Mühldorf – Weihnachten vor 80 Jahren war in Mühldorf kein leuchtendes Fest, die Stadt stand noch ganz unter den Folgen der beiden Luftangriffe, viele Männer und Söhne waren Weihnachten 1945 noch nicht bei ihren Lieben zu Hause.
In einer der Mühldorfer Altstadtgassen lebte als Stadtbäuerin eine Mutter mit ihren drei Kindern, Josef (zehn Jahre), Reserl (acht Jahre) und Hildegard (sechs Jahre). Der Mann und Vater war seit Dezember 1944 in Russland vermisst.
Innigster Wunsch der
Kinder fast erfüllt
Das kleine Anwesen war auch von einer Einquartierung betroffen, denn eine ausgebombte Familie fand dort Unterschlupf. An erster Stelle in den Briefen der drei Kinder an da Christkind stand der Wunsch, dass der Papa noch lebte und bald wieder aus Russland nach Hause kommen werde.
Am Tag vor Weihnachten waren die drei Kinder zusammen mit ihrer Mama mit dem Leiterwagen aufgebrochen, um in dem eigen, kleinen Waldstück bei Annabrunn einen Christbaum auszusuchen und zu schlagen. Der Christbaum kam in den Leiterwagen und so ging es wieder zurück nach Mühldorf.
Am Weihnachtstag wurde der Baum in der guten Stube aufgestellt und die Stube abgesperrt, damit das Christkind ungestört seine Arbeit verrichten konnte. Um 10 Uhr sahen die Kinder, die in der Gasse mit den Nachbarskindern spielten, den Postboten direkt auf das eigene Haus zugehen. Ungewöhnlich, denn sie bekamen sonst nie Post.
Ein Schrei kam aus dem Anwesen und ein lachender Postbote verlies den Hof. Die Mutter rief nach ihren Kindern und schwenkte den Brief mit vielen Tränen in den Augen hin und her. „Der Papa lebt und ist in russischer Gefangenschaft“, sprudelten aus der Mutter hervor, die jedes ihrer Kinder an sich zog und herzte.
„Wann kommt der Papa dann nach Hause“, wollte der Seppi wissen. „Hoffentlich bald“, sagte die Mutter. „Wir werden eine Kerze in das Fenster auf die Gasse stellen und jeden Tag anzünden. Das machen wir so lange, bis der Papa wieder zu Hause ist. Heute gehen wir alle vier in die Christmette in St. Nikolaus und danken dem Christkind, dem lieben Gott und der Jungfrau Maria, dass der Papa noch am Leben ist“, sagte Mutter. Das Christkind war schon nach dem Abendessen um 19 Uhr gekommen. Für den Seppi hatte es einen Pullover gebracht und nicht den gewünschten Winnetou-Band von Karl May. Viel wichtiger aber war, dass die ganze Familie vor der Bescherung die Kerze, die den Papa nach Hause bringen sollte, angezündet ins Fenster gestellt hatte.
Kurz vor Mitternacht schlüpfte die Familie in die warmen Wintersachen und machte sich auf den Weg zur Christmette in St. Nikolaus. Als sie in die Naglschmiedgasse einbogen, sahen sie viele erleuchtete Fenster, in denen eine Kerze brannte, für einen Lieben, der noch nicht nach Hause gekommen war. Die drei Geschwister und ihre Mama beteten mir viel Hingabe um die schnelle Rückkehr des Papas aus Russland. Die „Stille Nacht“ wurde selten mit so viel Einkehr und dem Hoffen auf ein normales Leben gesungen, wie an diesem Tag. Nach der Mette auf dem Weg zurück leuchteten die Kerzen in den Fenstern den Weg. Diese kleinen Kerzen waren, jede für sich, die Hoffnung und Zuversicht verbreiteten. Die Hoffnung auf ein friedvolles und glückliches Leben in der Familie. Josef Bauer