Wasserburg – Er ist vielleicht der dienstälteste Nikolaus Deutschlands: Peter Stenger aus Wasserburg am Inn. Der 82-Jährige besucht schon seit über 60 Jahren am 5. Dezember Kinder und Familien.
Zu seiner Rolle als Nikolaus ist Stenger damals über die Katholische Jugend gekommen. „Sie hatten ein Nikolauskostüm. Das habe ich auch heute noch“, sagt er. Von da an ist Stenger fast jedes Jahr als Bischof zu den Familien gekommen. Nur während der Corona-Pandemie hat der Wasserburger zwei Jahre ausgesetzt, sagt er.
In guter
Erinnerung bleiben
Als Nikolaus ist ihm eines besonders wichtig: „Der Nikolaus soll Kinder motivieren und in guter Erinnerung bleiben“, sagt er. Deswegen bittet Stenger Eltern, immer auch viele gute Dinge aufzuschreiben, nicht nur die, die das Kind nicht so gut gemacht habe.
Immerhin ist der Nikolaus ein Mensch, der einem Geschenke bringt und es gut mit einem meint. Und nicht einer, der Kinder bestraft, findet Stenger. Besonders freut es den Wasserburger auch, wenn die Kinder dem Nikolaus ein Lied vorspielen oder einen Vers aufsagen. „Dann fordere ich auch die Eltern auf, zu klatschen.“ Die Kinder würden sich dann immer sehr freuen und könnten stolz auf sich sein, sagt Stenger.
Keine
Ängste schüren
Eltern sollten zudem auch keine Angst vorm Nikolaus schüren und ihn nicht als Erziehungsmittel einsetzen, so Stenger. Sätze wie „dann steckt der Nikolaus dich in den Sack“ würden Furcht hinterlassen. Schon seit einigen Jahren geht Stenger deswegen auch ohne Kramperl zu den Familien.
Denn dass der Nikolaus den Kindern stark im Gedächtnis bleibt, zeigt eine Erfahrung Stengers. In den Sommermonaten vor einigen Jahren ist er einer Familie begegnet, bei der er in der Adventszeit als Nikolaus war. „Die Kinder meinten im Nachgang des kurzen Gesprächs auf der Straße, dass ich die gleiche Stimme wie der Nikolaus hätte“, erzählt Stenger. „Der Nikolaus war sogar noch im Sommer derart präsent in den Köpfen der Kinder“, sagt der Wasserburger.
Fast aufgeflogen wäre Stenger ausgerechnet mal bei seiner eigenen Familie. „Einmal war ich als Nikolaus bei meinen Kindern“, erzählt Stenger. Sein Sohn habe den Nikolausstab in den Händen gehalten und Stenger habe seine Rolle gespielt. „Am Ende sage ich dann: ‚So, jetzt gibst du dem Papa den Stab wieder zurück‘“, erinnert sich Stenger. Ihm ist sein Fauxpas sofort aufgefallen. „Ich musste mein Lachen stark unterdrücken.“ Aufgeflogen ist er glücklicherweise nicht, sagt er.
Ein anderes Mal besuchte Stenger auch den Wasserburger Stadtrat als Nikolaus. Stenger war selbst über viele Jahre Mitglied des Gremiums. „Doch als ich den Saal betrat, haben alle angefangen zu lachen“, erinnert sich der Wasserburger. Erst war Stenger verdutzt. Doch dann hat ihm sein Kramperl gesagt, dass er seinen Bart falsch trage.
Dass die Leute lachen, wenn er als Nikolaus kommt, ist Stenger nicht gewohnt. „Ich besuche auch die Grundschulklassen in der Altstadt“, sagt er. Bevor er ein Klassenzimmer betritt, ist es oft noch etwas laut. Wenn der Nikolaus den Raum dann betritt, wird es ganz still, erzählt der 82-Jährige. „Ich versuche dann auch immer, den Kindern zu vermitteln, dass Stille auch einmal guttun kann“, sagt Stenger.
„Stade Zeit“ ist
laut geworden
Denn auch wenn die Adventszeit als die „stade Zeit“ gilt, ist es laut Stenger eher laut. „Aus allen Geschäften tönt Musik, und es ist in der Zeit vor Weihnachten viel geboten“, sagt er. Sich zu besinnen, komme mittlerweile viel zu kurz. Grund dafür ist laut Stenger ein anderer Zeitgeist.
Die Gesellschaft rücke immer mehr den Konsum in den Fokus, sagt er. Das merkt der Wasserburger auch daran, was Kinder zum Nikolaus geschenkt bekommen. „Früher gab es Mandarinen und ein bisschen Schokolade. Heute kriegen die Kinder bis oben gefüllte Säcke, mit Spielzeug und vielen Süßigkeiten“, weiß er.
Corona-Pandemie
hat Schnitt bewirkt
Zudem hat sich eine weitere Sache stark verändert: „Das Brauchtum des Nikolaus wird immer weniger“, sagt Stenger. Besonders die Corona-Pandemie habe hier, wie auch in vielen anderen Bereichen, einen Schnitt bewirkt. Denn während Stenger laut eigenen Angaben vor Corona noch um die 20 Familien besuchte, werden es heuer nur mehr sieben Familien sein. „Hier wohnen mittlerweile mehr Menschen, die einer anderen Religion als dem Christentum angehören. Zudem steigen immer mehr Menschen aus der Kirche aus“, sagt er. „In zehn oder 20 Jahren wird es hier keinen Nikolaus mehr geben“, vermutet Stenger. Er selbst will jedenfalls noch weitermachen, solange er kann.