Filzenexpress ist auch mit 120 Jahren „unverwüstlich“

von Redaktion

Bahnstrecke Wasserburg-Grafing feiert Jubiläum – Mitgefahren im Lokführerhäuschen

Wasserburg – Strahlender Sonnenschein, Herbstblätter links und rechts neben der Strecke, ein Fahrgast, der mit einem fröhlichen „Servus“ den Zug betritt. Fast könnte man meinen, die Bahn hätte das alles so perfekt für die Jubiläumsfahrt des Filzenexpress eingefädelt. Lokführer Kay Babucke winkt lächelnd ab.

Um 4.20 Uhr beginnt
die Schicht

„Hier an der Strecke kennt man sich halt“, sagt er angesichts des freundlichen Fahrgasts. Seit acht Jahren ist der 45-Jährige bei der Bahn tätig und fährt regelmäßig auch den Filzenexpress. Anlässlich des 120-jährigen Jubiläums lässt er auch die Redaktion der Wasserburger Zeitung in sein Führerhäuschen einsteigen. Babucke ist einer derjenigen, die dafür sorgen, dass alles möglichst reibungslos funktioniert. Um 4.20 Uhr beginnt der Schichtbetrieb, erzählt er. Mit Bremsprobe, dem Prüfen, ob alle Feuerlöscher und Nothämmer da sind. Eine Stunde später heißt es dann für ihn und die ersten Fahrgäste: einsteigen.

Ansprüche der Fahrgäste
haben sich verändert

Meistens mit 80 tuckert die alte Diesellok unter Babuckes Führung durch die Landkreise Rosenheim und Ebersberg. „Wenn wir bis München fahren, dann fahren wir nach Grafing auch 120“, sagt er. Schneller darf die alte Lok aus dem Jahr 1994 aber nicht werden. Babucke kennt die Kritik: Der Zug ist langsam, es mangelt an Komfort und Barrierefreiheit. Schon länger wird deshalb an einer Elektrifizierung geplant. Irgendwann, wenn die zweite Stammstrecke fertig ist, soll auf der Strecke des Filzenexpress sogar eine S-Bahn fahren. „Die Ansprüche der Fahrgäste haben sich verändert und das ist auch gut so“, sagt Babucke. Er betont aber auch: „Bei uns ist noch niemand draußen geblieben.“ Sollte jemand Probleme beim Einsteigen haben, würden er und seine Kollegen natürlich helfen.

Für ihn sind die alten Züge zudem auch ein Zeichen von Nachhaltigkeit. Im Gegensatz zu den S-Bahnen habe er auch noch besseren Kontakt zu den Fahrgästen, könne die Tür auflassen, Fragen beantworten und mit ihnen sprechen. „In der S-Bahn geht das nicht. Da ist alles abgeschlossen“, sagt Babucke.

Mit seiner Liebe zu den alten Loks scheint Babucke nicht alleine zu sein. Allein am Tag der Jubiläumsfahrt haben sich Dutzende Trainspotter, also Personen, die es sich zum Hobby gemacht haben, Züge zu fotografieren und zu filmen, an den Bahnhöfen und am Gleis versammelt, um die alten Loks des Filzenexpress bildlich festzuhalten. „Mal schauen, auf wie vielen Facebook-Videos wir wieder landen“, sagt Babucke und winkt einem Trainspotter fröhlich zu. „Im Moment fahren auch noch die alten S-Bahnen auf der Strecke nach Ebersberg. Die haben in etwa dasselbe Baujahr wie unsere Lok. Das gefällt natürlich vielen“, sagt er.

Babucke fährt gerne mit den alten Zügen. In denen gehe weniger kaputt. „Die modernen Züge sind mit Touchscreen und einer komplizierten Software ausgestattet, wenn da was nicht stimmt, kann ich als Lokführer nichts reparieren.“ Bei den alten Triebfahrzeugen der Baureihe 628 sei das anders. „Da kann ich noch selber Hand anlegen.“

Denn statt mit Touchscreen wird diese Lok noch mit Hebel und Schalter gesteuert. „Unverwüstlich“, nennt Babucke diese Technik mit einem Schmunzeln. Mit Schaltern kann er Licht und Spiegel steuern. Ein Hebel ist zur Beschleunigung da, einer für die Bremse. Ein Pedal muss Babucke durchgehend während der Fahrt gedrückt halten, sonst pfeift es, drückt er dann nicht drauf, leitet der „Totmannschalter“ eine automatische Notbremsung ein. Bescheid geben muss Babucke auch, wenn er über eine Langsamfahrstelle oder einen Bereich mit eingeschränkter Geschwindigkeit fährt. Mit dem Drücken eines Hebels zeigt er an, dass er die Beschränkung registriert hat und aufmerksam ist, auch sonst würde die Lok automatisch bremsen. „Das passiert aber auch den besten Lokführern ein, zweimal im Jahr, dass automatisch gebremst wird“, sagt Babucke.

