Reichertsheim – Reittherapeutin Ruth Wenzl betreut pro Woche zwölf Kleingruppen aus Au, Gars und Waldkraiburg, bestehend aus jeweils zwei bis drei Personen. Sie kümmert sich jeden Nachmittag in der Reithalle vor allem um Kinder und Jugendliche mit Handicap. „Ja! Alle 14 Tage!“, antworten das zwölfjährige Mädchen und der 15-jährige Junge aus dem Franziskushaus in Au, die heute zugegen sind, ebenso spontan wie sichtlich erfreut auf die Frage, ob die Therapiestunden mit dem Pferd etwas Regelmäßiges sind. Stolz sitzt die Zwölfjährige auf dem Rücken des Pferdes, nachdem sie über ein kleines Treppchen in den Sattel gestiegen ist.
Das Pferd
als Sozialpartner
Bei der therapeutischen Begegnung mit dem Pferd geht es gar nicht primär um das Reiten. Vielmehr wird das Pferd im Erlebnisraum Bauernhof zum Sozialpartner, dem man auf verschiedene Weisen begegnet: beobachtend, pflegend und fütternd, beim Herumführen und, wenn möglich, auch beim geführten oder sogar freien Reiten.
Das Pferd fungiert dabei als Motivationsträger und Eisbrecher. Es weckt Emotionen, zieht Aufmerksamkeit auf sich und wirkt dadurch insbesondere auf Menschen mit Beeinträchtigung beruhigend und haltgebend, wie Ruth Wenzl erklärt. Auf die Dauer hat das in der Regel eine günstige Beeinflussung der Persönlichkeitsbildung zur Folge.
Ruth Wenzl kann im täglichen Einsatz mit zwei Pferden arbeiten, nämlich mit Grisu und Semirra. Dass dies möglich ist, verdanken Therapeutin und Betreute Carola Simonetti aus Reichertsheim, die die zehnjährige Huzule-Stute Semirra für genau diesen Zweck gestiftet hat. Die Rasse gilt als robust und punktet mit einem freundlichen Charakter. Carola Simonetti kümmert sich auch weiterhin um Semirra, denn das Tier ist ortsfest, für die Therapiestunden fährt man zum Pferd. Wie sensibel und emotional das Ganze ist, merkt man nicht zuletzt daran, dass die Anwesenheit eines Außenstehenden nicht nur die beiden jungen Leute, sondern auch Semirra etwas nervös macht.
Erstaunlich intensives
Miteinander
Daher verlässt man bald wieder die Reithalle, um die kleine Gruppe sich selbst und diesem erstaunlich intensiven Miteinander von Mensch und Pferd zu überlassen.