Mühldorf – Alkohol ist in Deutschland eine legale Alltagsdroge, günstig im Preis und frei verkäuflich. Es gibt hierzulande sogar „begleitetes Trinken“, wonach 14- und 15-Jährige Bier, Wein und Sekt in Begleitung sorgeberechtigter Personen konsumieren dürfen. Erst im Sommer 2025 hat die deutsche Gesundheitsministerkonferenz (GMK) beschlossen, diese Praxis abzuschaffen. Aktuell machen sich Gesundheitspolitiker von SPD und CDU für höhere Alkoholpreise in Deutschland stark, was vor allem Jugendliche und Vieltrinker vom Alkohol abhalten soll.
Seit einigen Jahren wird mit dem „Dry January“ zum einmonatigen Verzicht auf Alkohol aufgerufen. Gerade im Dezember wird gerne und häufig etwas zu viel getrunken: Glühwein und Punsch auf den Christkindlmärkten, Bier und Wein auf den Weihnachtsfeiern und das obligatorische Anstoß-Sektchen an Silvester. Da ist ein trockener Start ins neue Jahr keine schlechte Idee.
Jeder Verzicht ist gut
für die Gesundheit
Aber wie sinnvoll ist dieser auf einen Monat beschränkte Komplettverzicht auf alkoholische Getränke? „Alkohol ist ein Zellgift, das vielfältige negative Auswirkungen auf nahezu alle Organe des Körpers hat – eine ,gesunde Dosis‘ gibt es daher nicht“, sagt Birgit Franz, Ärztin am Gesundheitsamt Mühldorf, auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Jeder Verzicht wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Ein Monat ohne Alkohol, wie beim ,Dry January‘, kann dem Körper spürbar guttun: Leber und Stoffwechsel werden entlastet, der Schlaf verbessert sich, und viele berichten von mehr Energie und Konzentration.“
Besonders bei Menschen, die regelmäßig trinken, könne ein alkoholfreier Monat helfen, den eigenen Konsum kritisch zu reflektieren und bewusster mit Alkohol umzugehen.
Alkohol sei besonders für Jugendliche und junge Erwachsene riskant, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet, so die Medizinerin: „Schon geringe Mengen können die Gehirnreifung beeinträchtigen und die Risikobereitschaft erhöhen – was wiederum Unfall- und Verletzungsgefahren steigert.“ In der Schwangerschaft gelte: „Alkohol kann das ungeborene Kind dauerhaft schädigen. Trinkt die Mutter Alkohol, trinkt das Kind im Mutterleib mit.“
Im Bereich Alkoholprävention setzt das Gesundheitsamt auf die alkoholfreie Bar „Jimmy“, eine mobile Bar, die Schulen, Vereine oder soziale Organisationen ausleihen können, um alkoholfreie Cocktails zu mixen. Ergänzend kommen in Schulen der „Klarsichtkoffer“ und weitere interaktive Lernmaterialien zum Einsatz, die über Alkoholkonsum aufklären. „Es gibt sicherlich Menschen, die den ,Dry January‘ rein als Event sehen und ihr Konsumverhalten eher wenig hinterfragen“, vermutet Franz Kreitmeier, Leiter der Caritas-Fachambulanz für Suchtkranke in Mühldorf. „Es gibt aber bestimmt auch Menschen, die dann in einem Monat Abstinenz plötzlich feststellen, dass Alkohol doch eine größere Rolle im Leben spielt, und die dann anfangen, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und zu verändern.“ Er schränkt aber auch ein: „Einen Monat lang nichts zu konsumieren ist sicherlich eine Leistung, wird von vielen aber fälschlicherweise als Beweis dafür verwendet, dass der Konsum noch nicht so schlimm sein kann.“
Die Fachambulanz ist nur für Erwachsene im Landkreis zuständig. Der Anteil von Klienten mit Alkoholproblemen liegt bei über 60 Prozent, 70 Prozent davon sind Männer, 30 Prozent Frauen. Fast 80 Prozent der Menschen, die wegen Alkohol zur Fachambulanz kommen, sind zwischen 35 und 64 Jahre alt.
Alkohol wird als
Lebensmittel gesehen
„Ich denke, dass sich das Bild von Alkohol und auch das Konsumbewusstsein langsam immer weiter verändern“, so der Sozialpädagoge. „Und trotzdem wird die Substanz Alkohol in meinen Augen immer noch zu sehr verharmlost, wird nur schwer als ‚legale Droge‘ wahrgenommen. Alkohol wird als Lebensmittel gesehen, das zu unserer Kultur und zum guten Ton dazugehört.“ Veranstaltungen wie Volksfeste oder Fasching zeigten häufig, wie sehr der Konsum unterschätzt werde und außer Kontrolle geraten könne, „und wie er den ein oder anderen Mitmenschen – oft nicht zum Besseren – verändert“.
Das sagen Passanten in Mühldorf zum „Dry January“: Verena Hartmann, Oberneukirchen: „Eigentlich muss es jeder Mensch selbst wissen, wann und wie viel er trinkt. Ich konsumiere sehr wenig Alkohol, trotzdem begrüße ich die Gesundheitskampagne. Ohne Alkohol fängt das neue Jahr gut an.“
Jennifer Ferati, Töging: „Beim Feiern oder zu Festen wie Silvester trinke ich schon mal ein Gläschen, sonst nicht. Der trockene Januar fällt in die Faschingszeit, ob da die Leute mit der Abstinenz durchhalten, ist zu bezweifeln.“
Lilli Ebentheuer, Tüßling: „Alkohol ist die Droge Nummer eins. Stets verfügbar und das auch noch für relativ wenig Geld. Vielleicht überdenken manche Leute bei so einer Aktion ihren eigenen Alkoholkonsum, das könnte nicht schaden.“
Werner Gronert, Mühldorf: „Aufgrund eines gesundheitlichen Problems trinke ich keinen Tropfen Alkohol. Der Fastenmonat macht durchaus Sinn. Ich wundere mich manchmal, wie viele Kästen Bier die Leute nach Hause schleppen.“
El Masry, Niedertaufkirchen: „Ich habe jetzt im neuen Jahr bereits Alkohol getrunken. Den trockenen Januar brauche ich persönlich jedoch nicht, denn mein Trinkverhalten ist sehr moderat. Man soll einfach nichts übertreiben.“
Rudi Wimmer, Polling: „Bei mir gibt es den trockenen Frühling. Im Winter sowie in der Faschingszeit finde ich den Alkoholverzicht weniger geeignet. Die Leute nehmen sich beim Jahreswechsel halt immer irgendetwas vor.“