Eine Sicherheitsvorkehrung, die aber auch nötig ist. 400 Meter Bremsweg habe die Lok bei der Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Das Problem, erklärt Babucke, sei die geringe Reibung. „Vergleicht man die Reifen der Bahn zum Beispiel mit denen eines Autos, dann sind die sehr dünn. Da entwickelt sich keine Reibung, entsprechend wird der Bremsweg länger“, erklärt er. Auch Babucke hat in seinen acht Jahren als Lokführer schon Unfälle erlebt. Einmal, erzählt er, sei er in einen Baum gefahren. Dieser war kurz nach Edling wegen eines Unwetters auf die Gleise gestürzt.

Noch viele
unbeschrankte Übergänge

Einmal habe er auch einen Bahnübergangsunfall erlebt. Ein Autofahrer hatte den Zug übersehen und überhört und sei in das Gleis gefahren. Glücklicherweise, sagt Babucke, sei aber nichts Schlimmeres passiert. Dennoch: Die Möglichkeit bestehe immer.

Gerade auf der Linie des Filzenexpress gebe es noch viele unbeschrankte Bahnübergänge. „Da wird auch noch viel gemacht werden müssen, bevor die S-Bahn kommen kann“, glaubt Babucke. Aktuell gibt es bei einigen besonders gefährlichen Bahnübergängen deshalb Langsamfahrstellen. „Hier steht zum Beispiel der Mais oft mehrere Meter hoch. Da hat ein Autofahrer keine Chance, richtig reinzusehen“, sagt Babucke an einer Stelle kurz vor Frosting.

Schranke wird
per Hand ausgelöst

Die Bahn müsse deshalb langsamer fahren, zusätzlich gibt es noch einen Warnton. Drei Sekunden lang vor jedem unbeschrankten Übergang gibt er diesen ab.

Dann springt er aus dem Führerhaus, einen Schlüssel in der Hand. An den Bahnhöfen Edling und Forsting löst der Lokführer nämlich die Schranken des direkt dahinter liegenden Bahnübergangs selbst aus. „Eigentlich gibt es dafür eine Fernbedienung“, sagt Babucke, während er den Schlüssel in einen unscheinbaren grauen Kasten steckt. „Ich bin aber ganz froh, wenn ich mich mal bewegen muss“, erzählt er, während er mit schnellen Schritten zurück ins Führerhaus springt. Keine Sekunde zu früh, denn schon senken sich die Schranken und die Ampel springt auf Grün.

Schon in den 90er-Jahren wollte Babucke eigentlich Lokführer werden. Damals habe es aber keine freien Stellen gegeben. 2018 kam er dann als Quereinsteiger zur Bahn. Für ihn ein Traumberuf. „Ich habe bis jetzt keine Sekunde bereut“, sagt Babucke. Er genieße es, durch die Schichtarbeit flexibel zu sein. Und der Filzenexpress sei ohnehin eine „absolute Traumstrecke“. Hier sei es weniger hektisch als in der Stadt. Durch drei Minuten Puffer, die eingeplant seien, komme der Zug meist auch pünktlich an. „Die Umstiege sind manchmal etwas knapp bemessen“, bedauert er. Doch ansonsten fahre er hier gerne.

Unschlagbares
Wetterleuchten

Wenn der Zug sich zwischen den teils eng an der Strecke gebauten Häusern durchschlängle, die sogar noch einen Blick in den Vorgarten bieten würden, das sei einfach toll. „Und wenn ein Gewitter über die Alpen heranzieht und es dann so richtiges Wetterleuchten gibt: Das ist unschlagbar“, schwärmt Babucke. Der 45-Jährige hofft deshalb, noch lange auf der Strecke des Filzenexpress unterwegs sein zu können. „Ideal wäre es natürlich, wenn wir irgendwann bis in die Altstadt kommen könnten“, sagt er. Insbesondere, wenn die S-Bahn mit den längeren Zügen und den höheren Kapazitäten komme, könnte es eng werden im Stadtbus, glaubt Babucke. „Dann wäre die Verbindung bis in die Stadt wirklich nötig.“

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