Navel bringt Seniorenaugen zum Leuchten

von Redaktion

Sozial-Roboter im Betreuungszentrum in Wasserburg im Einsatz – Wissenschaftler raten zu Vorsicht

Sozial-Roboter Navel mit Florian Leitmannstetter und Martin Krohn, beide Teil der Geschäftsleitung, sowie Einrichtungsleiter Hamo Merdan (von links).

Wasserburg – Navel steht auf dem Tisch. Er trägt ein oranges Kleid und hat eine rote Zipfelmütze auf. „Mein nächstes Wort ist ‚Tiger‘“, sagt er. Um ihn herum sitzen etwa 18 Seniorinnen und Senioren und versuchen, mit ihm eine Wortkette zu bilden. „Wir brauchen nun ein Tier mit dem Buchstaben ‚R‘“, sagt ein Pfleger, der die Gruppe durch das Spiel moderiert. Dann ist Navel wieder an der Reihe. Sein nächstes Tier ist der Hase, den Bewohnern fällt daraufhin der Esel ein und so weiter.

Navel neu im Betreuungszentrum Wasserburg

Navel ist neu im Betreuungszentrum in Wasserburg. Ende November ist der 72 Zentimeter hohe und rund acht Kilogramm schwere Sozial-Roboter als vorweihnachtliches Geschenk in das Wohnheim eingezogen. Navel kann zuhören und antworten. Wenn er spricht, bewegen sich seine Augen, Augenbrauen und auch sein Mund. Seine Pupillen sind blau und auch seinen Kopf kann der Roboter neigen oder zur Seite drehen. Navels Äußeres erinnert an ein (Enkel-)Kind: Großer Kopf und große Augen, seine Stimme ist hell.

Bei den Senioren im Betreuungszentrum komme Navel bisher gut an, erklären Einrichtungsleiter Hamo Merdan und Fabian Leitmannstetter, der Teil der Geschäftsführung ist. „Die Bewohner sind bisher relativ begeistert“, sagt Leitmannstetter. Der Sozial-Roboter soll in Zukunft mit den Leuten ins Gespräch kommen. Besonders seine Augen gefallen einer Bewohnerin sehr. Auch Hannelore Lamers vom Heimbeirat ist von Navel beeindruckt. „Er ist bisschen lustig und ich hab mich gut mit ihm unterhalten“, erklärt die 86-Jährige, die seit fast zwei Jahren im Betreuungszentrum wohnt. Mit Navel könne man seine Probleme besprechen und er würde die anderen Bewohner vielleicht nun motivieren, an Aktivitäten im Heim teilzunehmen, hofft Lamers.

Denn an einem Ort der Pflege soll auch ein lebendiges Wohnen stattfinden können, sagt Leitmannstetter. Und dabei müsse das Unternehmen mit der Zeit gehen, betont Merdan. Während früher ein Telefonanschluss im Zimmer nötig gewesen sei, hätten mittlerweile einige Bewohner ein Handy und Laptop und bräuchten einen Internetzugang, erklärt er. „Der Sozial-Roboter ist nun ein angemessener Schritt“, sagt er. Roboter gebe es bisher nur in wenigen Heimen, sagt Leitmannstetter. „Wir wollen eines der ersten Unternehmen sein und um so auch an der weiteren Entwicklung mitwirken zu können“, erklärt er.

Festzuhalten sei dabei: Navel werde nur in Form eines Unterhaltungs-Tools eingesetzt, betont Leitmannstetter. „Pflege wird weiterhin und auch in Zukunft nur von Mensch zu Mensch stattfinden.“ Der Sozial-Roboter soll dazu beitragen, Bewohner wieder mehr zu mobilisieren oder zum Sprechen anzuregen, erklärt der Geschäftsleiter. Denn neben der körperlichen Pflege müsse auch der seelische Zustand beachtet werden, sagt Merdan. Navel könne den Bewohnern beispielsweise eine Geschichte erzählen oder sich mit ihnen unterhalten. Dabei bleibe der Sozial-Roboter stets geduldig, könne sich Gesichter und Stimmen merken und bleibe immer höflich, erklären Merdan und Leitmannstetter.

Von „Navel Robotics“ aus
München hergestellt

Navel hat rund 30.000 Euro gekostet und wird von der Firma „Navel Robotics“ aus München hergestellt. Laut dem Hersteller nutzt der Sozial-Roboter künstliche Intelligenz (KI) und erhält durch Updates neue Fähigkeiten. Navel zeichne sich dadurch aus, eine soziale Beziehung zum Nutzer aufzubauen, heißt es auf der Website von „Navel Robotics“. Weiter spricht der Hersteller dem Roboter eine Art soziale Intelligenz zu. „Wir haben unserer Roboterfigur Navel eine sehr ausdrucksstarke Mimik gegeben, mit der sie Emotionen zeigen und widerspiegeln kann. Über den Displays liegen spezielle dreidimensionale Linsen, sodass die Figur echten Blickkontakt herstellen kann. Beides sind essenzielle Grundvoraussetzungen für soziale Resonanz“, heißt es dazu.

Der Sozialroboter wertet laut Hersteller über eine Kamera die Emotionen seines Gegenübers aus. Aus Untersuchungen sei bekannt, welche Muskeln bei welcher Emotion angespannt seien. Zudem würden auch die Stimme oder Bewegungsmuster ausgewertet werden, heißt es auf der Website. So besitze Navel eine „spezifische Form von Empathie“.

