Alkohol erhöht das Krebsrisiko

von Redaktion

Chefarzt Dr. Aljoscha Spork vom kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg über die Folgen einer Volksdroge

Wasserburg – „Alkohol verursacht mindestens sieben Arten von Krebs“, heißt es im jüngsten Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Spitzenreiter im Alkoholkonsum sei dabei die Europäische Union, wo Krebs mittlerweile auch die häufigste Todesursache darstelle. 2020 habe es in der EU rund 111300 neue Krebsfälle gegeben. Bereits 2018 hatte die EU laut dem Report rund 4,58 Billionen Euro an Kosten zu verkraften, die auf vorzeitigen Tod durch alkoholbedingten Krebs zurückzuführen seien.

Ethanol und Acetaldehyd schädigen Erbgut

Dass Alkohol nachweislich krebserzeugend ist, bestätigt auch Dr. Aljoscha Spork, Chefarzt im Fachbereich Suchtmedizin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg. „Unter anderem schädigen Ethanol selbst und sein Abbauprodukt Acetaldehyd direkt das Erbgut, was die Reparaturmechanismen der Zellen beeinträchtigen und entzündliche sowie hormonelle Veränderungen begünstigen kann“, erklärt der Mediziner. Und genau diese Prozesse würden zur Entstehung von Krebs beitragen.

Verheerend für
bereits Erkrankte

Besonders verheerend könne Alkohol für Menschen sein, die bereits an Krebs erkrankt seien. Der Konsum könne den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen, Therapien abschwächen oder Rückfälle begünstigen. „Hierbei ist von einer direkten Dosis-Wirkungs-Beziehung auszugehen: Das heißt, je mehr Alkohol konsumiert wird, desto höher ist das Krebsrisiko“, erklärt Spork. Durch Alkohol verursacht würden vor allem Tumore in Mund und Hals, der Leber, des Dick- und Enddarms sowie der Brust. „Das Risiko steigt linear mit der konsumierten Menge – unabhängig davon, ob es sich um Bier, Wein oder Spirituosen handelt“, sagt der Chefarzt. Entscheidend sei also nicht die Getränkesorte. Auch bei Bauchspeicheldrüsen-, Magen- oder Prostatakrebs könne Alkohol das Risiko erhöhen. „Alkoholkonsum ist jedoch nicht der alleinig wirksame Faktor bei einer Krebserkrankung. Vielmehr handelt es sich dabei stets um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die durch den Konsum von Alkohol ungünstig beeinflusst werden“, erläutert Spork. Alkohol könne jedoch nahezu jedes Organsystem des Körpers schädigen, woraus ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Krebs resultiere. Bereits ein kleines Bier oder ein Glas Wein können laut Spork nachweislich das Risiko für Brust-, Darm- und Speiseröhrenkrebs erhöhen. „Eine sichere und unbedenkliche Menge Alkohol gibt es nicht“, sagt der Chefarzt. „Besonders riskant ist die Kombination von Alkohol und Tabak, da sie das Risiko für Kopf-Hals-Tumoren vervielfacht“, erklärt Spork.

Alkohol verursache laut den jüngsten Daten des Global Cancer Observatory der WHO und IARC weltweit etwa 4,1 Prozent aller Krebserkrankungen, erklärt Spork. „In Europa, wo der Konsum traditionell höher liegt, ist der Anteil sogar noch etwas größer“, sagt der Chefarzt. Bei den durch Alkohol verursachten Krebserkrankungen galt rund die Hälfte der Menschen nicht als Hochrisikotrinker, sondern konsumierte nur moderate Mengen. „Schon ein bis zwei alkoholische Getränke täglich können das Risiko signifikant erhöhen“, erklärt er. Krebserkrankungen haben in der Regel jedoch mehrere Ursachen. Das sollte man auch mit Blick auf die Zahlen beachten, sagt Spork. Doch Alkohol stehe auch in Zusammenhang mit vielen weiteren Erkrankungen. Besonders betroffen sind laut Spork Leber und Bauchspeicheldrüse, aber auch Herz, Kreislauf, Nervensystem und Psyche. „Alkohol kann Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle, Depressionen und Angststörungen auslösen oder verstärken“, sagt der Mediziner. Die WHO stuft Alkohol als einen der bedeutendsten vermeidbaren globalen Risikofaktoren für Krankheit und vorzeitigen Tod ein.

In Bayern sei Alkohol durch Feste, Traditionen und soziale Rituale fest in der Kultur und Gesellschaft verankert. Dadurch werde der Konsum jedoch häufig verharmlost und Risiken würden zu wenig wahrgenommen, sagt Spork. „Aussagen wie ‚Bier ist flüssiges Brot‘ sind Ausdruck einer vermeintlichen Normalisierung, die riskante Konsummuster begünstigt, als kultureller Verstärker wirkt und die Prävention erschwert“, so der Mediziner. Hohe Alkoholverträglichkeit werde zudem gern als Stärke und körperliche Widerstandsfähigkeit fehlinterpretiert, sagt Spork. „Dabei ist das Gegenteil richtig: Wer nämlich Alkohol verträgt, der trinkt auch mehr und fügt sich somit auch größeren körperlichen Schaden zu. Denn die Entwicklung alkoholbedingter Folgeerkrankungen und das Krebsrisiko hängen von der eingenommenen Trinkmenge und nicht von der Verträglichkeit ab“, erklärt der Chefarzt.

Enorme
volkswirtschaftliche Kosten

Auch die volkswirtschaftlichen Kosten und sozialen Folgen durch Alkohol seien enorm, sagt Spork. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit betragen die Kosten rund 57 Milliarden Euro pro Jahr, die durch die Folgen von Alkoholkonsum verursacht werden. „Hinzu kommen emotionale und soziale Schäden wie familiäre Konflikte, häusliche Gewalt, psychische Belastungen und Verkehrsunfälle“, sagt Spork. Aus medizinischer Sicht ist laut Spork deswegen klar, dass Alkohol ungesund ist. „Je weniger davon, desto geringer das Risiko relevanter Folgeschäden“, sagt der Chefarzt. Wichtig sei aber vor allem, dass über Risiken und Folgen gesprochen und informiert werde. So könne jeder eine bewusste Entscheidung für oder gegen Alkoholkonsum treffen, sagt er.

Werbeeinschränkungen schützen Jugendliche

Beispielsweise würden Werbeeinschränkungen – wie von der WHO gefordert – besonders Jugendliche schützen, die besonders empfänglich für emotionale Botschaften seien, findet Spork. Auch die Altersgrenze konsequent für alle Alkoholsorten auf 18 Jahre anzuheben, unterstützt der Mediziner. Ebenso würden Steuererhöhungen und Preisregulierungen den Konsum von Alkohol reduzieren und dadurch auch die Folgekosten. „Entscheidend ist, dass solche Maßnahmen auch konsequent umgesetzt werden“, sagt Spork.

Krankheit Alkoholsucht

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