Abschied nehmen von den Eisblumen

von Redaktion

Adventliche und nachdenkliche Lesung in Mittergars mit Texten aus der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs

Mittergars – Mittergars ist zwar ein kleiner Ort, doch belegen ein reges Vereinsleben und zahlreiche Veranstaltungen die Aktivität seiner Gemeindebürger. Zum Jahresende fand dort eine Lesung der Historikerin und Autorin Ulrike Zöller statt, musikalisch umrahmt vom Jettenbach-Mittergarser Kirchenchor und der Salettl-Musi. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe des Arbeitskreises „Erinnern ‘45“ statt und wurde vom Mittergarser Dorfforum unterstützt. Das Dorfforum hatte zusammen mit den Vereinen auch den Weihnachtsmarkt vor der Kirche organisiert. Eingangs begrüßte Katrin Gruber die Zuhörer in der gut gefüllten Pfarrkirche.

Ambivalenz
in sich tragen

Es war jedoch keineswegs eine jener Lesungen, die auf beschauliche Weise weihnachtliche Vorfreude aufbauen wollen. Vielmehr barg sie auch einiges an Herausforderung, da die gelesenen kurzen Texte aus einem dunklen Abschnitt der deutschen Geschichte stammten: der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs und der Zeit kurz danach. Ulrike Zöller machte bereits in ihren einleitenden Worten deutlich, dass die Geschichten zur Weihnachtszeit, die sie vortragen würde, nicht von ungebrochen-harmloser Weihnachtsfreude geprägt sein würden. Stattdessen stünden sie unter dem Motto „adventlich und nachdenklich“ und würden eine gewisse Ambivalenz in sich tragen. So am Beispiel der Eisblumen, in deren überaus ästhetischer Erscheinung man so vieles sehen kann. Wenn man sich aber Wärme herbeisehnt und die Hoffnung sich dann erfüllt, bedeutet das auch das Abschiednehmen von den Eisblumen.

Unerwartet konventionell
und harmlos

Ein polnisches Weihnachtslied leitete zum ersten Handlungsort über: Ein Frontsoldat schrieb Weihnachten 1944 aus Polen an seine Eltern. Obwohl Zöller nicht vergaß zu erwähnen, dass hier ein Besatzungssoldat aus einem eroberten Land schreibt, nimmt sich der Brief unerwartet konventionell und harmlos aus. Der Verfasser berichtet zwar, dass seine Einheit nach Osten unterwegs sei, was für dessen weiteres Schicksal nichts Gutes erahnen lässt.

Mit dieser unverfänglichen Harmlosigkeit war es jedoch schlagartig vorbei, als der KZ-Häftling Jack Terry aus dem Lager Flossenbürg von der Hinrichtung von sechs russischen Häftlingen, ebenfalls an Weihnachten 1944, erzählte. Diese wurden vor den Augen der auf dem Appellplatz vollzählig angetretenen KZ-Insassen gehängt, wobei die Wachen sorgsam darauf achteten, dass auch alle aufmerksam zusahen und dabei bloß kein trauriges Gesicht machten – ein Weihnachtserlebnis, das wohl keiner der dort zwangsweise Versammelten je wieder vergessen konnte.

Unvergessliche
Zeichen der Hoffnung

Die nächste Geschichte erzählte ebenfalls von einem unvergesslichen Weihnachtserlebnis, diesmal jedoch im positiven Sinne. Zum ersten Weihnachtsfest nach Kriegsende möchte ein elfjähriger Junge seinen Eltern zumindest einen Weihnachtsbaum aus dem Wald holen, da es sonst nichts gibt. Obwohl der Wald ein Minensperrgebiet ist, wagt sich der Junge hinein. Er hat bereits glücklich einen kleinen Baum abgeschnitten, als ihn ein Soldat der amerikanischen Besatzungsmacht stellt. Dieser schimpft in einer ihm unverständlichen Sprache fürchterlich mit ihm und zeigt auf das Schild, welches das Betreten des verminten Waldes streng verbietet.

Als der GI daraufhin zu seinem Jeep geht, fürchtet der Junge, er werde seine Maschinenpistole holen und ihn erschießen. Der Soldat kehrt jedoch mit vier Tafeln Schokolade zurück, mit denen der kleine Baum dann geschmückt wird. Auch wenn es später noch viele Weihnachtsbäume im Leben des damals Elfjährigen gab: Dieser kleine mit den vier Tafeln Schokolade bleibt der unvergesslichste.

Vertrieben
aus Schlesien

Ein Weihnachtslied aus Schlesien leitete zur nächsten Geschichte über, in der es um Vertriebene geht, die nach dem Krieg von dort flüchten mussten. Während der gesamten Veranstaltung wurde auf inhaltliche und musikalische Verklammerungen geachtet, wobei sich in den Musikstücken und Liedern die jeweilige Stimmung widerspiegelte. So entstand eine vorweihnachtliche Stunde von besonderer Dichte und emotionaler Wirkung. Dazu trug im Sinne einer Steigerung auch die Geschichte der kleinen Johanna bei. Sie wünschte sich nun schon zum zweiten Nachkriegsweihnachten die Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft – neben wiederholten guten Wünschen für die drei auf dem Dachboden des Hauses einquartierten Flüchtlingsfrauen, die ihr so viel Wärme und Trost gaben. Doch es kam nur ein zerlumpter Bettler durch den Schnee, der sich, man ahnt es, dann aber als der zunächst nicht mehr wiederzuerkennende und von der Gefangenschaft gezeichnete Vater entpuppte. Da angesichts seines Gesundheitszustands eine Teilnahme am Weihnachtsschmaus geradezu lebensgefährlich gewesen wäre, aß die ganze Familie solidarisch Gemüsesuppe und Brot – und selbst in fortgeschrittenem Alter konnte sich Johanna an kein leckereres Festmahl erinnern.

In der abschließenden Geschichte erfuhren die Zuhörer schließlich noch, was ein Herzenswärmer ist, womit auch der Bogen zu den Eisblumen am Anfang geschlagen wurde. Nein, es ist keine Art Wärmflasche und auch kein „Liebestöter“, wie der Nikolaus einmal auf die Frage des sehr verblüfften Mädchens erklärte.

Was das Herz
wirklich wärmt

Erst der aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrende Vater konnte es seiner Tochter begreiflich machen: Es ist etwas, das durch seine Präsenz und die damit verbundenen Erinnerungen und Empfindungen das Herz erwärmt. So wie es bei ihm in der Gefangenschaft mit den aus der Heimat geschickten Pulswärmern der Fall gewesen war, an denen seine Tochter mit so viel Mühe gearbeitet hatte und die ihn durchhalten und nach Hause zurückkehren ließen.

Der Choral „Wir beten an die Macht der Liebe“ bildete dazu einen passenden musikalischen Kommentar. Nach der Abmoderation und Danksagung an alle Mitwirkenden durch Kreisheimatpfleger Daniel Baumgartner, der wegen des Erfolgs auch gleich eine Fortsetzung der Veranstaltungen zum Thema „Erinnern ‘45“ im kommenden Jahr ankündigte, endete die Veranstaltung mit einem gemeinsam gesungenen „Macht hoch die Tür“.

Nachdenklich und mit deutlich gesteigerter Sensibilität für die großen und kleinen Weihnachtsfreuden in unserer Zeit sowie mit viel Empathie für all diejenigen, die nach wie vor Weihnachten in Krieg und Not verbringen müssen, verließen die Zuhörer die Kirche.

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