Traunstein – Es sind ein paar Tage vergangen seit der Nachricht, die eine ganze Region in Schockstarre versetzte. Nach Erkenntnissen der Polizei soll eine Frau (41) vergangenen Dienstag ihre vierjährige Tochter mit einem Messer tödlich verletzt haben. Während Staatsanwaltschaft und Gutachter versuchen, das Unbegreifliche zu rekonstruieren, bleiben für die Öffentlichkeit viele Fragen und mit ihnen die Unsicherheit. Die Tat hat eine Urangst berührt, die viele Eltern und Angehörige umtreibt: Was tun, wenn man spürt, dass ein Mensch die Kontrolle verliert? Wenn eine psychische Ausnahmesituation entsteht, die nicht mehr alleine zu bewältigen ist?
Gespräch mit Profis
und Experten
Es gibt im Landkreis Traunstein Profis für genau diese Momente. Doch sie kämpfen oft gegen ein mächtiges Hindernis: die Angst der Betroffenen vor der „Einweisung“. Simon Johannes Pfeifer ist Psychologischer Psychotherapeut und Gebietskoordinator des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern. Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erklärt er, was passiert, wenn man Telefonnummer 0800/6553000 wählt – und warum das Klischee von den „Männern mit den weißen Jacken“ gefährlich ist. Wer die Nummer wählt, landet nicht in einem anonymen Callcenter, sondern sofort bei Fachkräften – Psychologen, Sozialpädagogen oder psychiatrischen Fachpflegekräften. Pfeifer räumt mit dem Vorurteil auf, dass sofort ein Einsatzwagen losgeschickt wird. „In den meisten Fällen können wir bereits durch ein strukturiertes Krisengespräch am Telefon stabilisieren, Orientierung geben und konkrete nächste Schritte einleiten“, erklärt der Koordinator.
Das Ziel ist primär, die „Handlungskompetenz des Anrufenden“ wiederherzustellen. Oft reicht es, das Chaos im Kopf zu ordnen und gemeinsam zu überlegen: Wer kann jetzt unterstützen? Ist weiterführende Unterstützung notwendig? Oder lassen sich Ressourcen im persönlichen Umfeld mobilisieren?
Erst wenn das Wort am Telefon nicht mehr reicht, greift die nächste Stufe. „Wird der Bedarf einer taggleichen persönlichen Krisenintervention festgestellt, kann mit Einverständnis der Anrufenden ein mobiles Einsatzteam vor Ort kommen“, so Pfeifer. Diese Teams bestehen immer aus zwei Fachkräften.
Im ländlichen Raum wie dem Chiemgau herrscht oft die Sorge: Bis hier Hilfe aus München oder einer Klinik ankommt, ist es zu spät. Pfeifer widerspricht. Die Logistik ist dezentral auf Tempo ausgelegt: „Gerade im weitläufigen Landkreis Traunstein ist es uns wichtig, zu betonen, dass die Teams in der Regel innerhalb einer Stunde vor Ort sind.“ Entscheidend für die Hemmschwelle in dörflichen Strukturen: Die Nachbarn bekommen davon meist nichts mit. Keine Sirene, kein Blaulicht, keine Beschriftung. Pfeifer betont: „Unsere mobilen Teams treten diskret und ohne sichtbare Kennzeichnung auf.“
Das größte Hindernis für einen Anruf ist die Angst vor Zwang. Die Sorge, dass sofort die Polizei kommt und man „weggesperrt“ wird, hält viele davon ab, sich frühzeitig zu melden. Hier wird der Experte grundsätzlich. Der Krisendienst versteht sich als „Brücke“ zur ambulanten Hilfe, nicht als Exekutive der Psychiatrie. „Unser Schwerpunkt liegt auf frühzeitiger gemeinsamer Stabilisierung der Situation und Vermittlung passender Unterstützungsangebote im Lebensumfeld“, so Pfeifer.
Er untermauert dies mit wissenschaftlichen Fakten und zitiert eine aktuelle Metaanalyse (Corderoy et al., 2024): Diese zeigt klar, dass Menschen bessere Behandlungsergebnisse erzielen und seltener rückfällig werden, wenn sie sich freiwillig helfen lassen. Zwang ist die Ultima Ratio, wenn Leib und Leben akut in Gefahr sind. Pfeifer stellt klar: „Die Krisendienste Bayern arbeiten grundsätzlich nach dem Prinzip der Freiwilligkeit.“ Selbst wenn die Polizei hinzugezogen werden muss, sieht der Krisendienst seine Aufgabe darin, die Beamten fachlich zu unterstützen und „Unterbringungen möglichst zu vermeiden“.
Im Kontext solcher Tragödien steht oft die Frage im Raum: Hätte man es sehen müssen? Ohne auf den konkreten Fall einzugehen, gibt der Experte eine klare allgemeine Einschätzung: „Schwere Krisen entstehen nur sehr selten aus dem Nichts.“ Meist gebe es Vorboten, die Warnzeichen dafür sein können, dass ein Mensch psychisch stark belastet ist. Doch die sind tückisch, weil sie schleichend kommen. Pfeifer nennt konkrete Alarmzeichen, bei denen das Umfeld hellhörig werden sollte. Pfeifer differenziert: „Nicht jede Krise erfordert eine Behandlung, und nicht jede psychische Ausnahmesituation bedeutet, dass eine psychische Erkrankung vorliegt.“ Aber: Solche Sätze müssen ernst genommen werden.
Oft sind die Betroffenen selbst in ihrem Tunnel gefangen und nicht mehr in der Lage, zum Hörer zu greifen. Hier nimmt Pfeifer das Umfeld in die Pflicht – und nimmt ihm zugleich die Scheu. Darf man anrufen, wenn man sich nur Sorgen um die Nachbarin, den Partner oder die eigene Tochter macht? „Ja, selbstverständlich“, sagt Pfeifer. „Gerade das soziale Umfeld nimmt Veränderungen oft früh wahr, erlebt selbst Belastungen und darf sich auch unterstützen lassen.“
Großeltern, Partner oder Freunde können sich jederzeit beraten lassen. Die Profis am Telefon klären dann gemeinsam: Wie akut ist die Lage? Gibt es Hinweise auf Gefahr für Kinder? Die Handhabe ist flexibel. „Häufig können wir durch Beratung, Deeskalation und konkrete Handlungsempfehlungen bereits entlasten“, so die Erfahrung des Koordinators. Sein Appell ist eindeutig: Wer unsicher ist, sollte sich Unterstützung holen. Denn der Anruf ist niedrigschwellig und fachlich fundiert.
Beratung in
120 Sprachen
Ein Aspekt, der oft vergessen wird, aber gerade für Migranten oder Menschen mit Behinderung essenziell ist: Der Krisendienst ist auf fast alle Szenarien vorbereitet. „Die Krisendienste Bayern beraten telefonisch in über 120 Sprachen“, erklärt Pfeifer. Auch Beratung in deutscher Gebärdensprache oder mit Schriftdolmetschern ist möglich. Niemand soll an einer Sprachbarriere scheitern, wenn die Seele in Not ist.