Reichertsheim – Die Idee, zusätzliche Stühle in den ohnehin nicht kleinen Saal der Schützen in Thambach zu bringen, erwies sich als weitsichtig: Mit über 200 Anwesenden war der Raum bis auf die letzte Sitzgelegenheit gefüllt. Obwohl die Reichertsheimer Bürgerversammlungen traditionell gut besucht sind, wurde deutlich, dass es sich in mehrerlei Hinsicht um einen besonderen Abend handelte. Es war die letzte Bürgerversammlung unter dem amtierenden Bürgermeister Franz Stein, der nicht nur auf das vergangene Jahr, sondern auch auf seine gesamte Amtszeit zurückblickte. Diese war bekanntermaßen über die Herausforderungen der Corona-Jahre in den Anfängen hinaus nicht frei von Turbulenzen gewesen.
Freude
über Interesse
Nachdem Stein die Anwesenden mit sichtlicher Freude über das große Interesse begrüßt hatte, schritt er zur Ehrung der besten Absolventen, eine Aufgabe, die er immer mit besonderer Freude wahrgenommen habe. Sehr stolz war man auch auf die großen Erfolge der jungen Stockschützen aus der Gemeinde, die später ebenfalls geehrt wurden. Sie konnten gleich mehrfach mit den Titeln eines Deutschen und eines Europameisters glänzen.
Einwohnerzahlen
und Infrastruktur
Der erste Block mit den üblichen Grunddaten zur Gemeinde zeigte eine signifikante Folie: Von den derzeit 1.756 Einwohnern lebt nur knapp die Hälfte in Reichertsheim (17 Prozent), Ramsau (27 Prozent) und Tiefenstätt (fünf Prozent), der Rest eher verstreut im Umland. Damit ist klar: Eine der größten planerischen und finanziellen Herausforderungen ist der Straßenbau beziehungsweise die Instandhaltung der Verkehrswege. Dazu gab es später auch einige konkrete Beispiele. Erfreulich sei es, so Stein, dass die Einwohnerzahl über die vergangenen 15 Jahre zwar langsam, aber durchaus kontinuierlich gestiegen sei.
Ein Blick auf die
Gemeindefinanzen
Mit Spannung wurden die Zahlen des Haushalts erwartet. Der scheidende Bürgermeister stimmte geschickt mit einer Folie zur Verschuldung der bayerischen Kommunen generell ein, die in den vergangenen Jahren ein Rekordhoch nach dem anderen erreicht hat. Die Reichertsheimer Schulden in Höhe von 3,4 Millionen Euro liegen sicherlich noch nicht im rekordverdächtigen Bereich, auch wenn sich damit der Schuldenstand und folglich auch die Pro-Kopf-Verschuldung mit 1.981 Euro fast verdoppelt haben.
Stein wies darauf hin, dass nicht nur das Auffangen der Krise in der Rathausverwaltung kostenintensiv gewesen sei, sondern die Gemeinde auch Grundstücke an der Lexenbergstraße erworben habe. Deren Kosten seien in den Haushalt eingeflossen, würden aber erst durch ihren Verkauf wieder bei den Aktiva erscheinen. Der Wert sei jedoch vorhanden. Während es mit diesem Baugebiet noch etwas dauern werde, sei der Bebauungsplan für den Schmidanger schon relativ weit gediehen, wie Stein später in seinem Ausblick erläuterte. Sorgen machen aktuell vor allem die relativ geringen und im Vergleich noch einmal gesunkenen Gewerbesteuereinnahmen von circa 900.000 Euro.
Von Kindergarten
bis Digitalisierung
Das finanziell größte aktuelle Projekt der Gemeinde ist die Vergrößerung und Umgestaltung des Kindergartens. Es sollen zwei weitere Kindergartengruppen entstehen, damit die Gemeinde dem gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz gerecht werden kann. Stein beschrieb beispielhaft die Suche nach dem optimalen Kompromiss zwischen den räumlichen Erfordernissen eines zeitgemäßen Betreuungsangebots, dem Gebot der Sparsamkeit und nicht zuletzt den Auflagen der Gemeindeunfallversicherung im Sinne der Sicherheit für die Kinder. Dementsprechend sei der Entwurf mehrfach überplant worden.