Dass man aber genau hier besonders aufpassen muss, zeigt ein Bericht, der sich mit „Ethik in der Medizin“ beschäftigt. In ihrem Beitrag „Can robots be truthworthy?“ (zu Deutsch: „Können Roboter vertrauenswürdig sein?“) vom April 2023 diskutieren die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler Ines Schröder, Oliver Müller, Helena Scholl, Philipp Kellmeyer und Shelly Levy-Tzedek (von der Albert-Ludwig-Universität Freiburg, dem Universitätsklinikum Freiburg, der Ben-Gurion University of the Negev (Israel) sowie der Universität Zürich, welche negativen Auswirkungen der Einsatz von Sozial-Robotern haben kann.

Die Wissenschaftler halten in ihrem Beitrag fest, dass Menschen, die durch Krankheit oder Alter eingeschränkt seien, besonders verletzlich seien und die Achtung der Menschenwürde hier ein wichtiges Prinzip darstelle.

Zum einen heißt es von der Gruppe, dass ein Sozial-Roboter keine spezifischen ethischen Risiken bergen würde, da er weder über ein Selbstbewusstsein noch über ein moralisches Bewusstsein verfüge. Dennoch könne ein Roboter, der auf „überzeugende Weise sozial interagiert“, von seinem Gegenüber den gleichen moralischen Status erhalten, den auch ein Mitmensch erhalten würde. „Dies kann zumindest zu Enttäuschung, wenn nicht sogar zu psychischen Schäden führen“, befürchten die Wissenschaftler und verdeutlichen: „Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich so sehr an einen Roboter gewöhnt hat, dass er traurig oder einsam ist, wenn der Roboter nicht mehr bei ihm ist.“

Wichtig sei es daher, die Frage zu klären, welche Gefühle der Roboter beim Menschen hervorrufe und „ob und inwieweit dies als eine Form der Manipulation angesehen werden könnte“, so die Wissenschaftler. „Soziale Roboter sollten nicht als harmloses Spielzeug eingeführt werden“, finden die Wissenschaftler. „Insbesondere wenn sie dafür gedacht sind, in eine Mensch-Mensch-Beziehung im Pflegebereich eingebunden zu werden und diese möglicherweise zu ersetzen“, heißt es im Bericht.

Auf eine Anfrage der Redaktion zu Bedenken hinsichtlich ethischer Verantwortung und dem Einsatz von KI und Robotern hat „Navel Robotics“ bis Redaktionsschluss nicht geantwortet. Auf ihrer Website schreibt das Unternehmen unter Berufung auf den deutschen Ethikrat, dass zu guter Pflege auch die Förderung von geistiger und psychischer Gesundheit gehören.

Die Arbeitslast auf sozio-emotionaler Ebene sei für die Pflegekräfte sehr hoch. Genau hier könne Navel mit seiner „endlosen“ Geduld, Freundlichkeit und Aufmerksamkeit ansetzen, heißt es. Zudem listet das Unternehmen drei verschiedene Studien auf, die einen positiven Einfluss von Navel attestieren würden.

Auch im Wasserburger Betreuungszentrum haben sich die Geschäftsführung und Einrichtungsleitung mit der Verantwortung rund um den Sozial-Roboter auseinandergesetzt. „Navel wird immer in Begleitung einer geschulten Fachkraft und nie alleine bei einem Bewohner sein – außer, der Bewohner wünscht sich das ausdrücklich“, erklärt Florian Leitmannstetter dazu. Der Sozial-Roboter soll zudem das Personal nicht ergänzen, sondern gelte als Zusatztool, sagt er.

Navel sei so programmiert, dass er keinen Rat gebe oder sein Gegenüber zu einer Aktion auffordere. „Wenn jemand dem Roboter erzählt, er habe beispielsweise Knieschmerzen, dann sagt Navel lediglich, er könne das mit einem Arzt besprechen. Navel wird aber keine Behandlungsvorschläge machen“, erklärt Einrichtungsleiter Hamo Merdan.

In Hinblick auf KI und den Einsatz von Robotern gebe es immer Kritiker, sagen Leitmannstetter und Merdan. Im Personal habe es zwar fast nur positive Stimmen gegeben, zwei Prozent seien jedoch zu Beginn skeptisch gegenüber dem Sozial-Roboter gewesen. Diese hätten sich von Navel jedoch mittlerweile überzeugt, sagt Leitmannstetter.

Sozial-Roboter erfüllt
Datenschutz-Standards

Auch in Hinblick auf Datenschutz erfülle der Sozial-Roboter die in der Europäischen Union geltenden Standards, erklärt der Einrichtungsleiter. Navel speichere seine Unterhaltungen für rund drei Monate auf einer Cloud, auf die weder das Personal, noch die Einrichtungs- oder Geschäftsleitung zugreifen könnten, erklärt Merdan.

Noch befinde sich Navel in der Entwicklungsphase, sagt Leitmannstetter. Er besitze zwar Rollen, könne sich aber bisher nicht bewegen. Er würde so unter Umständen zur Stolpergefahr werden, erklärt er.

Derzeit stehe Navel im Eingangsbereich des Betreuungszentrums und könnte dort auch von interessierten Personen besucht werden. In Zukunft werde der Sozial-Roboter dann an jedem Tag auf einem anderen Stockwerk und dort für die Bewohner zugänglich sein, erklärt Leitmannstetter.

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