, gleich wie Breu, davon aus, dass durch die Neuerungen die Kosten für den Führerschein nicht sinken werden, denn die meisten Ausgaben würden die Personalkosten ausmachen. Sowohl Eggerl als auch Breu fordern von der Politik, Steuern und Lohnnebenkosten zu senken. „Das gilt jedoch auch für alle anderen Branchen, wie die Gastronomie“, sagt Eggerl, der auch in der Gastwirtschaft arbeitet. Breu ergänzt, dass es auch Förderungen brauche, um die Führerscheinkosten zu senken.
Skeptisch gegenüber den Neuerungen ist auch der Landesverband Bayerischer Fahrlehrer, sagt Regionalvorsitzender Metin Mergen. „Mir stellt sich mittlerweile die Frage, wohin die Politik möchte“, sagt er. Erst vor wenigen Jahren habe die Regierung die Prüfungszeit erhöht und die Anforderungen verschärft.
Nun gehe es in die entgegengesetzte Richtung – „und darunter leidet die Sicherheit auf den Straßen“, sagt er. Der Regionalvorsitzende befürchtet zudem, dass der Vorschlag, die Erfolgsquote einer Fahrschule offenzulegen, nach hinten losgehen könnte. „Fahrschulen könnten ihre Schüler anhand des jeweiligen Schulabschlusses aufnehmen und so sicherstellen, dass sie Schüler haben, die leichter lernen“, sagt Mergen.
Führerschein
bleibt teuer
Überhaupt würde keiner der Punkte des Verkehrsministers dazu beitragen, dass der Führerschein billiger werde, ist auch Mergen überzeugt. Der Regionalvorsitzende meint, dass die Vorschläge des Verkehrsministeriums keine wissenschaftliche Grundlage hätten. Vielmehr würde die subjektive Wahrnehmung, der Führerschein sei zu teuer, die Diskussion leiten. Doch das sei ein Trugschluss, sagt Mergen. Der Führerschein habe in den 1960er Jahren zwar noch weniger gekostet, damals sei jedoch auch das Lehrlingsgehalt deutlich niedriger gewesen. Mittlerweile würden Lehrlinge um ein Vielfaches mehr verdienen. Die Kosten für den Führerschein seien jedoch nicht in diesem Maße gestiegen, sagt Mergen.
Der Landesverband Bayerischer Fahrlehrer habe zu allen Punkten Stellung bezogen und seine Argumente an das Ministerium übergeben. „Nun liegt es an den Politikern“, sagt Mergen.