Töging – Die meisten der 209 Biogasanlagen in den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Rottal-Inn erzeugen seit rund 20 Jahren Strom und bekamen dafür 20 Jahre lang eine wirtschaftlich interessante Einspeisevergütung garantiert. Für die ersten ist diese Frist schon abgelaufen. Alle Biogas-Erzeuger müssen nun prüfen, ob sie mit der Erzeugung von Strom und der Nutzung der dabei entstehenden Abwärme weiterhin wirtschaftlich arbeiten können. Welche Perspektiven ihnen darüber hinaus der Verkauf von Biogas an industrielle Abnehmer oder die Reinigung zu Biomethan und die nachfolgende Einspeisung ins Erdgasnetz bieten könnten, soll das Pilotprojekt „Biogascluster“ klären.
Machbarkeitsstudie, um
Anlagen zu verknüpfen
Dabei geht es darum, die meist kleineren Biogasanlagen zu größeren Einheiten zu verknüpfen. Die für die drei Landkreise zuständige Töginger Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbands (BBV) führt die Machbarkeitsstudie zusammen mit dem Ingenieurbüro RegPower aus Regensburg durch. Die beiden Partner bekamen die Förderzusage vom bayerischen Wirtschaftsministerium und müssen das Projekt innerhalb von sechs Monaten umsetzen. Die Förderurkunde übergab Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger im Veranstaltungszentrum „Netzwerk“ des Trockenbauunternehmens Baierl & Demmelhuber.
Das Pilotprojekt ist nicht das erste dieser Art in Bayern, aber das erste, das sich über drei Landkreise erstreckt. Gastgeber Veit Hartsperger, Leiter der BBV-Geschäftsstelle, begrüßte den Minister, mit dessen Unterstützung die Studie familiengeführten Betrieben Perspektiven aufzeigen könne. Es gehe hier um „sinnvolle Effizienz“ und eine vorhandene regenerative Energiequelle könne eventuell noch effizienter genutzt werden.
Die Biogas-Erzeuger der Region könnten rund 1.880 Gigawattstunden Biomethan liefern, mit denen der Jahresbedarf von 50.000 Haushalten gedeckt werden könne. Seitens der Erzeuger seien die ersten Rückläufe verhalten gewesen, aber inzwischen hätten sogar Biogas-Betriebe aus den angrenzenden Landkreisen Erding, Landshut, Dingolfing-Landau und Traunstein Interesse angemeldet.
Bei den ebenfalls angeschriebenen potenziellen Abnehmern habe die Nachfrage sogar deutlich über dem möglichen Angebot gelegen. Eine stoffliche Nutzung könnten sich außer Industriebetrieben auch Bäckereien, Schlachtereien und Molkereien vorstellen.
Laut Cornelius Herb, Geschäftsführer der auf regenerative Energie spezialisierten RegPower, läuft die Rückmeldefrist der Betreiber und der Abnehmer noch. Die bisherigen Rückmeldungen fasste das Planungsbüro auf einer Karte des Projektgebiets zusammen, auf der alle Anlagen analog zu ihrer Größe mit mehr oder weniger großen Punkten markiert sind. Darauf festgehalten sind auch die Abnehmer, die bislang hauptsächlich im Chemiedreieck rund um Burgkirchen und Burghausen liegen. Darübergelegt wurde das bestehende Netz an Erdgasleitungen, in die Biogas-Erzeuger einspeisen könnten. „Eine kleine Anlage zur Netzeinspeisung, die das Biogas zu Biomethan aufbereitet und dabei Kohlendioxid und Spurengase abscheidet, hat die Größe von zwei bis drei Containern und kostet etwa eine bis zwei Millionen Euro“, erklärte Herb.
