Haag/Kraiburg/Waldkraiburg/Polling/Gars – In Deutschland gab es im Jahr 2020 mehr Großstadt-Bürgermeister, die Thomas hießen, als Frauen. Das ergab eine Analyse des Katapult-Magazins.
Auch ein Blick auf die Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder im Landkreis Mühldorf zeigt: Frauen sind hier in der Unterzahl. Von den 31 Gemeinden werden derzeit nur vier von einer Frau geführt. Auch für die Kommunalwahl am 8. März schaut es nicht viel besser aus. 34 Kandidaten sind männlich, nur zehn sind weiblich. Hier erzählen fünf Frauen, warum sie sich in der Kommunalpolitik engagieren.
Sissi Schätz ist Bürgermeisterin in Haag und Kreisrätin in Mühldorf. Die 61-Jährige kam schon früh mit Kommunalpolitik in Berührung. „Mein Vater und Großvater waren beide auch mal Bürgermeister“, sagt sie. Über ihr Engagement bei Bürgerinitiativen zur Mülldeponie oder zum Haager Krankenhaus und den später folgenden Eintritt in die SPD kam sie dann in den Gemeinderat, sagt sie.
Auch der Haushalt
ist kein Hexenwerk
Sie appelliert auch an andere Frauen, sich die Arbeit in der Kommunalpolitik zuzutrauen. Denn auch „der Haushalt ist kein Hexenwerk. Man kann sich einlesen und das Prinzip dahinter verstehen“, sagt sie. Oft würden sich Frauen nur in bestimmten Bereichen, wie Kinderbetreuung oder Familienarbeit, engagieren.
Bei Frauen braucht es laut Schätz in Zukunft womöglich mehr Werbung für die Kommunalpolitik. „Dabei fasse ich mich auch selbst bei der Nase“, sagt sie. Oft hätten etwa Mütter weniger Zeit für das Ehrenamt. Auch wenn Schätz Sitzungen vor Ort generell besser findet, können hier hybride Sitzungen eine Lösung darstellen, sagt sie.
„Als Frau wird man zudem anders beäugt“, weiß auch Schätz. Auch sie sei – wie viele weitere Politikerinnen – schon einmal auf ihr Outfit angesprochen worden.
Stephanie Pollmann, Stadträtin in Waldkraiburg, wurde von verschiedenen Frauen in der Politik inspiriert – beispielsweise von Landtagspräsidentin Ilse Aigner oder von ihrer Mutter Charlotte Konrad, die auch im Stadtrat aktiv ist.
Besonders für berufstätige Mütter sei es jedoch schwierig, sich noch Zeit für ein politisches Ehrenamt freizuschaufeln, sagt Pollmann. Sie findet, dass hybride Sitzungen das erleichtern würden. So könne man auch von zu Hause aus teilnehmen, wenn man eine Person betreuen muss. „Die Sitzungen könnten auch gestreamt werden“ und würden so mehr Personen erreichen, findet die Waldkraiburgerin.
Pollmann weiß aber auch, dass man als Person in der Öffentlichkeit ein dickeres Fell braucht. „Ich wünsche mir, dass viele Frauen andere Frauen unterstützen“, sagt sie.
Lena Koch ist Gemeinderätin in Polling und für die Grünen im Kreistag. Die 35-Jährige setzt sich seit der Geburt ihrer Kinder in der Kommunalpolitik ein, „weil ich die Zukunft von ihnen und anderen Kindern mitgestalten will“, sagt sie. Das Engagement macht laut Koch Spaß: „Man kann Anträge einbringen und vor der eigenen Haustüre etwas bewirken.“ Einen Grund für den geringen Frauenanteil sieht sie in der weiterhin oft geltenden, alten Rollenverteilung. Oft seien Frauen für die Pflege von Angehörigen oder die Kinderbetreuung zuständig. Damit lasse sich ein politisches Amt schwer verbinden. Sie findet deswegen, hier braucht es Unterstützung – auch dadurch, dass anfallende Betreuungskosten übernommen werden.
Für Koch ist klar: „Es braucht Frauen in der Kommunalpolitik.“ Denn sie würden eine eigene Perspektive mitbringen, sagt sie. Frauen in den Gemeinde- oder Stadtrat zu wählen, passe mit dem Termin der Wahl zusammen. „Am 8. März ist auch Weltfrauentag“, sagt sie.
Petra Jackl, Bürgermeisterin in Kraiburg, wünscht sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik. „Immerhin machen sie 50 Prozent der Bevölkerung aus“, sagt die 57-Jährige. Jackl ist Mitglied in der CSU, sie habe sich schon immer für die Gemeinschaft und die Weiterentwicklung des Ortes interessiert und wolle mitentscheiden.
Dass in den Kommunalgremien die Frauen in der Unterzahl sind, liegt laut Jackl auch daran, dass oft Männer für ein Amt gefragt würden. „Und die sagen dann sofort zu.“ Frauen hingegen seien oft zögerlicher und würden eine solche Entscheidung erst noch einmal überdenken, sagt Jackl. „Sie sollten sich hier durchaus mehr zutrauen“, betont die 57-Jährige.
Ein weiterer Punkt sei, dass eine Frau nach wie vor in vielen Haushalten die Rolle der Familienmanagerin übernehme. Ein Ehrenamt könne somit eine weitere Belastung darstellen, sagt Jackl.
Hildegard Brader hat sich schon in ihrer Jugend im Sportverein engagiert. Mittlerweile ist die 60-Jährige stellvertretende Bürgermeisterin in Gars und für die Wählergemeinschaft West im Kreistag. Als sie sich 2014 das erste Mal hatte aufstellen lassen, war zuvor keine Frau im Gemeinderat, sagt sie. In der jüngsten Periode war sie die einzige Frau im Gremium.
Spaß am
Ehrenamt
Auch wenn sie sich anfangs nicht vorstellen konnte, sich politisch zu engagieren, macht ihr das Ehrenamt mittlerweile viel Spaß. „Ich wollte etwas bewegen und mitgestalten“, sagt sie. Gars komme voran, das stärke sie in ihrem Tun. „Die Arbeit in der Kommunalpolitik ist sehr interessant“, sagt sie.
Oft würde es auch Frauen geben, die sich einbringen wollen, sagt sie. Doch nicht immer würden Frauen in ein Gremium kommen. „Wenn Frauen Frauen wählen, würd‘s einfacher gehen“, sagt Brader. Für die Zukunft wünscht sich die Garserin jedenfalls mehr Frauen im Gemeinderat – „und auch in den höheren Positionen in der Politik, weil ihre Meinungen dort wichtig sind“, sagt sie.