Mühldorf – Drei Jungs unterwegs nach München. Cam Cole, eines der wohl bekanntesten Gesichter der Londoner Straßenmusik-Szene, kommt ins Backstage. Das wollen sich die drei Musiker, ein Rockmusiker aus dem Nachbarlandkreis und zwei Blasmusiker aus Mühldorf, nicht entgehen lassen. Schon Monate zuvor hatten sie die Tickets besorgt, um am Konzertmontag in die Landeshauptstadt zu fahren. Natürlich mit dem Zug, denn ein solches Konzerterlebnis genießt man nicht mit Selters-Wasser. Und schließlich reist man auch entspannter – ganz ohne Parkplatzsuche oder Verkehrsstress in der City.
Bluesharpspieler Gogo Butz steigt bereits in Garching an der Alz in die Südostbayernbahn, freut sich, dass der Zug fast schon pünktlich kommt und zügig nach Mühldorf weiterfährt: „Nur zwei Minuten Verspätung!“, lässt er seine Spezln, Tenorhornist Schorsche und Schlagzeuger Sepp, über Whatsapp wissen, die in Mühldorf zusteigen. 17.37 Uhr Abfahrt in der Kreisstadt. Auch das klappt pünktlich. Geplante Ankunftszeit am Münchner Hauptbahnhof: 18.54 Uhr. Genug Zeit also, um sich dann noch mit der S-Bahn in die Eventlocation zu begeben. Alle sind guter Dinge, dass der Zug überpünktlich ankommt. Doch es sollte anders kommen.
Erst mehr als eine halbe Stunde Wartezeit in Dorfen, dann auch noch Hörlkofen. Lange Standzeiten, um den Zug aus München abzuwarten, der die Pendler am Abend in den Landkreis Mühldorf bringen soll. Die Wartezeiten arten schließlich aus, bis plötzlich die Durchsage kommt: „Nächster Halt Markt Schwaben. Die Fahrt endet hier.“ Es folgt die Aufforderung, auszusteigen und die Weiterempfehlung, die Reise mit der S-Bahn fortzusetzen.
Man muss schon die Beine in die Hand nehmen, um tatsächlich noch die Bahn um 19.36 Uhr – zwei Stunden nach Fahrtantritt in Mühldorf wohlgemerkt – zu erreichen. Immerhin: Die 36 Minuten Fahrtzeit hält die ebenso leicht verspätete S-Bahn ein, mit einer Verzögerung von einer halben Stunde sind die drei Blues-Fans dann endlich im Backstage. Glücklicherweise spielt immer noch die Vorband. Der Schaden hält sich in Grenzen. Solche Verzögerungen seien Alltag, berichten Reisende.
Die Bahn verweist auf vielfältige Ursachen: zahlreiche Baustellen, Langsamfahrstellen und die Erneuerung alter Infrastruktur. Diese Maßnahmen belasteten zwar aktuell die Pünktlichkeit, seien aber Voraussetzung für einen zuverlässigeren Betrieb, erklärt eine Sprecherin der DB auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Allein 2026 würden rund 500 Kilometer Gleise und über 200 Weichen in Bayern erneuert, Investitionen von mehr als vier Milliarden Euro seien vorgesehen. Auch im Bereich der Südostbayernbahn werde Geld in die Ertüchtigung gesteckt, sagt die Bahnsprecherin. Beispielsweise zwischen Riem und Markt Schwaben, wo die Gleise erneuert, oder in Schwindegg und Weidenbach, wo die mechanischen Stellwerke durch moderne elektronische Stellwerke ersetzt werden sollen.
Für die Strecke München-Mühldorf nennt die Bahn unter anderem neue Stellwerke in Thann-Matzbach und Hörlkofen als zentrale Verbesserungen. Deren Inbetriebnahme sei ein Meilenstein, auch wenn der laufende Umbau den Betrieb derzeit stark beanspruche.
Aufgrund des hohen Alters der Anlagen sei es zuletzt mehrfach zu Störungen gekommen, die sich auf der eingleisigen Strecke besonders stark ausgewirkt hätten. Nach dem 15. Dezember erwarte man spürbare Verbesserungen.
Wilhelm Mack, Vorstand des Kundenbeirats der Südostbayernbahn, sieht die Betriebsqualität auf der Strecke dennoch seit Längerem kritisch. Die dichte Belegung der größtenteils eingleisigen Trasse mit Personen- und Güterzügen sei ein Kernproblem. Der Kundenbeirat begrüßt die Erneuerung der teils aus dem vorletzten Jahrhundert stammenden Leit- und Sicherungstechnik, fordert aber zugleich den zügigen zweigleisigen Ausbau. Der Bund müsse für baureife Abschnitte die Finanzierung sicherstellen. „Alles, was baureif ist, muss auch umgehend gebaut werden. Da darf nichts liegen bleiben.“
Denn Verspätungen einzelner Züge schaukelten sich zwangsläufig auf, ergänzt Mack – hinzu kommen externe Ursachen wie Polizeieinsätze. Einer davon sorgte auch bei der Heimfahrt der Band für eine weitere Dreiviertelstunde Wartezeit in Thann-Matzbach. Erst um 1.18 Uhr endete die Fahrt in Mühldorf.
Für Gogo bedeutete das: gestrandet. Nur mit privater Hilfe kam er nach Hause. Kurz vor 2 Uhr nachts fiel er ins Bett. Am Ende also doch eine ganz normale Nacht für einen Rockmusiker.
Josef Enzinger