Kirchdorf – Ein Kind wird von einer Gruppe Gleichaltriger regelmäßig verfolgt, ausgelacht und am Ende sogar körperlich angegriffen. Es ist ein Extremfall von Mobbing, und dennoch kam es in der Region schon vor, wie Galina Hild aus Kirchdorf erzählt. Sie ist hauptberuflich Taekwondo-Trainerin und spricht mit ihren Schülern viel darüber. In diesem Jahr hat sie bereits zwei Kinderbücher herausgebracht. Im neuesten Buch „Ist doch nur Spaß! … oder?“ beschäftigt sie sich mit Mobbing und Ausgrenzung. Deshalb weiß sie auch, dass Mobbing schon beginnt, lange bevor es tatsächlich zu Gewalt kommt.
„Es ist ein sehr wichtiges Thema“, sagt Hild. In ihrer Taekwondo-Schule redet sie regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen, die erzählen, was sie erleben. „Ein paar von ihnen werden gemobbt, geschubst, ignoriert oder ausgelacht.“
Wenn aus Spaß
Ernst wird
Die 44-Jährige, die ursprünglich aus Usbekistan kommt, war in ihrer Kindheit selbst mit Mobbing konfrontiert. „Ich glaube, dass es viele von uns irgendwann erleben“, sagt sie. Was als Spaß abgetan werde, könne jedoch schnell ernst werden. „Es ist kein Spaß mehr, sobald jemand darunter leidet“, erklärt Hild. Eine Schülerin habe ihr erzählt, dass sie regelmäßig einen „Gehfehler“ bekomme, ihr also von hinten ein Bein gestellt werde, sodass sie stolpere. „In der Schule passiert so etwas häufiger. Meist wird darüber gelacht, aber nicht immer ist es auch lustig“, betont die Kirchdorferin. Kinder könnten sich dabei schnell verletzen. „Das Mädchen war deshalb sogar im Krankenhaus.“ Deshalb gelte es auch hier, rechtzeitig einzugreifen. Vor allem, wenn es sich um Mobbing bei Schülern handelt. „Wenn das Kind nicht mehr klarkommt, sollten sich Erwachsene einschalten“, betont sie. Diese können sich ihr zufolge an die Schulen wenden und beschreiben, was passiert. „Am besten in Form von E-Mails, damit man es schriftlich hat“, sagt die Kirchdorferin.
Bei Vorfällen jeglicher Art können sich Betroffene jederzeit an Klassenlehrkräfte, Beratungslehrer, Schulpsychologen und die Schulleitung wenden, empfiehlt auch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus auf Anfrage der Wasserburger Zeitung. Diese können Pressesprecher Alexander Bayerle zufolge im Einzelfall entsprechende Maßnahmen ergreifen – „wenn diese zum Schutz von Schülerinnen und Schülern erforderlich sind“, betont Bayerle. Zudem gebe es klare Vorgaben bei Verdacht auf strafbare Handlungen durch oder gegen Schüler.
Der Sprecher kann allerdings keine Auskunft darüber geben, wie häufig Mobbing an Bayerns Schulen vorkommt. „Zu Gewalttaten erhebt das Kultusministerium keine Daten“, erklärt Bayerle. Klar ist aber: „Wir halten es für essenziell, dass jeder Fall von Gewalt ernst genommen und durch offene Kommunikation deutlich gemacht wird.“
Entschiedenes
Einschreiten erforderlich
Derartige Vorfälle in Schulen erfordern laut Bayerle einen offenen Dialog und entschiedenes Einschreiten. Das Kultusministerium messe dabei vor allem der Prävention und Intervention bei Gewalt und Mobbing an Schulen einen hohen Stellenwert bei.
Kinder und Jugendliche können aber auch lernen, wie man sich wehrt. „Die erste Möglichkeit ist, die Mobber zu ignorieren und sich andere Freunde zu suchen“, erklärt Autorin Galina Hild. Betroffene könnten etwa eine lustige Antwort geben, wenn ihnen eine einfällt. „Was unglaublich viel hilft, ist, wenn sie ein Hobby neben der Schule haben, wo sie andere Menschen kennenlernen“, betont die Kirchdorferin. Dann seien sie innerlich schon gestärkt und würden seltener Mobbing erleben. In Galina Hilds Taekwondo-Schule lernen schon die Kleinsten zusätzlich, dass man für andere einstehen muss. „Erst kürzlich war eine Mama bei mir, deren Sohn schon länger bei mir trainiert“, erzählt Hild. Der Bub geht in die erste Klasse und erlebte, wie ein Klassenkamerad gemobbt wurde. „Er ist dann dazwischengegangen“, betont die Autorin. Die Mutter sei sehr stolz auf ihren Sohn gewesen, und auch für Hild selbst ist das ein Erfolg.
Ihren Schülern möchte sie klarmachen, dass sie sich jederzeit Hilfe suchen dürfen. „Mobbing prägt Betroffene ein Leben lang“, betont Hild. Schlimm sei es besonders dann, wenn die Vorfälle ignoriert werden. „Manche Schulen versuchen zum Beispiel, das Thema unter den Tisch zu kehren“, erzählt sie. Etwa, damit ihr Ruf nicht beeinträchtigt werde. „Das ist nicht richtig. Man muss über solche Sachen reden“, betont Hild.
„Es gibt
null Toleranz“
Dazu bezieht auch das Kultusministerium auf Anfrage Stellung. „Generell gilt: Das Kultusministerium nimmt das Thema Gewalt sehr ernst.“ Gewalt jeder Art, ob gegen Schüler oder Lehrer, werde an Bayerns Schulen nicht geduldet. „Es gibt null Toleranz“, betont Sprecher Alexander Bayerle.
Mit ihrem neuesten Buch will Autorin Galina Hild für Mobbing sensibilisieren. Denn ihr zufolge sollte man so früh wie möglich darüber sprechen. „Kleine Kinder kann man noch formen“, betont Hild. Als Elternteil müsse man sehr darauf achten, mit wem sich der Nachwuchs umgibt. Und auch, wie man selbst mit anderen Menschen umgeht, denn Kinder können Verhaltensweisen nachahmen. „Wenn ich als Mutter meine Kollegin auslache, lernen meine Kinder das von mir. Sie spiegeln mich“, erklärt Hild.
Nicht immer ist das eigene Kind Opfer von Mobbing – es kann auch zum Täter werden. „Unsere Kinder sind keine Engel“, betont die Kirchdorfer Autorin. Dass viele Eltern davon ausgehen, dass ihre Kinder zu Mobbing nicht in der Lage seien, sei ein großes Problem. „Manchmal verschließen sie die Augen.“ Deshalb müsse man dem Nachwuchs vermitteln, nicht nur die eigenen Grenzen zu schützen, sondern auch die der anderen zu respektieren.
In ihrem neuesten Buch gibt die Autorin Tipps für die Praxis. Sie führt Beispiele auf für lustige Antworten auf gemeine Kommentare und erklärt, wie Kinder Betroffenen helfen können, damit es in Zukunft vielleicht seltener eskaliert – und damit das, was anfangs oft noch als Spaß getarnt wird, nicht in Mobbing endet.