Wasserburg – Eigentlich sollte die Überraschung keinen überraschen: Denn Sepp Baumann ist bekannt für seine unkonventionelle Art auf der politischen Bühne. Der langjährige Wasserburger Stadt- und Kreisrat geht gerne ungewöhnliche Wege. Deshalb wundert es eigentlich Kenner seiner Persönlichkeit nicht, dass er jetzt im Alter von 75 Jahren als Dritter Bürgermeisterkandidat in Wasserburg seinen Hut in den Ring wirft.
Am morgigen Donnerstag wollen ihn die Freien Wähler Reitmehring-Wasserburg, deren Vorsitzender er ist, nominieren. Warum so spät? Warum ausgerechnet jetzt? Die Antwort passt zu Baumann: weil er sich geärgert hat.
Freie Wähler
zögerten lange
Eigentlich war erwartet worden, dass auch die Freien Wähler Reitmehring-Wasserburg Bastian Wernthaler unterstützen würden. So wie die SPD, die CSU, die Grünen und das Bürgerforum. Auch Georg Gäch, Kandidat des Wasserburger Blocks, hätten die Freien Wähler mittragen können. Doch sie zögerten. Die Frage, wen sie unterstützen oder ob sie selber jemanden ins Rennen schicken, blieb bis dato unbeantwortet.
Schon im Sommer 2024, als Wernthaler als Wunschkandidat von Amtsinhaber Michael Kölbl feststand, kam von den Freien Wählern Kritik. Sie fühlten sich übergangen. Dann ging das Gerücht um, die Freien Wähler hätten eine eigene Kandidatin gefunden. Baumann bestätigt, dass zwei Frauen im Gespräch gewesen seien, die von einer Bewerbung aufgrund ihrer persönlichen Situation als junge Mütter jedoch Abstand genommen hätten.
Jetzt will der Mann an der Spitze der Wählergruppierung es selber machen.
Auslöser für die
Kandidatur war ein Auftritt
Auslöser war nach Baumanns Angaben ein in seinen Augen symbolträchtiger Auftritt Wernthalers beim Besuch der SPD-Landtagsfraktion in Wasserburg. Damals gehörte der Kandidat zum Begrüßungskomitee, ließ sich mit den Genossen fotografieren. Das ist Baumann sauer aufgestoßen. Denn er ist überzeugt: „Dieser Auftritt bei der Landtags-SPD war überflüssig. Da stellt sich die Frage, ob er wirklich ein freier Kandidat ist.“ Baumann ist überzeugt: „Herr Wernthaler würde sich nicht aufs Foto stellen, wenn Herr Aiwanger nach Wasserburg käme.“
Was den designierten Kandidaten der Freien Wähler Reitmehring-Wasserburg außerdem umtreibt, ist die Tatsache, dass mit einer möglichen Wahl von Wernthaler (parteifrei) kein Wasserburger Bürgermeister mehr im Kreistag sitzen würde. Vorgänger Michael Kölbl war hier auch in dieser Funktion präsent. Baumann, der mit Kölbl ein manchmal konfliktbehaftetes, aber auf persönlicher Freundschaft basierendes Verhältnis pflegt, lobt dessen Arbeit als Kreisrat. Im Kreistag habe Kölbl als Wasserburger Bürgermeister eine wichtige Rolle eingenommen. Er habe unter anderem „dafür gesorgt, dass wir unser Krankenhaus behalten haben“, den MVV bis Reitmehring durchgeboxt und sich intensiv für die Landkreisschul-Standorte in Wasserburg eingesetzt.
Baumann will
mit Erfahrung punkten
Baumann, seit 35 Jahren Kreisrat, will auch für dieses Amt erneut kandidieren. Als Bürgermeisterkandidat möchte der Reitmehringer mit seiner großen Erfahrung aus 42 Jahren Stadtratsarbeit punkten.
Trotzdem hat er ein ganzes Stück Arbeit vor sich, denn Wernthaler ist schon seit dem Sommer 2024 als Kandidat bei Veranstaltungen in der Stadt sehr präsent und professionell aufgestellt in puncto sozialer Netzwerkarbeit. Gäch ist zwar bisher seltener auf der Wahlkampfbühne zu sehen und zu hören, hat jedoch als streitbarer Ex-Bürgermeister von Ramerberg auch seine Fans.
Wasserburg spielt nach Baumanns Meinung jedoch „in einer anderen Liga“, das Mittelzentrum, „eine einmalige Stadt“, benötige einen Kandidaten mit Erfahrung. Die habe Wernthaler nicht, weil er bisher keine kommunalpolitischen Ämter bekleidet habe, Gäch ebenfalls nicht in dem Maße, weil er lediglich in Ramerberg tätig gewesen sei. „Das ist so, als würde man statt einer Spielzeugeisenbahn im Keller plötzlich den ICE fahren müssen.“
Baumann ist überzeugt: „Wir dürfen die Wähler nicht unterschätzen. Wer viel präsent ist, ist nicht automatisch wählbar.“ Es gehe darum, für politische Ziele zu stehen, also Inhalte anzubieten. Baumann hält diesbezüglich seit Jahrzehnten mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Im Stadtrat prescht er schon mal vor mit unkonventionellen Stellungnahmen und aufmerksamkeitsstarken Auftritten.
Nicht einverstanden ist er nach eigenen Angaben auch mit einigen politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre. Beim neuen Feuerwehrhaus in Wasserburg hätte er sich eine Tiefgarage gewünscht, um die wegfallenden Parkplätze zu ersetzen. „Das wurde nicht ernsthaft geprüft“, moniert er.
Beim Wohngebiet ehemalige Essigfabrik werden seiner Meinung nach die Anlieger-Sorgen um den Verkehr durch über 80 neue Wohnungen nicht ernst genommen. Der neue Aldi in Staudham hätte nicht ohne Wohngeschoss erstellt werden dürfen. Die Verkehrssituation an der B304 in Staudham sei katastrophal, ein Kreisel müsse durchgesetzt werden. Bei der Auflösung des Bahnübergangs Reitmehring müsse die vor über 20 Jahren entwickelte Planung den neuen Anforderungen angepasst werden. Das Lehrschwimmbecken in Reitmehring dürfe für den öffentlichen Badebetrieb nicht aufgegeben werden.
„Ich kann für
mein Alter nichts“
Doch auch Baumann kann sich der Tatsache nicht verschließen, dass er als Kandidat einem Argument standhalten muss, das im Wahlkampf bemüht werden wird: Er ist bereits 75 Jahre alt. Das ficht ihn jedoch nicht an: „Ich kann für mein Alter nichts. Und ich führe mit 75 auch noch einen landwirtschaftlichen Betrieb, arbeite hier bis zu 70 Stunden die Woche. Da muss ich fit sein.“ Außerdem gebe es viele Menschen, die über das Rentenalter hinaus aktiv seien. „Bestes Beispiel ist für mich der Toni Meggle.“
Baumann hat übrigens Wahlkampferfahrung: 2002 hat der sechsfache Vater schon einmal als Bürgermeister kandidiert, damals hatte er gegen Kölbl verloren. Jetzt will es der Milchbauer in seiner Stadt, die dank zweier international tätiger Molkereien von der Milch lebe, noch einmal wissen.