„Deshalb sollten möglichst zehn Betriebe oder mehr zentralisiert einspeisen und lieber ein paar Leitungen mehr verlegen, das ist billiger.“ Die Direkteinspeisung von Biogas dagegen spare viel Geld und unterstütze die heimische Industrie. Daher wurde bereits ein „Microcluster“ gebildet, über das acht Betriebe ihr Gas direkt nach Burgkirchen liefern könnten, ohne es vorher aufzubereiten. „Je mehr Betriebe zusammengeschaltet werden, desto höher ist die Ausfallsicherheit, die für die Abnehmer über das Jahr hinweg gewährleistet werden muss“, betonte der Planer.
„Auch der Preis und der Planungsaufwand sinken durch die Clusterbildung.“ Die Studie ersetze einen Clustermanager, der sonst umfangreiche Vorarbeiten leisten müsste.
Herb rechnet für die drei Landkreise mit einer Handvoll Einspeiseanlagen, maximal 20. Derzeit gebe es bundesweit 250. An die Politiker gerichtet, sagte der Planer, ein Duldungsrecht für die Verlegung von Gasleitungen würde ihnen sehr helfen. Darauf ging Wirtschaftsminister Aiwanger in seinem Statement nicht ein. „Das Potenzial von Biogas ist noch nicht erkannt“, erklärte Aiwanger. „Wir sind bei diesem Pilotprojekt als eine Art Heiratsvermittler unterwegs. Direkt zu den Endkunden zu gehen und ohne Netzbetreiber auszukommen, ist meines Erachtens der richtige Weg.“
Heute werde in Biogasanlagen ja oft nur Strom erzeugt und die Abwärme in die Umwelt geblasen, anstatt sie zu nutzen. Die Kapazität der rund 2500 grundlastfähigen Biogasanlagen in Bayern entspreche der des stillgelegten Atomkraftwerks Isar II. Er führe Gespräche mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche über den Einsatz von Biogas in den geplanten Gaskraftwerken und werde da „dranbleiben“.
Nach einem Schwenk auf künftige große Fortschritte bei der Speichertechnik und die große Rendite von Windrädern im Forst („beste Flächenrendite ever“) lautete sein Fazit, erneuerbare Energien müssten „mit Sinn und Verstand“ weiterentwickelt werden.
Carl von Butler, Generalsekretär des BBV, lobte den Minister dafür, dass er „keine Denkblockaden habe“, und bekam dafür Applaus. Biogas sei in den vergangenen Jahren von der Politik „mit Füßen getreten worden“, dabei wäre es auch volkswirtschaftlich unsinnig, die gut gepflegten Anlagen abzubauen. Die bayerische Staatsregierung gehe den Weg zur besseren Nutzung von Biogas „mit, ja sogar voraus“. Biogas solle nicht an den Rand, sondern ins Zentrum der Energiewende gerückt werden, schloss von Butler.
Am Rande der Veranstaltung sagte Kerstin Ikenmeyer vom Referat Bioenergie des Ministeriums, es gebe derzeit in Bayern nur ein ähnliches Pilotprojekt in Cham. „Einige“ weitere seien im Gespräch, die dürfe sie aber noch nicht nennen. Laut Cornelius Herb erstreckt sich der Cluster in Cham über den ganzen Landkreis. An einem regionalen Biomethan-Cluster in Vilsbiburg sei sein Büro ebenfalls beteiligt, während in Rosenheim die Stadtwerke ein größeres Cluster planten.
Vorlaufzeit von
zwei bis drei Jahren
Gastgeber Veit Hartsperger hatte schon bei seiner Begrüßung erklärt, nach der Machbarkeitsstudie werde es im Frühjahr schnell weitergehen müssen. Schließlich sei mit einer Vorlaufzeit von zwei bis drei Jahren zu rechnen. Wie aus Kreisen der Landwirtschaft zu hören war, könnte einer der „Knackpunkte“ werden, wer bei der Zusammenlegung mehrerer Biogasanlagen „den Hut aufhat“. Die Baugenehmigungen für die Gasleitungen werden sicher auch keine Selbstläufer, weil sich der „Bau-Turbo“ der Bundesregierung nur auf den Wohnungsbau bezieht.