Heftiger Konflikt wegen neuem Buchungssystem

von Redaktion

In Wasserburg ist ein Streit um die Zukunft der Stadtführungen entbrannt. Grund ist ein neues Buchungssystem, das ab 2026 gelten soll. Viele Stadtführer lehnen die neuen Verträge ab und sehen das bewährte Angebot in Gefahr. Die Stadtverwaltung verteidigt die Neuregelung als zeitgemäß und notwendig.

Wasserburg – Die letzte Stadtratssitzung des Jahres 2025 ist in Wasserburg am Inn alles andere als besinnlich verlaufen: Die nicht öffentliche Sitzung dauerte viel länger als erwartet. Die Stimmung danach beim Weihnachtsessen: etwas gedämpft. Das Problem, das für Unruhe gesorgt hatte: die Neuregelung der Stadtführungen. Die Ausführenden sind nicht einverstanden, auch in der nicht öffentlichen Sitzung soll das deutlich geworden sein. In einer Pressemitteilung machten die Stadtführer jetzt am vergangenen Samstag ihre Kritik öffentlich.

Sie sehen nach eigenen Angaben das bewährte Stadtführungsangebot der Stadt ab 2026 ernsthaft bedroht. Grund seien aktuelle Entscheidungen der Tourist-Information im Zusammenhang mit der geplanten Einführung eines neuen Buchungssystems, teilen die Stadtführer mit.

Stadtführer
selbstständig tätig

Seit Jahrzehnten vermittelt die Tourist-Information Gruppenführungen an selbstständig tätige Stadtführer. Dieses Modell hat sich nach deren Aussagen bewährt und ist ein wichtiger Bestandteil des touristischen Angebots der Stadt. „Wir begrüßen ausdrücklich eine digitale Lösung für die Organisation von Führungen“, betont Inge Löfflad, Stadtführerin in Wasserburg. „Was wir jedoch nicht akzeptieren können, ist die Verpflichtung zu einem einseitigen Vertrag mit einem externen Anbieter, obwohl sich an der eigentlichen Vermittlung nichts ändert.“ Der vorgelegte Vertragsentwurf enthält nach Einschätzung der Stadtführer zahlreiche „einseitige Verpflichtungen, unklare Leistungsbeschreibungen, Provisionszahlungen sowie weitreichende Rechteübertragungen“. Die große Mehrheit der Stadtführer lehne dieses Vertragsmodell daher ab.

Zusätzlich sorge die aktuelle Außendarstellung für Unverständnis: Das Stadtführungsangebot für 2026 sei von der städtischen Website entfernt worden, zudem würden weiterhin veraltete Preise veröffentlicht, obwohl die gültigen Tarife längst abgestimmt seien. „Für Gäste entsteht der Eindruck, als gäbe es im kommenden Jahr kaum noch Stadtführungen“, befürchtet Sylvia Hampel. „Das schadet dem Image Wasserburgs und verunsichert Veranstalter und Reisegruppen.“

Besonders kritisch sehen die Stadtführer die Ankündigung, ab Januar 2026 nur noch diejenigen zu berücksichtigen, die den Vertrag mit dem externen Anbieter unterzeichnen. Stand heute lehne die überwiegende Mehrheit der Stadtführer dieses Vertragsmodell ab. „Wenn an dieser Linie festgehalten wird, stehen der Stadt im nächsten Jahr faktisch kaum noch Stadtführer zur Verfügung“, warnt Irene Kristen-Deliano. „Das kann niemand ernsthaft wollen.“

Praktikable
Alternative?

