Kein Schüler ohne Orientierung

von Redaktion

Realschule Haag führt frühzeitig an Berufswahl heran – Auszeichnung der Bayerischen Wirtschaft

Haag – Sich Gedanken machen über den Weg nach der Schule? Das mag nach Erfahrungen des Haager Realschulleiters Hermann Huber kein Achtklässler. Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren stecken mitten in der Pubertät: Da geht es in der Regel um die erste Verliebtheit, die Clique, Ärger mit den Eltern. Doch auch diese reagieren auf die frühen Bemühungen der Bildungseinrichtung, die jüngst mit dem Berufswahl-Siegel der Bayerischen Wirtschaft ausgezeichnet wurde, meistens erstaunt. „Der Abschluss ist doch noch so weit weg“, heiße es oft.

Knigge-Kurs: die
wichtigsten Regeln

Huber ist jedoch überzeugt: Der Start müsse schon in der achten Klasse erfolgen. Denn im Teenageralter würden wichtige Grundlagen für den späteren Erfolg in der Arbeitswelt gelegt. Beispiel Umgangsformen: Jeder Achtklässler nimmt in Haag an einem Knigge-Kurs teil. Da geht es laut Huber nicht darum, formvollendet eine Krawatte binden zu können, sondern darum, die wichtigsten Höflichkeitsregeln zu kennen. Dann sitzen diese bis zum Schulabschluss, sind quasi in Fleisch und Blut übergegangen.

Eigentlich beginnt die Vorbereitung sogar noch früher: bereits in der sechsten Jahrgangsstufe.

Teilnahme an
Inklusionsprojekt

Dann nehmen alle Haager Realschüler an einem Inklusionsprojekt teil, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ecksberg in Ramsau. „Hier lernen sie ganz praktisch, was es heißt, tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen“, sagt Huber.

Ab der achten Klasse gehe es dann weiter mit Elternversammlungen, in denen sich die Berufsberaterin der Agentur für Arbeit vorstelle. Sie komme schon seit 15 Jahren an die Schule, sei hier ein bekanntes Gesicht. Jeder Absolvent lerne die Beraterin mindestens einmal persönlich kennen, erhalte in einem individuellen Gespräch Anregungen und Hilfestellungen.

Die Realschule gehe außerdem intensiv in die Kommunikation mit den Eltern. Diese würden regelmäßig Informationen per Brief erhalten: über Berufsfindungs-Veranstaltungen im Schulkalender beispielsweise.

Alle bekämen zudem den Zugang zu einer bekannten Plattform, auf der es vielfältige Informationen über Praktika, Firmen und Berufsbilder gebe. Hier seien auch viele Suchfunktionen installiert: Eltern und ihre Kinder könnten hier beispielsweise nach Branchen oder Kilometerradien filtern. Alle Firmen aus der Region seien hier vertreten, berichtet Huber.

Die Berufsfindung ziehe sich ab der achten Klasse durch alle Fachschaften hindurch. Beispiel Wirtschaft und Recht: Hier werde geübt, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, und die Selbsteinschätzung gefördert. In der neunten Klasse gehe es ins Bewerbungstraining, bei dem Vorstellungsgespräche auch simuliert würden. In dieser Jahrgangsstufe finde auch das einwöchige Betriebspraktikum statt.

Schüler würden motiviert, freiwillig eine weitere Woche in einen weiteren Beruf hineinzuschnuppern. Ein Berufsorientierungssamstag sei als große Job-Messe ausgelegt: 60 Firmen und weiterführende Bildungseinrichtungen würden sich hier vorstellen.

Jeder Realschüler könne hier bereits in der achten Klasse freiwillig teilnehmen, in der neunten sei es Pflicht. Das gilt laut Huber auch für Vorträge. „Wir wollen nicht, dass die Schüler von Stand zu Stand gehen und nur eine Tasche voll mit Gimmicks sammeln. Sie sollen an diesem Tag tief in die Berufswahl einsteigen.“ Bis zu 500 Besucher kommen in der Regel, weil an einem Samstag auch die berufstätigen Eltern sich die Zeit nehmen, berichtet der Realschuldirektor. Ebenfalls auf dem Programm stehen in der Realschule Haag nach Hubers Angaben Fahrten zu Bildungsmessen, etwa nach München, Besuche bei den vielen Berufsfachschulen in der Region, Kontaktaufnahme mit Vertretern von Verwaltungen und Behörden. In der zehnten Klasse soll dann jeder Absolvent einen Lehrvertrag haben oder eine Anmeldung an einer weiterführenden Schule bewältigt haben. Das gelingt in Haag zu 100 Prozent, so hoch ist die Vermittlungsquote. „Wir können es uns heutzutage nicht erlauben, dass auch nur ein Kind nach der Schule orientierungslos auf der Straße steht“, findet Huber. So sieht es auch die Wirtschaft, auch angesichts des großen Fachkräftemangels. Das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw) zeichnet deshalb Schulen wie jene in Haag, die sich besonders für die berufliche Orientierung engagieren, mit einem Siegel aus. 77 Bildungseinrichtungen in Bayern haben die Auszeichnung erhalten.

Kultusministerin:
Einstieg erleichtern

Zur Verleihung des Siegels an die Realschule Haag in Gersthofen betonte die bayerische Kultusministerin Anna Stolz, es gehe auch darum, die berufliche Bildung an den Schulen und die Partnerschaft von Schule und lokaler Wirtschaft zu vertiefen. „Ziel ist es, Schülerinnen und Schülern den Einstieg in Ausbildung, Studium und Beruf zu erleichtern.“

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, erklärte: „Die berufliche sowie akademische Qualifizierung junger Menschen ist ein zentraler Baustein zur Sicherung zukünftiger Fachkräfte. Grundlage dafür ist eine erfolgreiche Berufs- und Studienorientierung. Eine frühzeitige, talentbasierte, individuelle und am Arbeitsmarkt ausgerichtete berufliche Orientierung mit Weitblick ermöglicht jungen Menschen, von Anfang an fundierte Entscheidungen für ihren persönlichen Karriereweg zu treffen.“

Netzwerk mit
viel Erfahrung

„Dieses Siegel ist nicht nur eine formelle Auszeichnung, sondern ein Impulsgeber für eine nachhaltige Entwicklung. Denn die teilnehmenden Schulen profitieren von einer fundierten Analyse ihrer Aktivitäten durch unsere Jury, erhalten gezielte Beratung und werden auf ihrem Weg zu einer langfristig wirksamen Berufs- und Studienorientierung begleitet. Gleichzeitig fließen wertvolle Erfahrungen der Schulen zurück in unser Netzwerk – ein Gewinn für alle Beteiligten“, betont Hubert Schurkus, Präsident des bbw.

Das Berufswahl-Siegel

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