Schäffler tanzen wieder in Wasserburg

von Redaktion

Fröhlicher Reigen hat ernsten Hintergrund: Nach der Pest im 17. Jahrhundert sollte neuer Lebensmut gefördert werden

Wasserburg – Der Winter mutet diesmal strenger an, und nur ganz langsam werden die Tage wieder länger. Stimmungsaufheller sind daher hoch willkommen. In Wasserburg muss man freilich nicht lange danach suchen: Es sind die Schäffler und ihr Gefolge, die auf lustige Art neue Lebensfreude wecken.

Die Pest als
düsterer Ursprung

Sie tun das alle sieben Jahre, und so auch jetzt wieder: Gekleidet in schmucken roten Jacken, schwarzen Hosen und weißen Strümpfen halten sie Buchskränze in die Höhe und bewegen sich rhythmisch im Kreis zu den Klängen des bayerischen Defiliermarsches oder des Egerländer Fuhrmannsmarsches, ein bayerisch-böhmischer Ohrwurm der Blasmusik. Das kommt bei den Zuschauern gut an.

Mindestens seit 1912 gibt es in der Stadt am Inn dieses Spektakel der wackeren Fassmacher-Zunft, und es scheint, dass es von Mal zu Mal an Attraktivität gewinnt. Mehr als 100 Auftritte sind zwischen dem 6. Januar und dem 17. Februar bereits ausgebucht. Die Kosten betragen 220 Euro in der Stadt und 290 Euro im Umland.

Stadtführerin Irene Kristen-Deliano, die in ihrem Roman „Der Reifenschwinger“ die Ursprünge des Schäfflerwesens detailliert und lesenswert nachzeichnet, klärt die Besucher bei ihren Erkundungstouren über das beschwerliche Leben in früherer Zeit auf. Eine vernichtende Pestwelle suchte im Dreißigjährigen Krieg auch Wasserburg heim. „Die Zeiten sind unruhig“, erzählt Kristen-Deliano bei ihrer Führung, es wird geplündert, Soldaten rücken ein, Häuser werden beschlagnahmt, Frauen und Mädchen vergewaltigt. „Man macht sich große Sorgen um die Zukunft“, so die Stadtführerin.

Zu allem Unglück habe der vermögende Kaufmann Abraham Kern der Jüngere sein an die Stadt geliehenes Geld zurückverlangt. Man schreibt das Jahr 1634, eine düstere Stimmung macht sich breit. Immer mehr Bürger werden von der heimtückischen Seuche hinweggerafft, Gevatter Tod nimmt keine Rücksicht, egal ob jung oder alt, arm oder reich. Angesichts der katastrophalen hygienischen Verhältnisse hat er ein leichtes Spiel.

Kristen-Deliano lotst die Gruppe zur historischen Pesttüre, ein wuchtiges, kunstvoll geschnitztes Portal am Eingang des Bettengeschäfts Klobeck. „Unten hat man einen Spalt offen gelassen, um die Toten rauszuschaffen und um sie in eine Grube im heutigen Friedhof zu kippen“, berichtet sie. An den Rädern der Karren hat man zur Geräuschminderung Tücher angebracht.

Wochenlang hätten die verzweifelten Menschen in ihren Wohnungen ausharren müssen, wenn es zu Krankheitsfällen kam. Erst nach Ablauf von vier, dann sechs quälend langen Wochen habe man die Türen wieder öffnen dürfen.

In der Kirche St. Jakob zeigt Kristen-Deliano symbolträchtige Kunstwerke, die mit der Seuche in Verbindung stehen, den Beichtvater Rochus etwa, der auf eine Pestbeule an seinem Bein deutet, oder den heiligen Sebastian, wohl den berühmtesten Patron gegen die Pest.

Er wird häufig als entblößter, von Pfeilen getroffener Jüngling dargestellt. Die Pfeile haben ihn durchbohrt, aber nicht getötet, und er galt im Mittelalter als Beschützer gegen die „Pfeile“ der Pest, die man als unsichtbare Überträger der Krankheit sah.

Es war schließlich das Verdienst der Schäffler, der Bevölkerung neuen Lebensmut zu schenken. Sie waren es, die mit ihren Tänzen der seuchengeplagten Bevölkerung neuen Lebensmut schenkten in der düsteren Zeit vor bald 400 Jahren, in der sich kaum jemand auf die Straße traute. Eine Erzählung, die die Menschen in Bayern bis heute immer wieder tief berührt.

Die nächsten Termine für die Führungen mit Irene Kristen-Deliano sind am Samstag, 24. Januar, um 12 Uhr; am Freitag, 30. Januar, um 13.30 Uhr; am Samstag, 7. Februar um 17 Uhr; und am Samstag, 14. Februar, um 11.30 Uhr. Treffpunkt ist jeweils vor dem Rathaus.

Winfried Weithofer

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