Dabei liegt aus Sicht der Stadtführer eine praktikable Alternative auf dem Tisch. Mit der Software „Novere“ existiere ein System, das in mehreren Städten und Institutionen erfolgreich eingesetzt werde und alle notwendigen Anforderungen erfülle. „Wir verstehen nicht, warum diese Lösung bislang nicht geprüft wurde“, sagt Hiltraud Inninger. „Sie würde den Konflikt entschärfen und allen Beteiligten helfen.“

Die Stadtführer appellieren daher an Bürgermeister und Stadtrat, zeitnah regelnd einzugreifen und „eine sachliche, transparente Lösung“ herbeizuführen. „Wir machen diese Arbeit mit Herzblut und Identifikation mit unserer Stadt“, so der abschließende Appell von Ingrid Unger. „Wir möchten auch künftig für Wasserburg da sein – dafür brauchen wir jetzt eine vernünftige Entscheidung.“

Nicht nachvollziehen kann Bürgermeister Michael Kölbl diese Kritik und Bedenken. Bereits im Sommer habe die Verwaltung die Kommunikation rund um das neue Buchungssystem gestartet: mit mehreren Infoveranstaltungen. In der letzten Stadtratssitzung des Jahres 2025 sei schließlich einstimmig der Beschluss gefallen, es einzuführen.

Die bisherige Praxis über Buchungen in der Tourist-Information oder per Kontaktformular im Internet sei nicht mehr zeitgemäß. Die Vermittlungen und Terminorganisation habe in den Händen des Tourismusbüros gelegen. Dieses habe ohne einen Cent Provision diese Dienstleistung für die selbstständig tätigen Stadtführer übernommen. Nun könne über den Chiemsee-Alpenland-Tourismusverband auf ein Buchungsportal zugegriffen werde. Dieses habe sich bereits bei der Zimmervermittlung bewährt und könne jetzt auch in Wasserburg für die Stadtführungen eingeführt werden. Es sei praktisch zu handhaben, für Besucher, Tourist-Info und Stadtführer. Es falle für Letztere nur eine Systemgebühr von drei Prozent an. Die Kommune sei den Stadtführern entgegengekommen und verzichte auf die ursprünglich geplante Provision von sieben Prozent.

Alternativsystem
geprüft

Das von den Stadtführern vorgeschlagene Alternativsystem sei geprüft und als teurer in der Anschaffung sowie weniger komfortabel in der Anwendung bewertet worden, ergänzt Rathaus-Geschäftsstellenleiter Konrad Doser. Die zu unterschreibenden Verträge beinhalten auch nach seiner Meinung keine unfairen Klauseln, sondern die üblichen allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Kölbl räumt ein, dass es bei der Vorstellung des neuen Systems im Sommer einen „unglücklichen Start“ gegeben habe: Informationen über steuerrechtliche Rahmenbedingungen seien falsch übermittelt worden, das Missverständnis sei jedoch ausgeräumt worden.

Der Bürgermeister verweist auf die Tatsache, dass nicht alle Stadtführer gegen die Neueinführung seien. Die Bierkeller-Freunde beispielsweise hätten zugestimmt. Und die dienstälteste Stadtführerin, Michaela Halt, die das System seit drei Jahren bereits kennt und bei der Vermittlung ihrer Ferienwohnung anwendet, betont: „Es hat viele Vorteile: einfach in der Anwendung, für Buchende ebenso wie für Anbietende. Jeder sieht sofort, wer Zeit hat und wie viele Plätze frei sind. Für die Tourist-Info entfällt das lästige Herumtelefonieren, das so viel Zeit frisst.“ Die Berührungsängste seien „unbegründet“, so Halt.

Das sagt die
Kulturreferentin

„Ich bedauere die Eskalation sehr“, betont Edith Stürmlinger, Kulturreferentin des Stadtrates. Sie kann nach eigenen Angaben nicht nachvollziehen, warum die Neuregelung auf so große Kritik stößt. Mit der bisherigen Buchungsweise könne es nicht weitergehen, diese sei zu aufwendig gewesen und nicht mehr zeitgemäß. Eine digitale Lösung müsse kommen.

Sie habe nach der Kritik an den Vertragsmodalitäten diese extern prüfen lassen, „dabei kam nichts Bedenkliches heraus“, so Stürmlinger. Eingeführt werde ein Buchungssystem, das sich bereits bewährt habe. Sie stehe deshalb als Kulturreferentin hinter dem Bemühen der Stadtverwaltung und Tourist-Info, dieses Programm einzuführen. Jetzt hoffe sie, dass die Stadtführer, die das neue System kritisieren würden, es doch noch annehmen könnten. Ansonsten müssten sie ihre Führungen selber organisieren.

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