Wasserburg – „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein.“ Mit diesen Worten wurde Julia Engelmann aus Elmshorn einst auf Youtube berühmt. Damals trug sie den gleichnamigen Poetry-Slam in Bielefeld vor. Heute hat das dazugehörige Video auf der Plattform über 15 Millionen Aufrufe. Und Engelmann, die inzwischen 33 Jahre alt ist, hat ihren ersten Roman herausgebracht: „Himmel ohne Ende“ landete auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Am 26. November kommt Engelmann mit diesem Buch nach Wasserburg.
Worum geht es in Ihrem Buch „Himmel ohne Ende“?
In dem Roman geht es um eine Hauptfigur namens Charlie. Sie wird 15, als wir sie kennenlernen, und hat ein ziemlich einsames Schuljahr hinter und einsame Sommerferien vor sich. Es geht um das Gefühl, nicht dazuzugehören, und die Frage, was dagegen hilft. Meine Antwort darauf als Autorin ist: Freundschaft. Und deshalb gibt es auch eine zweite Hauptfigur namens Pommes, der neu in Charlies Klasse kommt. Die beiden freunden sich an und das hat einen positiven Einfluss auf Charlies Leben.
Was hat Sie dazu inspiriert, die Figur Charlie zu entwickeln?
Ich habe aus meinem Leben mehrere Themen gesammelt, zu denen ich bestimmte Gefühle habe. Eines davon ist Stille. Ich war selbst ein stilles Kind und eine stille Jugendliche. Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht gut ankommt. Und dass ein selbstbewusster Mensch immer auch ein lauter sein muss. Ich dachte, Stille ist etwas Schlechtes, das es loszuwerden gilt. Heute würde ich sagen, dass das natürlich nicht stimmt. Es gibt eine Art Stille, bei der man sich unwohl fühlt. Aber Stille kann auch eine riesige Qualität sein. Das war ein Thema, über das ich unbedingt schreiben und das ich meiner Hauptfigur an die Hand geben wollte.
Was macht Charlie noch aus?
In der Jugend stellt man sich das erste Mal tiefere, existenziellere Fragen. Man hat größere Gefühle, nabelt sich vom Elternhaus ab. Ich glaube, in dem Alter bekommt Freundschaft eine ganz andere Qualität, weil man das erste Mal mit jemand anderem über diese Fragen spricht. Ich wollte, dass meine Hauptfigur in genau diesem Alter ist und sich diese Fragen stellt.
Können Sie sich mit der Protagonistin identifizieren?
Auf jeden Fall. Ich schreibe immer über Dinge, die mich selbst berühren und die ich verstehen kann oder will. Auch mit den anderen Figuren des Romans kann ich mich identifizieren. Ich schreibe immer über Menschen, die ich irgendwie mögen kann.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Aus Leidenschaft und Fantasie. In der Grundschule habe ich das schon gerne gemacht. Ich mochte es auch immer, Aufsätze zu schreiben, und habe meine Nachmittage damit verbracht, Geschichten zu erfinden. Mit 17 habe ich Poetry Slam als Format kennengelernt. So habe ich gemerkt, dass es einen Ort gibt, an dem Menschen schreiben und die Texte einander vorstellen. Ich wollte unbedingt ein Teil davon sein.
Bisher haben Sie vor allem Lyrik verfasst. Wie kam es dazu, dass Sie nun einen Roman geschrieben haben?
Eigentlich wollte ich das seit der Grundschule machen. Ich hatte mein Leben lang das Gefühl, dass das zu mir passen könnte. Lyrik war für mich der erste Einstieg dazu, auch durch den Poetry-Slam.
Durch den Poetry-Slam „Eines Tages, Baby“ sind Sie bekannt geworden. Welche Rolle spielt Poetry- Slam heute in Ihrem Leben?
Er spielt weder eine große noch eine kleine Rolle. Für mich ist es einfach ein Tor zum Schreiben gewesen. Ich habe damals gemerkt, dass es ein Ort ist, an den ich gehöre. Das kommt nicht oft vor, deswegen hat der Poetry-Slam in meinem Leben einen besonderen Platz. Auch wenn ich nicht mehr aktiv an Slams teilnehme.
Haben Sie das Gefühl, dass mehr junge Menschen wieder zum Buch greifen?
Das kann ich nicht beurteilen. Gestern war ich in einer Schule und habe dort aus meinem Buch gelesen. Die Lehrer waren eher verzweifelt, weil die Jugendlichen zu viel am Handy sind. Ich freue mich aber immer, wenn Leute lesen. Und ich selbst lese auch sehr gerne.
Welche Bücher gefallen Ihnen besonders?
Das ist sehr unterschiedlich. Letztens habe ich das neue Buch von Elizabeth Gilbert gelesen, „All the Way to the River“. Aber auch ein paar Science-Fiction-Bücher, so wie die Silo-Trilogie von Hugh Howey. Meine absoluten Favoriten sind „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells, „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke und Gedichte von Mary Oliver.
Auf Instagram haben Sie mittlerweile über 300.000 Follower. Wann und warum haben Sie damit angefangen?
Daran erinnere ich mich kaum noch. Es ging los, als ich begonnen habe, auf Tour zu gehen und Bücher zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt stand es gar nicht zur Debatte, nicht auf Instagram zu posten. Vor knapp zehn Jahren haben eben alle damit angefangen. Mittlerweile mache ich explizit für Instagram Content. Social Media ist für mich eine Online-Visitenkarte, die dazugehört. Trotzdem ist es ja auch freiwillig. Deshalb mache ich mal mehr, mal weniger.
Werden auf Ihren Debüt-Roman noch weitere Bücher folgen?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, noch einmal einen Roman zu schreiben. Gleichzeitig habe ich bei diesem Roman die Abgabefrist so oft verschoben, dass ich mich mit Versprechungen und Ankündigungen zurückhalten werde, bis ich einen vollständigen Text habe (lacht).
Am 26. November kommen Sie nach Wasserburg. Worauf können sich die Besucher freuen?
Erst einmal freue ich mich natürlich auch. Die Besucher werden mein Buch kennenlernen. Ich lese meine Lieblingstextstellen vor, erzähle ein wenig zu den Themen und zum Entstehungsprozess. Gerne beantworte ich auch Fragen. Das Schöne an einer Lesung ist eigentlich, mit den Menschen, die da sind, ins Gespräch zu kommen. Dafür bin ich jederzeit offen.
Interview:
Magdalena Aberle