Irre Kostüme, individueller Sound

von Redaktion

„Steam Skunk“ heben mit „Zeppelin“ ab in neue Sphären – Zu Besuch bei Wasserburgs schrägster Band

Wasserburg – Ein offener Schrank mit bunt gemischten Klamotten auf der einen Seite, ein kastanienbraunes Klavier an der anderen. Gegenüber sticht ein rostiger Fahrradreifen auf einem Regal ins Auge. Die Wand ziert neben mehreren Gitarren ein lebensgroßer Pferdekopf, modelliert aus Papier und auf Knopfdruck beleuchtbar.

Musikalische Reise
für alle Sinne

Obwohl wir uns mitten in Wasserburg befinden, fühlen wir uns urplötzlich zurückkatapultiert in die Vergangenheit. Die Kreativität, die den Raum in der Bäckerzeile umgibt, ist zum Greifen nah.

Kein Wunder, denn hier entstehen die Tracks von „Steam Skunk“. Einzigartig und bewusst schräg. Ganz hinten im Eck entdecken wir einen kleinen Ventilator aus den 50er-Jahren aus einem Trödelladen.

„Zeppelin“ heißt die neue LP der Band, stilvoll in Messing gehalten. Fast zwei Jahre hat Ben Leinenbach an dem Album gearbeitet, alle Songs komponiert und für jedes Instrument die Stimmen geschrieben. Jetzt ist er mehr als zufrieden mit seinen zwölf Tracks, sechs davon rein instrumental gehalten. „Kaum vorstellbar, wie viel Arbeit da drin steckt“, sagt Leinenbach und dreht bedächtig seine eigene Schallplatte in den Händen.

Zu Corona-Zeiten
entstanden

Der Musikstil von „Steam Skunk“? Individuell! „Wir machen das, was uns Spaß macht, wollen überraschen und das ein oder andere Rätsel aufgeben“, ergänzt Anna Schöll.

Sie ist der kreative Kopf der Band und kümmert sich um „Artwork“, die auch im Schaufenster der Bäckerzeile zu sehen ist: Cyanotypien (Eisenblaudruck), diverse Skulpturen oder Kinderbücher.

„Steam Skunk“ entstand vor fünf Jahren zu Corona-Zeiten als Kunstprojekt und zeigt auf, was man mit Worten alles anstellen kann. „Die multikulturelle Sprachgewandtheit steht im Fokus der Inszenierungen“, erzählt Anna Schöll und erhält prompt zustimmendes Nicken von Ben Leinenbach. Denn Sprache bedeutet den beiden sehr viel. So ist es auch gewollt, verschiedene Sprachen in den Songs zu mischen – ob Italienisch, Englisch oder Deutsch.

„Zeppelin“ verkörpert eine Reise. Befeuert wurde sie durch ein Erlebnis während der Pandemie, als Leinenbach und Schöll mit einem 70 Jahre alten Faltboot in Venedig gepaddelt sind. Dort hat ihre Reise begonnen, was ein Song auf ihrer ersten LP sinnbildlich verkörpert: „Barca Pieghevole“ – auf Italienisch das Faltboot. Der Kreis schließt sich mit dem letzten Song „Venezia“ auf dem neuen Vinyl.

Wie passt überhaupt das „dampfende Stinktier“ in die Band? Leinenbach lacht – und betont, sie wollten den Bandnamen an den von ihnen stets geschätzten viktorianischen Klamottenstil und Lifestyle „Steampunk“ anlehnen. Doch der hat im Grunde mit Musik so rein gar nichts am Hut. „Wir sind natürlich auch keine Punker. ‚Skunk‘ ist humoristisch und hat uns einfach am besten gefallen“, lautet die kurze und knappe Erklärung.

„Retro-Futurismus“ spiegelt sich auch in Leinenbachs Wohnzimmer wider – dort, wo die Songs ihren Ursprung finden, aufgenommen und gemischt werden – bis auf das Schlagzeug versteht sich. „Wir feiern die viktorianische Zeit und die erste Industrialisierungsphase. Bei uns dreht sich alles um Zahnräder, Zylinder und Dampf – weg von den Pferden, zunächst auf die Schiene und dann in die Luft“, lautet der Tenor. Anna Schöll ist ein großer Fan des deutschen Luftfahrtpioniers Otto Lilienthal.

