Wasserburg – Wenn am Freitag die Olympischen Winterspiele in den italienischen Alpen eröffnet werden, ist auch der Wasserburger Sportmediziner und Orthopäde Dr. Sebastian Sinz dabei. Er betreut als Mannschaftsarzt das Team von „Snowboard Germany“ und bereitet sich auf die medizinischen Herausforderungen vor.
Ein bisserl aufgeregt sei er schon, gibt Sinz zu. Schließlich sind es nur noch wenige Tage, bis die Fackel für die Olympischen Winterspiele entzündet wird.
„Das olympische Feuer in mir brennt bereits“, unterstreicht Sinz lachend. „Man will ja auf alles vorbereitet sein, vom medizinischen Equipment wie Medikamente oder Ultraschall bis hin zur privaten Skiausrüstung wie den frisch präparierten Telemarkski.“
„Positiver Virus“
in Beijing 2022
Sinz freut sich auf die gleichermaßen sportliche wie medizinische Herausforderung in Italien. Für ihn geht es bereits zum zweiten Mal zu Olympia: 2022 war er in Beijing dabei, als Peking Gastgeber der Olympischen Winterspiele war – mitten in der Corona-Pandemie eine besonders herausfordernde Situation.
„Im Endeffekt war das für mich ein positiver Virus, der bewirkt hatte, dass ich unbedingt nochmal zu Olympia und zusammen mit den Athleten die Medaillen feiern wollte. Der olympische Gedanke hat mich gepackt und dafür gesorgt, mich in meiner Arbeits- und Herangehensweise insgesamt zu verbessern“, zählt Sinz die positiven Aspekte auf.
Verbindung von
Medizin und Sport
„Das Schöne ist die Verbindung von Medizin mit Sport, Ländern und Menschen“, schwärmt der Wasserburger Orthopäde. „Ich könnte natürlich auch als Tourist nach Cortina fahren, doch dann könnte ich nie diese Eindrücke sammeln, wie ich sie bei Olympia erlebe. Das ist eine ganz eigene Stimmung, unbeschreiblich.“
Als Mannschaftsarzt betreut Sinz die deutschen Snowboarder und bildet mit mehreren Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen ein Team, wobei er den orthopädisch konservativen Part einnimmt. Der Wasserburger ist überzeugt: „Das Gesamtpaket muss stimmen, nur dann wird‘s eine erfolgreiche Olympiade.“ Weil das Board am Fuß hängt, bilden Sprunggelenksverletzungen die häufigsten Blessuren – von Syndesmosebandanrissen bis Fraktur. Daneben sind Kreuzbandverletzungen oder Knieverdrehungen sowie Luxationen der Schulter typische Verletzungsmuster der Sportler. Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind Überbelastungssyndrome durch inadäquate Trainingsbelastung, die nicht selten zu Rückenschmerzen führen können: „Wer zu intensiv trainiert, tut sich selbst keinen Gefallen. Die richtige Intensität zu finden, ist essenziell.“
Denn die sportliche Herausforderung hat es in sich: „Bei Sprüngen über sieben Meter hohe Schanzen kommt es nicht selten zu einem Höhenunterschied von zwölf Metern, bevor der Snowboarder wieder auf dem Eis landet. Es muss nicht gleich etwas Ernstes sein, aber vereinzelt sind Schmerzen möglich. Das ist der Zeitpunkt, an dem ich ins Spiel komme und beispielsweise mit Impuls- oder Stoßwellentherapie positive Veränderungen im Gewebe oder den Muskeln erwirke, um die Funktion und somit den Bewegungsumfang wieder vollständig herzustellen.“
Generalprobe in
Laax in der Schweiz
Sinz ist „für alle Eventualitäten gerüstet“: Er geht imaginäre Verletzungen für eine optimale Vorbereitung im Kopf durch. Die Generalprobe für die 19 Athleten und Athletinnen ging erfolgreich Mitte Januar in Laax in der Schweiz über die Bühne. Dort betreute Sinz vor Beginn der Olympiade die Freestyler von „Snowboard Germany“. Die Wettkampfdisziplinen „Cross“ und „Race“ werden ebenfalls vom Wasserburger Orthopäden in Livigno mitbetreut.
Das Harte am Sport: Ein Bruchteil von Sekunden entscheidet alles. „Die Athleten müssen im allesentscheidenden Moment fit sein, sonst verfehlen sie das Saisonziel. Haut alles hin, haben wir Ärzte im Hintergrund alles richtig gemacht“, betont Sinz.
In den Fußstapfen
des Großvaters
Mit seiner Berufswahl trat Sinz in die Fußstapfen seines Großvaters, der seines Zeichens Allgemeinmediziner war. Da der 50-Jährige schon immer sportbegeistert war, legte er den Fokus rasch auf die Sportmedizin, machte sich vor einigen Jahren mit einer eigenen Praxis selbstständig, in der er inzwischen mitten in der Altstadt in der Salzsenderzeile zu finden ist.
Seine Erfahrung zeigt: Athleten sind „Hochleistungssprintpferde“, durch die Sinz in seiner Funktion als Mannschaftsarzt wahnsinnig viel dazu lernt.
Grundsätzlich legt er den Fokus seiner Behandlungen – ob bei Olympia oder in seiner Praxis – immer zuerst auf nicht-operative Methoden: „Konservative Medizin ist nicht unbedingt die schlechtere. Wird eine OP jedoch notwendig, würde ich das natürlich indizieren und an entsprechende Kollegen überweisen. Die perfekte Lösung aus der Schulmedizin existiert für mich nicht, es spielen immer ganzheitliche und individuelle Faktoren mit rein. Was zählt ist, dass die Athleten wieder rasch auf die Beine kommen.“
Sein Ziel schon nach dem Abitur: Einmal im Leben zu Olympia. Dieser Wunsch ist mittlerweile in Erfüllung gegangen. Träume hat Sinz nach wie vor. Wie die Sommerolympiade 2028 in Los Angeles, die er gerne zusammen mit seiner Schwester Vroni bestreiten würde. Als Tierärztin war sie bereits bei den Olympiaden in Japan und Frankreich für das Vielseitigkeitsteam am Start, um die Pferde zu betreuen.
Gemeinsamer Einsatz
mit der Schwester?
Sinz sieht da durchaus Parallelen: „In LA würde meine Schwester das Pferd und ich den Reiter betreuen. Die optimale funktionelle Synchronisation zwischen Pferd und Reiter schaffen die maximale Effizienz auf olympischem Niveau.‘‘
Sein zweiter großer Traum, verrät Sinz und schweift dabei ein bisserl in die ferne Zukunft ab: Ein Teil der Winter-Olympiade 2030 in den französischen Alpen zu sein – gemeinsam mit seinem Sohn, der aktuell Physiotherapie studiert.
Doch zunächst fiebert der sportaffine Mediziner den Wettkämpfen in Mailand, Cortina d‘Ampezzo und Livigno entgegen: Die italienischen Alpen sind genau 70 Jahre nach 1956 wieder Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Eröffnet werden sie im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, ihren Schlusspunkt finden sie in der Arena von Verona. Mehr als 3.500 Athleten aus aller Welt werden im Zeitraum von 6. bis 22. Februar in Italien erwartet.