„Lage dramatisch, aber nicht hoffnungslos“

von Redaktion

Dreissena bugensis ist klein, braun, gefräßig und ein potentes Luder. Für die Renke ist sie lebensgefährlich. Für Enten die Lieblingsspeise. Für die Chiemseefischer ist die Quagga-Muschel existenzbedrohend. Die wollen ihren Feind genau kennen und investieren kräftig.

Prien – Bei einer Tagung zur Quagga-Muschel im Priener Rathaus, organisiert von der Marktgemeinde und dem „Rotary-Club Chiemsee“, haben Fachleute aus Wissenschaft, Behörden, Fischerei, Wasserwirtschaft, Vereinen und Kommunen intensiv über die zunehmende Ausbreitung und Gefahr der invasiven Quagga-Muschel im Chiemsee geredet. Sie waren sich einig: Der Handlungsdruck ist hoch und die überregionale Koordinierung dringend notwendig.

Wachsender
Handlungsdruck

Zu Beginn stellte Prof. Dr. Herwig Stibor vom limnologischen Institut der LMU München mit Forschungsstation in Seeon aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Demnach filtert die Quagga-Muschel in großem Umfang Plankton aus dem Wasser und entzieht damit anderen Arten die Lebensgrundlage. Das trifft, erklärt Florian Kirchmeier, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Chiemsee, vor allem die Salmoniden hart. Und damit den wichtigsten Fisch des Chiemsees: die Renke.

Die Quagga-Muschel vermehrt sich rasend schnell, haftet sich an feste Oberflächen und verbreitet sich als Larve über das Wasser. Untersuchungen zeigen, so Stibor, dass sich die Muschel vermutlich bereits seit mehreren Jahren im Chiemsee etabliert hat.

Besonders ausgeprägt ist die Besiedlung im Bereich Urfahrn, wo Wachstumsraten sogar über den Beobachtungen aus dem Bodensee liegen. „Der Chiemsee ist wegen der Tiroler Ache ein sehr nährstoffreicher See, wird deswegen unter explosivem Wachstum leiden“, befürchtet Kirchmeier.

Ein zentrales Thema war die Belastung für Fischerei und Infrastruktur. Vertreter der Fischerei berichteten von erheblichen Einschränkungen: Netze reißen unter dem Gewicht der Muscheln, Großreusen werden unbrauchbar, und Fische können die Vermehrung kaum eindämmen. Allerdings sehen die Chiemseefischer einen kleinen Silberstreifen am Horizont, denn Weißfische – darunter Brachsen und Rotaugen – fressen die maximal vier Zentimeter große Quagga-Muschel.

Auf was die Fischer auch noch hoffen: Der Chiemsee ist ein relativ flacher See. Und die Enten lieben Quagga-Muscheln wie Kinder Nudeln mit Tomatensauce. Auf die Hoffnung wollen sich die 16 Mitglieder der Fischereigenossenschaft, allesamt hauptberufliche Fischer, aber nicht verlassen. Sie wollen genau wissen, mit wem sie es zu tun haben. Schließlich ist die kleine zähe Muschel für sie existenzbedrohend.

Deswegen hat die Fischereigenossenschaft dem limnologischen Institut einen Topf mit 50.000 Euro zur Verfügung gestellt, aus dem Forschungsprojekte unterstützt werden. „Da dürfen auch gerne andere einzahlen“, sagt Kirchmeier mit einem Schmunzeln. Denn die Quagga-Muscheln haben sich nicht nur im Chiemsee eingenistet. Alarmierend seien auch Befunde aus der Alz, so Stibor, wo auf einem längeren Abschnitt nahezu ausschließlich Quagga-Muscheln vorkommen. Auch aus dem Simssee, dem Ilsesee, dem Traunsee sowie weiteren Gewässern wie jüngst dem Starnberger See wurden Nachweise gemeldet.

Die Chiemseefischer stellen aber nicht nur Geld zur Verfügung, sie unterstützen die Forscher auch ganz direkt. Kirchmeier berichtet, dass Messgeräte angeschafft werden, mit denen der Sauerstoffgehalt in verschiedenen Wassertiefen gemessen werden kann. Und die Boote werden mit Messgeräten für die Sichtweiten im See ausgestattet.

Hinweise auf
vorhandene Nährstoffe

Denn die Sichtweite gibt eindeutige Hinweise auf die vorhandenen Nährstoffe, erklärt der erfahrene Fischer. „Wir können die Quagga nicht verhindern oder ausrotten, das ist klar. Aber wir wollen unseren Feind kennen. Und unsere Betriebe müssen die Chance haben, sich umzustellen.“ Ob auf andere Fischarten oder auf weitere Standbeine, muss jeder selbst entscheiden.

Auch die Schifffahrt und Werften verzeichnen steigenden Reinigungs- und Wartungsaufwand. Denn die eingewanderte Muschel setzt sich an Schiffen und Booten fest. Was deren Reinigungsbedarf intensiver macht.

Bei den großen Schiffen der Chiemseeflotte besteht zumindest eine Gefahr nicht: dass sie die Quagga-Muschel in andere Gewässer weitertragen. Bei Neoprenanzügen, Schlauchbooten, Paddleboards, Surfbrettern, Luftmatratzen und Segelbooten hingegen schon. Die bringen unbewusst Muschelnachwuchs in Larvenform mit.

Die Behördenvertreter, darunter das Landesamt für Umwelt, verdeutlichten, dass eine deutschlandweite, koordinierte Strategie bislang fehle. Zwar wurden regional schon klare Schutzbestimmungen beispielsweise in Genehmigungen für Regatten aufgenommen und zahlreiche Institutionen arbeiten bereits an Teilaspekten, doch eine zentrale Stelle für die Steuerung des Monitorings oder der Maßnahmen existiert derzeit nicht.

Mehrere Teilnehmer sprachen sich daher für verbindliche Reinigungsstandards, eine breitere Sensibilisierung der Bevölkerung und eine klare Abstimmung zwischen Landkreisen, Wasserwirtschaftsämtern und Naturschutzbehörden aus. Hervorgehoben wurde bei der Tagung, dass bereits einfache Maßnahmen – wie konsequente Reinigung von Booten, Neoprenanzügen oder Wasserspielgeräten – zur Eindämmung beitragen können.

Sauberkeit
kann helfen

Bei den Priener Häfen und Werften weiß Kirchmeier, dass die sehr gründlich sind beim Säubern der Boote, bei den anderen weiß er es nicht, hofft es aber. Dass allerdings eine Familie daran denkt, ihr Schlauchboot gründlichst mit möglichst heißem Wasser zu reinigen, bevor sie es vom Simssee in den Chiemsee bringt, daran zweifelt er.

Am Ende der Tagung kündigte Priens Bürgermeister Andreas Friedrich an, gemeinsam mit den Anrainergemeinden des Chiemsees, die im Abwasser- und Umweltverband Chiemsee verbunden sind, einen offenen Brief an Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber zu richten, um auf die Dringlichkeit aufmerksam zu machen und konkrete Schritte zur Beobachtung und Entwicklung einer zumindest bayernweiten Strategie im Umgang mit der invasiven Art einzufordern.

Und vielleicht fühlt sich ja auch einer der vielen guten Köche rund um den See herausgefordert und experimentiert mit den miesen Muscheln, bis er einen Weg gefunden hat, diese genießbar zu machen. An Mangel an Versuchsobjekten scheitert es sicher nicht.

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