Ein wahrlich markantes Markenzeichen, das natürlich auch in den Videos nicht fehlen darf. Schöll ist mehr Designerin als Musikerin und hat dennoch Rhythmus im Blut. „Ich liebe es, schräge Geräusche aller Art zu erzeugen.“

Tatsächlich ist es kaum zu glauben, welch außergewöhnliche Visualisierung ein alter rostiger Blechkoffer hervorbringen kann – ob mit der bloßen Hand oder mithilfe eines Boxhandschuhs. Ein Teppichklopfer sorgt für Kratzgeräusche und aus Westafrika stammt Schölls rasselähnliche „Klapperschlange“, bestehend aus einer Schote mit Bohnen des dort beheimateten Flammenbaums.

Die freischaffende Grafikdesignerin und Illustratorin hat außerdem ein Faible für Kostümierung. Wilde, ausladende Kleidung, ausgefallene Kopfbedeckungen, verrückte Brillen aus Korkenziehern, Gewindeschrauben und Knöpfen – alles selbst entworfen. Anna Schöll bedient sich allem, was nicht niet- und nagelfest ist, und kombiniert es auf kreative Weise miteinander. 27 Brillen sind es inzwischen – ihr ganzer Stolz.

Die Drehorte für die Musikfilme finden sich im Raum Wasserburg. Der erste fand in der mittlerweile abgerissenen Essigfabrik statt. Ansonsten waren Garagen und Hinterhöfe in der Wasserburger Altstadt Schauplätze ihres Wirkens.

Auch den Lokführer
kostümiert

Die Aufnahmen in dem offenen Waggon ohne Wände entstanden in der Nähe von Obing auf den Schienen der Chiemgauer Lokalbahn. Anna Schöll hat für das Video kurzerhand auch den Lokführer entsprechend kostümiert.

So tuckerte „Steam Skunk“ in ihrem viktorianischen Stil auf Schienen über die alte Eisenbahnbrücke, die sich erhaben wie ein römisches Viadukt und dennoch versteckt hält in den Wäldern bei Amerang.

Heimatverbundenheit wird bei beiden großgeschrieben. Ben Leinenbach ist überzeugter Wasserburger, ist hier zur Schule gegangen und kennt jeden. 2018 hat er seine Wohnung im Herzen der Altstadt gekauft. „Ich war genug unterwegs, um zu wissen, wie wertvoll Wasserburg ist. Die Stimmung ist immer gut, die Leute nett, nach nur wenigen Metern ist man um zwei Lächeln und einen Scherz reicher.“ Anna Schöll als begeisterte Schwimmerin schätzt die freie Auswahl an Seenlandschaften im Umkreis weniger Kilometer rund um den Inn. Auf der „Insel der Exoten“, wie sie die Halbinsel und ihre Bewohner liebevoll nennt, hilft jeder jedem. „Wasserburg ist ein tolles Pflaster.“

Kennen-, schätzen-
und lieben gelernt

Fünf Jahre ist es her, dass sich Schöll und Leinenbach kennen-, schätzen- und lieben gelernt haben. Damals designte Schöll für ein Plattencover des Attler „ABM Orchesters“, in dem Mitbegründer Leinenbach als Heilerziehungspfleger mitwirkt, die CD.

Anna Schöll ist das Auge, Ben Leinenbach das Ohr. Trotz der Gegensätze gibt es Gemeinsamkeiten: „Wir können super zusammenarbeiten, die Leidenschaft zur Sprache verbindet.“ Während Leinenbach Musiker mit Leib und Seele ist, ist Schöll komplett visuell unterwegs. Sie ist wohl seine schärfste Kritikerin.

Ein vager Blick in die Zukunft offenbart: Auch nach „Zeppelin“ geht die Reise von „Steam Skunk“ weiter. Leinenbach hat zwei Songs geschrieben, die noch nicht aufgenommen sind. „Weil wir als Projekt angefangen haben, gab es bisher noch nie Live-Auftritte. Da aber immer mehr Anfragen von Fans eintrudeln, die unsere komplexe Musik hautnah erleben wollen, kommen wir langsam nicht mehr umhin und proben bereits mit der Band.“

Konzerte
frühestens wieder 2026

Konzerte wird es allerdings nicht vor 2026 geben, mutmaßt der 58-Jährige. Im Frühjahr steht zunächst eine längere Reise an, vielleicht nach Guatemala. Da lassen sich die beiden treiben – so, wie sie es immer machen.

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