Ausführungen zum Energiemanagement, zum fortschreitenden Breitbandausbau und zur Digitalisierung schlossen sich an. Eine 31-prozentige Autarkiequote habe man bei der Stromversorgung allein durch Solarmodule auf den Dächern erreicht, mit Batteriespeichern könnte man diese noch weiter erhöhen. Der weitere Ausbau des Nahwärmenetzes in Reichertsheim sei abgeschlossen, auch wenn er kleiner als ursprünglich geplant ausgefallen sei. „Im Bereich der Digitalisierung müssen wir uns aber nicht verstecken!“, so der Bürgermeister, der veranschaulichte, was man in der Gemeinde alles digital erledigen kann und über welche Informationskanäle Rathaus und Bürger miteinander vernetzt sind.
Kandidaten für die
Zukunft stellen sich vor
Nun stellte sich der als Bürgermeisterkandidat aufgestellte 43-jährige Landwirtschaftsmeister Martin Huber vor und umriss seine zentralen Zukunftspläne. Trotz der anschließenden diszipliniert knappen persönlichen Vorstellung der 24 Gemeinderatskandidaten von zwei Listen und der drei lokalen Kreistagsbewerber entstand der Gesamteindruck von viel Engagement, Lebenserfahrung und Kompetenz. Der Bürger hat hier tatsächlich die Qual der Wahl.
So sahen es auch Bürgermeister Stein und später Landrat Max Heimerl, die übereinstimmend diese gar nicht mehr so selbstverständliche große Bereitschaft aller Kandidaten, sich aktiv in und für die Gemeinschaft einzubringen, sehr lobten. Auch die Anwesenden sparten nicht mit Applaus. Ein Indikator dafür, dass in der Gemeinde eine durchaus gute Stimmung herrscht, ist dieses Bewerberfeld allemal – neben einer üblicherweise über der 80-Prozent-Marke liegenden Wahlbeteiligung.
Daher war Franz Stein, nach einem kurzen Ausblick auf zukünftige Projekte der Gemeinde, auch rückblickend voll des Lobes und des Dankes an den amtierenden Gemeinderat für die stets gute und konstruktive Zusammenarbeit.
Verwaltung funktioniert ausgezeichnet
Die großen Herausforderungen während seiner Amtszeit seien nicht diesem Bereich entsprungen, sondern den Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung. Das sei aber alles überwunden, die Verwaltung funktioniere nunmehr ausgezeichnet, stellte er im Zusammenhang mit seinem umfassenden Dank an alle Mitarbeiter, auch beim Bauhof, in den Kindergärten, der Grundschule und bei der Feuerwehr, fest. Auch das ehrenamtliche Engagement zahlreicher Gemeindebürger vergaß er nicht dankbar hervorzuheben.
Nach zweieinhalb Stunden Gemeindeinformation kam Landrat Heimerl zu Wort, der einige zentrale Eckdaten zur Situation im Landkreis referierte. Insbesondere wies er auf die gelungene Strukturreform bei den Krankenhäusern hin. Die Kliniken schrieben zwar immer noch keine schwarzen Zahlen, doch die Defizite sänken; man sei auf einem guten Weg. Auch die Lage bei den Asylbewerbern habe sich entspannt, ihre Zahl sei vor Ort im Abnehmen begriffen. Grundsätzlich habe die Bevölkerungszahl im Landkreis aber deutlich zugenommen, und das werde auch noch so bleiben. Insgesamt sieht Heimerl großes Potenzial im „Chancenlandkreis“ Mühldorf vor den Toren Münchens, einer „hochinteressanten Region mit Zukunftsperspektive“.
Ein humorvoller
Abschied mit Applaus
Das letzte Wort hatte natürlich der Bürgermeister, der sich seinerseits beim Landrat für die stets vertrauensvolle Zusammenarbeit und bei den Anwesenden noch einmal für das große Interesse bedankte: „Ich weiß, ihr seid bestimmt nicht alle wegen mir gekommen. Viele wollten sicherlich noch einmal einen FJS erleben“, so Franz Josef Stein in Anspielung nicht nur auf seine Initialen.
So endete die Veranstaltung mit schallendem Gelächter und einem großen Schlussapplaus, aus dem sicherlich auch der Respekt vor dem Geleisteten und den gemeisterten Herausforderungen herauszuhören war, sodass Franz Stein kurz nach seinem 70. Geburtstag in den wahrhaft „wohlverdienten“ Ruhestand gehen kann. Die Gemeinde und nicht zuletzt auch die Verwaltung werden offensichtlich in einem Zustand übergeben, der in großer Breite positiv in die Zukunft blicken lässt und zum gemeinsamen Mitgestalten einlädt.