Haag – Am Sonntag in die Kirche zu gehen, um im gemeinsamen Gebet die Welt zu verstehen, ist für viele Christen Pflicht, auch heute noch. „Lobe den Herrn“, erschallt es in Kirchen dann aus den Kehlen. Wie Ortsansässige den sonntäglichen Kirchgang empfinden und sich auf dem Land, wenn Kirchen in Nachbarorten sind, vielfach auf dem Weg zum Gotteshaus schinden, ergründet ein Kirchen-Rundgang von Haag nach Limberg, Ramsau, Kirchdorf, Berg und zurück.
Kirchgänger sind offensichtlich in Eile: vor der Messe, um pünktlich zu sein, nach der Messe, um zum Mittagstisch zu kommen. Doch einige nehmen sich trotzdem die Zeit, über ihren Glauben und den sonntäglichen Kirchgang zu sprechen.
Die Kirche
als Kraftort
Andreas Zettl erzählt in Ramsau, die stattliche St. Maria-Loreto Kirche vor Augen, über das dörfliche Leben, das ihm am Herzen liegt. Und darüber, wie er sich über viele Aspekte der aktuellen großen Politik ärgert: zu wenig Miteinander, zu viel Gegeneinander, so sein Fazit. Jetzt mache die EU die Bauern auch noch kaputt mit dem Mercosur-Abkommen mit Südamerika.
Die Kirche ist für ihn ein Kraftort und der sonntägliche Treffpunkt. Vor oder nach der Messe erfahre man oft die Sorgen und Nöte anderer und könne spontan Hilfe und Miteinander organisieren, berichtet er. Vor dem Kirchenbesuch sei ein „Frühschoppen“ nicht unüblich und nach der Messe der „Stammtisch“ obligatorisch. Und dazwischen in der Messe bringe er die baumelnde Seele zur Ruhe und tanke im Geist Kraft. Viele Kirchgänger könnten danach die weltliche Gesellschaft wieder eine Woche ertragen. „Solchen Geist braucht das Miteinander!“, findet er.
Rita Fichte ist auf dem Weg nach Limberg anzutreffen. Sie nimmt in ihrem Landwirtschaftsbetrieb jeden Tag das Wohl von Tieren und Natur sehr ernst. Ein langer Kirchgang ist angesichts täglichen Dienstes auch an Sonn- und Feiertagen kaum einzuplanen, erzählt sie. Kraft für Geist und Seele, um die viele und oft schwere Arbeit den langen Tag über leisten zu können, holt sie sich in der täglichen Morgenbesinnung auf die Schöpfung, berichtet sie. Nicht fernab in einer Kirche, sondern zu Hause im trauten Heim feiere sie jeden Morgen die Andacht und Konzentration auf das Leben und die täglichen Anforderungen.
Den Glauben in allen Dingen zu leben und positiv zu denken, das ist ihre Devise. Sie konzentriert sich auf ihre ländliche Welt, verliert aber das große Ganze, also die Welt an sich, nicht aus den Augen, so der Eindruck. Die Bäuerin lässt sich dank ihres Glaubens nicht von der großen Weltpolitik, ob in Amerika, Russland oder China, aus der Ruhe bringen.
Elvira Maier, auf dem Weg zur Evangelischen Kirche Haag, hat als Lehrerin oft auch die persönlichen Sorgen der Schulkinder zu leiden. Es bedarf viel Zeit, die eigene Seele nicht verkümmern zu lassen und die Besinnung auf das Leben jeden Tag zu erneuern, berichtet sie. Sehr hilfsbereit für ihr Seelenheil sei das gemeinschaftliche Miteinander in der Kirche. Dieses gebe ihr das Selbstvertrauen, eigenverantwortlich ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.
Sie erfahre in der Gemeinschaft positiv, dass sie nicht alleine sei, sondern Schutz der Kirchengemeinde genieße. In ihrem Fall ist dies die Heilig-Kreuz-Kirche. Auch für den Lehrberuf ist ihre seelische Ausgeglichenheit von Vorteil, weil sie somit viel relaxter mit den anvertrauten Schulkindern umgehen kann und nicht wegen Banalitäten aus der Haut fahren muss, erzählt die Kirchgängerin. Kraft und Ruhe schöpfe sie aus der Musik in der Kirchengemeinde. „Jemand, der dies nicht erfahren hat, kann gar nicht verstehen, wie beruhigend Musik an einem anstrengenden Tag sein kann.“
Kraft gibt
die Musik
Korbinian Preuschl ist ein Vertreter für die jüngere Generation und spricht über seine Erfahrungen, die Seele im Gleichgewicht zu halten, „bei all den Kriegereien rund um den Erdball und dem Gegeneinander, wohin man auch schaut“. Er sieht zwar all die Ungereimtheiten in Politik und Gesellschaft, ist aber nicht bereit, sich davon unterkriegen zu lassen, sagt er beim Innehalten vor der Evangelischen Kirche in Haag.
Die Kraft dazu holt er sich aus der Musik. Seine musische Erfüllung findet er in der Orgelmusik, die Finger und Füße zum Miteinander zwingt und für den Geist eine Herausforderung ist, wie er erzählt. Sein Ratschlag an die Bildungspolitik ist, das Fach „Musik“ aufzuwerten. Schulkinder, die mit Musik heranwachsen dürften, seien im Geist mehr für ein Miteinander aufgeschlossen, ist der Kirchgänger überzeugt.
Wie seine Berufung „Orgelmusik“ vermuten lässt, gehört seine Liebe der klassischen Musik. Aber er erkennt durchaus die Weiterentwicklung an: über Jazz, Blues bis hin zur heutigen digitalen Musik, mitunter KI-gesteuert, sagt er. Und macht sich erneut auf den Weg: heim zum Mittagessen.