Weihnachten der Armut

von Redaktion

So berichtete der Haager Bote über das Fest während der Weltwirtschaftskrise

Haag – Armutsweihnachten, „Suppenküchen“ und „Tafeln“ für Bedürftige erfreuen sich immer größerer Beliebtheit auch in unserer Wohlstandsära. Vor knapp 100 Jahren stand ein „Weihnachten der Armut“ vor der Tür. Arbeiter, Geschäftsleute, Beamte, alle in und um Haag jammerten. Die Geschenke fielen meist bescheiden aus. Die „Lager sind mit Waren vollgestopft“, meldete die Haager Zeitung, doch „es fehlen die Käufer“. Bedauerlich sei, dass diese Verkaufskrise gerade in das Weihnachtsgeschäft falle, das bislang „von ausschlaggebender Bedeutung“ war, berichtete der „Haager Bote“ weiter.

Wäsche und
Spielsachen

Auf dem Weihnachtsmarkt am Bräuhausplatz fanden acht Ochsen und 119 Schweine ihre Käufer. Die „Kinderbewahranstalt“, also der Kindergarten, von Isen führte das „Wunderkerzlein“ auf. Aus den Spenden konnten die Schwestern 40 „Anstaltskindern“ Wäsche und Spielsachen schenken. Die Schülerinnen von St. Joseph in Ramsau luden die Bevölkerung zum Theater, um das Eintrittsgeld zur Christbescherung der Kinder zu verwenden. Die Ferien dauerten damals schon vom 20. Dezember bis 7. Januar. „Gaben für die Arbeitslosen“ sammelte der „Haager Bote“ in einer Hilfsaktion. Frau Spitzauer steuerte in einer ersten Spende zwei Mark bei, ein Ungenannter zehn, der Bürgermeister 20, das Pfarramt 20 und die Gemeinde aus dem Überschuss 200. „Frau Gräfin von Moy“ schickte 200 Mark „zur Verteilung an Arme“. Die Kleintierzüchter boten zu ihrer Christbaumfeier eigene Erzeugnisse, „bratfertig hergerichtete Enten, Hendl, Gickerl, Tauben und Fasane, lebende Indian und Eier“. Das Los kostete 20 Pfennige. Das Musikhaus Kierner – heute hat Haag keines mehr – warb mit Gramola und Trichter-Gramophon. Der „Arbeiterverein“ (AKUV) nahm aufgrund der wirtschaftlichen Lage „Abstand vom Familienabend“, auf der Quartalsversammlung unterhielt lediglich der Vereinskomiker Besenrieder.

Die „Inhaber der weihnachtlich geschmückten Geschäfte“ warteten meist vergeblich auf Kundschaft. Conditorei Wanger am Bräuhausplatz bot Bonbonnieren, Nürnberger Lebkuchen, Christ-Stollen, feinstes Weihnachtsgebäck und Punschessenzen. Ferdinand Hartmann lockte mit doppelten Rabattmarken und kreierte die „Geschenkidee 1930“: Parfüm mit Seife im Karton zu 60 Pfennig.

Zu „billigsten Preisen“ hatte Ludwig Schild aus Hart „prima selbst gefertigte Ski“, Christian Heigl warb mit Zigaretten-Etuis, Schülertaschen und Ledergamaschen. Die Backdie-Filiale (heute Gärtnerei Huber an der Wasserburger Straße) versprach Billigstes, das Kaufhaus Max Seifried gegenüber dem Löwenbrunnen „Preisabbau“ und Schuster Georg Sax in Lerchenberg „besonders für die gegenwärtige Bedarfszeit“ Skistiefel für Damen und Herren „zwiegenäht“ und Kamelhaarschuhe.

Sängerchor und
„kleine Schwestern“

Die Metzgerei Freundl präsentierte „Prima-Ochsenfleisch“, Seidinger empfahl Wurstwaren und die Haager „Weißbier-Brauerei“ den „Weißbier-Bock für die Weihnachtstage“.

In Gars herrschte strikte Trennung der Geschlechter. Der katholische Arbeiterverein feierte beim „Oberschätzl“ mit Sängerchor, der katholische Arbeiterinnenverein beim „Ametsbichler“ mit den „kleinen Schwestern Stürmer“. Allgemein bedauert wurden die Kinder in Russland, über die der „Haager Bote“ schrieb: „Die gottlose Regierung hat den Schulkindern verkündet: In diesem Jahr wird das Christkind nicht mehr kommen und für alle Zeiten wird es nicht mehr kommen und Weihnachten ist abgeschafft.“

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