Mühldorf – Vom jungen freien Mitarbeiter zum prägenden Gesicht der Lokalredaktion: Markus Honervogt blickt zurück auf 30 Jahre zwischen Politik, Menschenschicksalen und Medienwandel – und verrät, wie sich Abschied und Aufbruch zugleich anfühlen.
Wie war Dein letzter Arbeitstag?
Es war sehr bewegend. Ich habe viele positive Rückmeldungen auf meine Abschieds-E-Mails bekommen – Einladungen zum Kaffee, nette Worte der Kollegen. Insgesamt bin ich mit einem guten Gefühl gegangen, auch wenn natürlich ein weinendes Auge dabei war. 30 Jahre lang mitten im Geschehen zu sein, prägt. Die Kolleginnen, die Kollegen, die tägliche Arbeit – das wird mir fehlen.
Du bist 1995 von Frankfurt nach Mühldorf gekommen.
Ich kam als stellvertretender Redaktionsleiter und Nachfolger von Fritz Schwägerl. Und ich wollte in die Nähe der Berge.
Wie bist Du zum Journalismus gekommen?
Als ich 15 war, hat mich der Pfarrer im Heimatort gefragt, ob ich etwas für die Lokalzeitung schreiben möchte. Dann wurde ich freier Mitarbeiter. Es folgten ein Theologie-Studium, Journalistenschule, Volontariat und irgendwann Mühldorf.
Was war Deine erste Geschichte beim OVB?
Ich sollte ein Interview mit dem Sandbahnfahrer Alois Wiesböck führen, das war auf Anweisung vom damaligen Sportredakteur Hans Grundner. Ich habe ihn angerufen, dann hat sich Wiesböck den Grundner geben lassen und gesagt: „Mit dem Preiß‘n rede ich nicht, der versteht mich ja nicht!“ Der Grundner Hans hat dann das Interview geführt.
Den Nimbus vom Preiß‘n hast Du in 30 Jahren nicht abschütteln können, oder?
Nein, Istvan Molnar, Chef der TSV-Boxer, der selbst kein waschechter Bayer ist, hat mich zeitlebens immer nur „der lange Preiß“ genannt.
Hat es Themen gegeben, die Dich besonders geprägt haben?
Emotional am stärksten war ein Besuch bei einer Familie, in der die Mutter ihr Kind am Heiligen Abend tot zur Welt gebracht hat, ein Sternenkind. Wie die Familie und die drei Kinder damit in den Jahren danach umgegangen sind, wie dieses tot geborene Kind trotzdem seinen Platz in der Familie hatte – das war zutiefst bewegend.
Hat es in 30 Jahren eine Geschichte gegeben, über die Du sagen kannst: „Da habe ich etwas bewirkt“?
Schwer zu sagen. Wir haben viel bewegt – oft ohne zu wissen wie. Ob das Bewusstsein für die KZ-Gedenkstätte im Bunkergelände so in der Region verankert worden wäre, wenn wir das Thema nicht über Jahre drangehalten hätten? Sicher war unser Einfluss da.
Wie geht man journalistisch mit der AfD um?
Man muss berichten, weil sie da ist. Aber man muss ihr kein Forum für Jammern oder unbelegte Behauptungen bieten. Sachliche und themenbezogene politische Positionen: ja. Selbstdarstellung: nein. Und man sollte dazu sagen, wes Geistes Kind sie sind.
Hast Du Dich jemals bedroht gefühlt?
Bedroht nicht, aber seltsam berührt. Durch Plakate der rechtsextremen Identitären Bewegung an der Redaktionstür, durch Facebook-Posts oder Drohgebärden bei Demos. Ernsthaft gefährdet fühlte ich mich nie, aber es bleibt ein komisches Gefühl.
Wie hast Du Dich selbst innerhalb der Redaktion gesehen?
Ich wollte fördern, modernisieren, neue Wege mitgehen. Zuletzt natürlich die Online-Transformation. Es gab auch Reibungen, aber es lief immer sehr kollegial.
Wie blickst Du heute auf diesen Wandel zurück?
Er musste sein. Wir können nicht arbeiten wie vor 40 Jahren.
Wie sieht die Zukunft der Tageszeitung aus?
