Amerang – Unlängst wehte eine laue Brise durch den Blätterwald und die Presse: Die herzerfrischende Geschichte einer Kuh, die dem Metzger entfleuchte, sich einer Schafherde anschloss und die Herzen so manchen Lesers zum Schmelzen brachte.
Baden-Württemberg hat „Mücke“, die Kuh. Bayern hat „Hanni“, die Ziege. Genauer: Oberbayern, Chiemgau, Landkreis Rosenheim, Gemeinde Amerang, Weiler Unteröd. Dort, wo die Landschaft lieblich ist, die Berge nah sind, jedoch nicht zu nah. Kurzum: Wenn es ein bayerisches Paradies gibt, so ist dieses Fleckchen Land das Bühnenbild dafür.
Doch auch im Garten Eden ereignen sich Tragödien. Man denke nur an die Vertreibung daraus. Das Schicksal einer vierhufigen Amerangerin stand auf eines gewetzten Messers Schneide. „Hanni“, ein Bilderbuchexemplar einer schwarz-braunen Ziege, sollte dem Metzger zum Opfer fallen.
Doch sie fand, dass ihr Leben anders verlaufen sollte und sie mehr verdient hätte. Und so besann sie sich ihrer Sprungkraft, überwand scheinbar mühelos und elegant den Schlachthofzaun und entschwand mit gewaltigen Sprüngen. Und fort war sie.
Ziegen sind genügsam. Und der Wald im Chiemgau, in dem sie sich verbarg, bot ein Übermaß an Nahrung. Schlafgelegenheit fand „Hanni“ in einer Hütte. Ihr Bett bereitete sie aus Stroh, welches sie nestartig zusammenscharrte.
Als der Metzger, der sie vor kurzem vom Dies- ins Jenseits befördern wollte, eines Nachts vom Gasthaus heimwärts wankte, ritt „Hanni“ der Schalk. Sie erschien ihm, auf den Hinterläufen vor der Vollmondscheibe stehend, mit einem Huf scharrend, als lebendiger „Gottseibeiuns“ – was den Zecher spontan zu ungeahnten läuferischen Leistungen inspirierte. Seit Tagen war „Hanni“ das Alleinsein müde, schon länger beobachtete sie eine Herde Kamerunschafe, die friedlich auf ihrer Weide, einer aussichtsreichen Anhöhe bei Unteröd, graste. Die Damen schienen freundlich und aufgeschlossen. Sie lebten ohne Bock. Zank hielt sich erstaunlicherweise und geschlechtsuntypisch in Grenzen. Ihre Behausung war geräumig und hell.
Das alles gefiel „Hanni“. So beschloss sie, sich ihnen anzuschließen. Erneut mühelos überwand sie auch diesen Maschenzaun und stand Sekunden später mitten in der Schafherde, neugierig beäugt. Und bald grasten Schaf‘ und Zieg‘ an den sonnenbeschienenen Matten. Der Schafhalter staunte nicht schlecht als er „Hanni“ inmitten seiner Schützlinge ausmachte. Er hatte ein gutes Herz und nahm sein neues Herdenmitglied mit einem Lächeln auf. Doch sein Lachen verging ihm rasch. Nahezu im Stundentakt klingelte sein Telefon. Die Botschaft war stets die gleiche: „Dir ist ein Schaf ausgekommen. Obwohl – dein Schaf schaut aus wie eine Geiß.“
Während gewöhnliche Paarhufer den Zaun respektieren, nimmt „Hanni“ ihn regelmäßig als sportliche Herausforderung. Der Autor dieser Zeilen durfte unlängst Zeuge eines jener Momente werden. „Hanni“ stand, wie so oft, außerhalb des Zauns, wo scheinbar das Gras schmackhafter und saftiger ist, nahm Anlauf, hob leichtfüßig ab und mit einem Satz war sie wieder bei ihren Kolleginnen.
Der Schäfer, inzwischen geübt im Umgang mit „Hannis“ freiheitsliebenden Talent, hat vorsorglich ein Schild für besorgte Wanderer und Radfahrer angebracht, mit dem Hinweis: Wenn sich „Hanni“ außerhalb des Zauns befinde, solle man doch bittschön von Anrufen absehen, die Ziege wisse sehr genau, was sie tut. Liebe Leser, sollten Sie mir nicht glauben – überzeugen Sie sich selbst. Ein Ausflug ins „Ameranger Landl“ ist immer eine Reise wert. Vielleicht erleben Sie ja auch einen von „Hannis“ akrobatischen Sprüngen. Vergessen Sie nicht auf trockenes, kleingeschnittenes und vor allem unverdorbenes Brot. „Hanni“ und ihre Kameradinnen werden es Ihnen danken.
Und vielleicht stellen wir uns dieses Mal zum Jahreswechsel statt eines Marzipanschweinchens eine selbst gebastelte Geiß auf den festlich gedeckten Tisch und nehmen uns, statt der üblichen Verdächtigen unter den Neujahrsversprechen, mehr Sport, mehr Bewegung, weniger Kilo, vielmehr „Hanni“ zum Vorbild.
Mut beweisen, das Leben selbst in die Hufe nehmen. Wenn nötig, sich auch mal durchschlagen. Ab und an vom Schalk reiten lassen. Kontakt zu freundlichen Menschen suchen. Und – ganz wichtig – auch mal über und hinter den Zaun schauen.
Erhalten Sie sich Ihre geistige Sprungkraft und genießen Sie das Dasein – so wie „Hanni“ und ihre Freundinnen. Darauf ein kräftiges „MeckerMeckerMähMäh“.