Wasserburg/Schnaitsee/Babensham – Der Ärger rund um die eingestellte Buslinie 9413 geht weiter. In Kling formiert sich deshalb sogar eine Initiative aus Eltern und weiteren Betroffenen. Denn gerade in dem kleinen Dorf, durchschnitten von der Landkreisgrenze Traunstein/Rosenheim, nimmt das Problem verblüffende Ausmaße an.
Besonders betroffen: Familie Stöger. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wohnt Susanne Stöger in Hochschatzen, einem kleinen Ort direkt außerhalb von Kling. Offiziell gehört der Weiler zur Gemeinde Schnaitsee und damit zum Landkreis Traunstein. Das aber nur ganz knapp: „Die Grenze verläuft keine hundert Meter hinter unserem Grundstück“, erzählt sie. Ihre Kinder gehen deshalb auch in den Nachbarlandkreisen zur Schule.
Zur Schule nach Gars
und nach Wasserburg
Die älteren beiden besuchen das Gymnasium Gars. Der jüngste Sohn Sebastian besucht die Realschule in Wasserburg. Bislang sei das kein Problem gewesen. Morgens sei er die 250 Meter ins Nachbardorf nach Kling marschiert und in den Linienbus nach Wasserburg gestiegen. 20 Minuten, erzählt der 14-Jährige, habe er mit der Linie 9413 für die zehn Kilometer bis in die Stadt gebraucht.
Seit Mitte Dezember ist die Buslinie allerdings eingestellt, aus „betriebswirtschaftlichen Gründen“, wie der RVO verkündet hatte. Kling hat damit keinerlei öffentliche Verbindungen mehr nach Wasserburg. Im Gegensatz zu Gudrun Peteranderl aus Schnaitsee, die sich vor einigen Tagen schon an die Wasserburger Zeitung gewandt hatte, sei die Familie und der gesamte Ort Kling zwar informiert gewesen. „Aber wir haben hier sehr interessante Lösungen bekommen“, sagt Susanne Stöger.
Für die meisten
fährt ein Mini-Bus
Zehn Kinder seien es, die täglich von Kling aus zur Schule nach Wasserburg müssten. Der Großteil wohne in Kling selbst und damit im Landkreis Rosenheim. Für die meisten gebe es seit dem neuen Jahr einen Mini-Bus, finanziert vom Landkreis Rosenheim. Mit ihm sei eine Direkt-Verbindung geschaffen und die Kinder und Jugendlichen würden täglich abgeholt und in die Stadt gebracht. Stögers Sohn allerdings wohnt im Landkreis Traunstein und trotz Verhandlungen habe sich der Landkreis Rosenheim strikt geweigert, auch ihn zu transportieren. Die Lösung nun: Der Realschüler wird mit einem Bus, finanziert vom Landkreis Traunstein, zu Hause abgeholt. Dieser fährt von Hochschatzen über Schnaitsee nach Frabertsham, dort muss der 14-Jährige in einen anderen Linienbus umsteigen und fährt mit eben diesem schließlich zur Realschule.
Circa eine Stunde sei er nun unterwegs, erzählt Sebastian, nur um dann auch noch zu spät zum Unterricht zu kommen. „Um 6.46 Uhr wird er bei uns abgeholt. Unterrichtsbeginn ist um 7.50 Uhr. Bislang kam er jeden Tag zwei, drei Minuten zu spät“, erzählen Sebastian und Mama Susanne. Als „interessant“, bezeichnet Susanne Stöger aber auch die Lösung des Landkreises Rosenheim. Weil nämlich nicht alle neun Kinder in den neu geschaffenen Mini-Bus mit acht Sitzplätzen passen würden, fahre dieser zweimal. Zunächst bringe er zwei ältere Jugendliche nach Stephanskirchen, wo diese wiederum in den Bus von Frabertsham kommend, den auch Stögers Sohn benutzt, einstiegen. Anschließend drehe der Mini-Bus wieder um, hole die restlichen Kinder aus Kling und bringe diese nach Wasserburg.
Was Stöger allerdings besonders ärgert: „Ich habe den Eindruck, dass der Landkreis Traunstein die ursprüngliche Buslinie erhalten wollte, aber der Landkreis Rosenheim sich geweigert hat.“ Auch das Landratsamt Traunstein hatte in einer früheren Anfrage daraufhin hingewiesen, dass „der Landkreis Rosenheim eine notwendige Beteiligung an einem gemeinwirtschaftlich subventionierten Betrieb der Linie frühzeitig abgelehnt“ habe.