Die Tageszeitung wird bleiben – in welcher Form auch immer. Gedruckt vielleicht nur noch am Wochenende, vielleicht täglich als E-Paper. Denn es wird immer wichtig bleiben, Nachrichten zu gewichten und einzuordnen. Viele Veranstaltungen finden „erst statt“, wenn sie „in der Zeitung“ stehen. Das zeigt bis heute den Wert der Lokalzeitung.
Und die junge Generation?
Die holt viele Infos über TikTok oder Instagram. Da müssen wir neue Wege finden, weil journalistische Inhalte dort leicht untergehen. Aber journalistische Einordnung wird wichtiger denn je.
Wie schafft man Vertrauen bei den Leserinnen und Lesern?
Indem man mit den Leuten redet – überall. Durch Fairness, Sachlichkeit in der Berichterstattung und die Fähigkeit, Fehler einzugestehen.
Womit füllst Du Deine neue Freiheit?
Mit Theaterbesuchen, Bergsteigen und Musik. Mehr Gitarre spielen, mehr Zeit für Auftritte. Und vielleicht eine weitere Expedition.
Hast Du beim Bergsteigen Inspiration gefunden?
Ja. Wenn du stundenlang über einen Gletscher gehst, kommen Gedanken und Ideen ganz von selbst. Oft ist der Kopf dann frei und genau dann entstehen gute Einfälle.
Wenn Du an frühere Zeiten denkst – Rauchen im Büro, Arbeiten in der Dunkelkammer. Wie erinnerst Du Dich daran?
Nach großen Veranstaltungen, wie Faschings- oder Schützen- und Trachtenzug, hieß es: ab in die Dunkelkammer. Und immer war die Angst dabei, dass ein Lichtstrahl den Film zerstört. Es stank, die Chemikalien waren unangenehm, die Gefahr, Kleidung zu ruinieren, war groß. Spaß gemacht hat das nie.
Hast Du auch Pannen erlebt?
Natürlich. Erst kürzlich war ich ohne Stift und Papier auf einem Termin, nach 30 Jahren als Reporter. Früher bin ich tatsächlich auch mal ohne Film oder Speicherkarte losgezogen. Dann hieß es improvisieren. Heute ist es leichter, weil irgendwer immer ein Smartphone dabei hat und man ein Foto machen kann.
Künstliche Intelligenz: Fluch oder Segen?
Das OVB nutzt eine eigene KI im Haus. Sie hilft uns sehr weiter. Ich selbst habe mal eine Glosse geschrieben, mit der ich nicht zufrieden war.
Also gab ich sie der künstlichen Intelligenz und sagte: „Mach das bitte etwas humorvoller, etwas leichtfüßiger.“ Und wenn ich nicht so eitel gewesen wäre, hätte ich die KI-Fassung übernehmen müssen.
Hat es Begegnungen mit Menschen gegeben, die Du nie vergessen wirst?
Die erste Begegnung mit dem ehemaligen Staatsminister Marcel Huber. Die CSU hatte damals sieben Kandidaten für den Kreisvorsitz. Ich hatte vorher mit dem Alt-CSUler Nikolaus Asenbeck gesprochen, der sich eindeutig für Huber positioniert hat.
Bei der Wahlversammlung kam Huber dann zu mir – wir kannten uns nicht – und hat diese Art der Berichterstattung ganz massiv kritisiert. Er hat jede Einflussnahme der Zeitung abgelehnt. Dass sich Huber so offen geäußert hat, ohne Rücksicht auf mögliche Folgen, hat mich wirklich beeindruckt.
Welche Werte waren Dir besonders wichtig?
Fairness. Jeder soll die Chance haben, seine Anliegen wiederzufinden und fair und wahrhaftig behandelt zu werden.
Wenn Du Deinen Abschied in ein Lied packen würdest. Welches fällt Dir da spontan ein?
Ein Lied, das mich auf einer Nepal-Tour im Oktober begleitet hat, bei der es doch auch sehr kalt war: „Here Comes The Sun“ von den Beatles. Ein Song über Kälte, über das Ende von etwas und den Beginn von etwas Neuem. Ein sehr positives Lied.
Interview: Josef Enzinger