Mühldorf – Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug. Und manchmal merkt man erst, wie kostbar er ist, wenn er bedroht ist. Gottfried Kirmeier aus Altmühldorf ist 62 Jahre alt. Musiker, Heilerziehungspfleger und Stadtrat. Ein Mensch, der sein Leben lang mit Luft gearbeitet hat – durch Blasinstrumente, durch Bewegung, durch Sport. Jahrzehntelang arbeitete er in der Stiftung Ecksberg mit Menschen mit Behinderung, begleitete, unterstützte, stärkte andere.
Sein eigener Körper war dabei immer sein verlässlichster Partner. Klettern an steilen Felsen oder Bergtouren auf Gipfel weit über die 3000 Meter hinaus? Drei Minuten unter Wasser bleiben beim Tauchen? Alles kein Problem. Die Lunge machte einfach mit. Bis zu diesem trockenen Husten.
Schock, Wut und Angst
nach der Diagnose
Erst unscheinbar, dann hartnäckig. Untersuchungen folgen, Termine, Warten. Und schließlich dieser Satz, der alles verändert: Lungenkrebs. Endstadium. „Das war am 17. Mai 2024“, das Datum hat sich im Gedächtnis eingebrannt. Der Arzt spricht von Prognosen, von Monaten, vielleicht Jahren. Vom rechten Lungenflügel, der wohl entfernt werden müsse. Von Chemotherapie und Bestrahlung. Worte, die wie aus einer fremden Sprache klingen.
Die ersten Wochen sind geprägt von Schock, Wut und Angst. Warum ich? Warum jetzt? Und doch: Aufgeben ist keine Option. Nicht für jemanden, der sein Leben lang an Körperkraft geglaubt hatte. Und an die Musik.
Dann geht alles schnell. Untersuchungen, Chemotherapie, Bestrahlung – 44- mal. Die Lunge wird nicht entfernt, sondern teilweise als Folge der Bestrahlung verödet. „Wie eine Frikadelle auf dem Grill“, beschreibt es Gottfried Kirmeier. „Nur, dass der Grill im Inneren arbeitet.“ Die Speiseröhre brennt, Schlucken wird zur Qual, Essen ist zu diesem Zeitpunkt der Behandlung fast unmöglich. Er liegt auf der Intensivstation, kämpft um jeden Atemzug, empfängt die Krankensalbung. „Viele sagen auch die letzte Ölung.“
Doch das will der Altmühldorfer so nicht hinnehmen. Er besteht darauf, sich so früh wie möglich aufzusetzen. Er entscheidet sich für die Bewegung. Für das Leben. Die Nebenwirkungen der Therapie sind brutal. Neuropathien lassen die Finger taub werden, als wären sie vereist. Brennen, Kribbeln, Kontrollverlust. Morgens aufzuwachen und die eigenen Hände nicht bewegen zu können – ein Albtraum, der den 62-Jährigen täglich begleitet. Auch die Psyche bleibt nicht unberührt. Die Nerven reagieren, der Geist ebenfalls. Gottfried muss lernen, sich selbst neu zu begegnen: reflektierter, langsamer, achtsamer.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches: Zwischen Medikamenten, Monitoren und Krankenhausgeräuschen tauchen andere Kräfte auf. Menschen, die über Kurznachrichten Kontakt halten, ihm Mut zusprechen. Vor allem aber seine Frau Christiane, unerschütterlich an seiner Seite. Freunde. Pflegekräfte. Und die Jugendlichen aus dem Mühldorfer Jugendparlament, mit denen er als Stadtrat eng verbunden ist. Botschaften, Anrufe, Nachrichten – Zeichen, dass er gebraucht wird. Dass er Teil von etwas ist. „Die Jugend ist unsere Zukunft“, sagt er, und er betont: „Sie hat mich mit am Leben gehalten.“
Hinzu kam etwas, das sich kaum messen lässt: Glaube. Nicht unbedingt religiös, sondern ein tiefes Vertrauen in die Regenerationsfähigkeit des Körpers. „Der Körper ist ein Wunderwerk“, sagt Kirmeier. Herz und Atmung, Zellen und Immunsystem – alles arbeitet zusammen. Er beginnt, bewusst positiv zu denken, sich vorzustellen, wie sein Immunsystem die Krebszellen erkennt und abbaut. Wie gute Schwingungen die schlechten überlagern. Und er merkt: Etwas veränderte sich. Es ging ihm besser. Spürbar.
Ein Schlüsselmoment war die Erkenntnis: Der Seele kann nichts passieren. „Wovor hast du Angst?“, fragte ihn eine alte Freundin. Und plötzlich war sie weg – die lähmende Angst. Der Körper kämpft. Die Seele bleibt frei.
Langsam kehrt Bewegung zurück. Erst vorsichtig, dann entschlossener. Eine Treppenstufe schafft er anfangs. Mehr geht nicht. Dreimal tiefes Einatmen, bevor er sich der nächsten Stufe widmet. Er geht spazieren. Irgendwann schafft er es, sogar bis nach Altötting zu pilgern. Einen ganzen Tag benötigt er. Und dann wieder Musik im Kopf. Sein großer Wunsch bleibt immer derselbe: wieder spielen zu können. Und hier kommt „Rosi“ ins Spiel. Ein Alphorn. Kirmeier kauft sich das über drei Meter lange Musikinstrument, das man auseinanderbauen kann und das sich kompakt in einem Rucksack verstauen lässt. „Ich habe die Sauerstoffflasche gegen das Alphorn getauscht“, berichtet er stolz. Er geht damit auf Berge. Nicht die höchsten, aber hoch genug, um Freiheit zu spüren. Und dann spielt er auf „Rosi“. Nicht einmal schlecht. Man möchte nicht glauben, dass seine Lunge so stark geschädigt ist.
„Den Namen haben ihr drei junge Frauen gegeben, die mir zugehört haben. Seitdem heißt sie Rosi, fast wie meine Großmutter Rosalia. An der Burgruine Hohenwaldeck, hoch überm Schliersee, fand die Alphorntaufe statt“, verrät Kirmeier, der tolle Geschichten erzählen kann über Begegnungen, die er bei seinen Wanderungen hat. Am Kleinen und am Großen Traithen, an der Rotwand, am Taubenstein. „Ich muss mir das alles mal aufschreiben“, sprüht er vor Tatendrang. Heute lebt er mit einer Präzisionsmedizin, die er täglich einnimmt: pünktlich, diszipliniert. Metastasen werden weiterhin gezielt behandelt. Der Weg ist noch nicht zu Ende. Aber er geht ihn. Mit Achtsamkeit. Mit Dankbarkeit für die Medizin, die ihm das Leben gerettet hat. Und mit einer neuen Form von Bewusstsein.
Wenn man lernt, das
Atmen neu zu schätzen
Der Lungenkrebs, sagt Gottfried Kirmeier, habe ihm vielleicht 20 Jahre genommen. „Dann werde ich halt nur noch 100 Jahre alt“, lacht er heiser. Aber er habe ihm auch etwas gegeben: Er holt tief Luft, spricht von Tiefe und Klarheit. Und von einer Geschichte, die weiter- klingen soll. „Vielleicht als Buch“, denkt er laut vor sich hin. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Eine Einladung, zur Musik zurückzufinden. Zum Atmen. Zum Leben. Denn manchmal beginnt das Leben nicht mit dem ersten Atemzug – sondern mit dem Moment, in dem man lernt, ihn neu zu schätzen.Josef Enzinger