Für Stöger sei diese Entscheidung völlig unverständlich, schließlich seien nicht nur Schüler von der Einstellung der ÖPNV-Verbindung betroffen, erzählt sie und zählt auf Anhieb drei Nachbarn auf, die aus unterschiedlichen Gründen regelmäßig nach Wasserburg müssten und auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen seien. Für einige falle jetzt die einzige Möglichkeit weg, zu Angehörigen oder auch zur Arbeit zu kommen. „Die Leute haben ihr Leben danach ausgerichtet, dass es hier einen Bus gibt, sind vielleicht deshalb sogar hierhergezogen und jetzt ist diese Verbindung plötzlich weg“, sagt Stöger. Das sei ein absolutes Unding.
Stöger mache sich außerdem Sorgen, dass der Beitritt des Landkreises Rosenheims zum Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) etwas mit der Einstellung der Buslinie zu tun haben könnte. Anders könne sie sich die Weigerung des Landkreises Rosenheim, den Betrieb zu retten, nicht erklären. Aktuell plant allerdings auch der Landkreis Traunstein Anfang des Jahres 2028 zum Verkehrsverbund dazuzugehen. „Und wenn dort Wirtschaftlichkeitsprüfungen von weiteren Linien anstehen, mache ich mir schon Gedanken, ob nicht weitere Verbindungen eingestellt werden“, so Stöger.
Angespannte
Finanzlage
Auf Anfrage äußert sich auch das Landratsamt Rosenheim zu dem Thema: Wie die Behörde erklärt, hätte eine gemeinwirtschaftliche Weiterführung der Linie 9413 eine dauerhafte finanzielle Beteiligung der Landkreise Rosenheim und Traunstein erfordert. Aufgrund der geringen Auslastung der Linie und der angespannten finanziellen Lage des Landkreises habe man sich gegen eine Übernahme der Linie entschieden. Ausschlaggebend für diese Entscheidung sei auch das Ziel gewesen, die Eigenwirtschaftlichkeit der Verkehrsunternehmen im Landkreis zu erhalten. Zudem bestehe weiterhin die Möglichkeit, auf die bestehende Buslinie 9441, also die Linie von Obing über Frabertsham nach Wasserburg, auszuweichen.
Schüler dürfen
„kulanterweise mitfahren“
Um insbesondere für Schüler weiterhin eine Beförderungsmöglichkeit sicherzustellen, sei kurzfristig eine alternative Lösung gesucht und mit dem Verkehrsunternehmen „Schülerexpress“ gefunden worden. Dabei handle es sich mit dem eingesetzten Kleinbus um die kostengünstigste Lösung. Denn die beiden Schüler, die zunächst nach Stephanskirchen gebracht werden, würden grundsätzlich nicht mehr in die Beförderungspflicht fallen. „Sie dürfen kulanterweise zur nächstgelegenen Haltestelle mitfahren, da ansonsten ein Taxi in Anspruch genommen werden kann und der Landkreis dieses am Schuljahresende, wenn der Antrag auf Fahrkosten-Erstattung bei Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel eingereicht wird, berechnen und anteilmäßig bezahlen müsste“, so die Behörde. Die anderen beförderungspflichtigen Schüler würden kostengünstig mit dem Kleinbus befördert.
Einzelfall-Lösungen
nicht leistbar
Eine Einzelfall-Lösung für den Schüler aus Hochschatzen sei aufgrund der Umstände nicht möglich. „Die Schülerbeförderung ist eine sogenannte mittelbare Pflichtaufgabe der Kommunen im eigenen Wirkungskreis. Das bedeutet, dass jeder Landkreis ausschließlich für die Organisation und Finanzierung der Schülerbeförderung für Schülerinnen und Schüler aus seinem eigenen Zuständigkeitsbereich verantwortlich ist“, so das Landratsamt. Eine Mitnahme von Schülern ohne entsprechenden Beförderungsanspruch würde eine freiwillige Leistung außerhalb dieser Regelung darstellen.
Derzeit sei der Landkreis für die Beförderung von 8.500 Schüler zuständig. Einzelfalllösungen würden über das hinausgehen, was administrativ, kommunikativ und finanziell leistbar sei, so die Behörde.
Kein Zusammenhang
zum MVV-Beitritt
Die Vermutung, dass der Betritt des Landkreises Rosenheim zum MVV etwas mit dem Ende der Busverordnung zu tun habe, weist das Landratsamt auf Anfrage zurück: „Der MVV-Beitritt steht in keinem Zusammenhang mit der Einstellung der Linie 9413 oder mit Fragen einer möglichen Subventionierung.“
Die Laufzeiten von Linienkonzessionen würden von der Regierung von Oberbayern genehmigt. Das Verkehrsunternehmen RVO habe auf der Linie 9413 nach regulärem Ablauf der Konzession keine neue Genehmigung beantragt. „Mit dem MVV-Beitritt im Dezember 2023 änderte sich lediglich, dass zwischen Wasserburg Busbahnhof und Kling der MVV-Tarif gilt – wie auf allen anderen MVV-Regionalbuslinien im Landkreis Rosenheim“, so die Behörde abschließend.