Unterreit – Bis auf den letzten Platz gefüllt war die Wirtsstube im Wildpark Oberreith am vergangenen Mittwoch: Im Wildfreizeitpark drehte es sich aber an diesem Abend nicht wie sonst üblich um Spiel, Spaß und Tiere, sondern um eine geplante Kiesgrube in Schatzwinkel.
Für den seit 1961 bestehenden Familienbetrieb Kerstens ist der Abbau von Kiesvorkommen in der Region ein wichtiges Standbein. Denn Kies stellt einen Rohstoff dar, den jeder braucht. Darin war man sich an diesem Informationsabend einig. Nicht wirklich einig war man sich über die Kiesgrube, die auf einer Fläche von circa fünf Hektar im Unterreiter Ortsteil Schatzwinkel entstehen soll. Details über die genaue Abbaufläche und finale Gesamtgröße der Grube sind laut dem Geschäftsführer der Firma, Christian Kerstens, nicht abschätzbar, da dies von den Abbaugrenzen und der Genehmigung abhänge. Noch sei kein Bauantrag gestellt. Dies sei der nächste Schritt, der mit einer Öffentlichkeitsbeteiligung einhergehe.
Erste Vorgespräche
und Untersuchungen
In Kirchensur und Schachen auf Ameranger Gebiet betreibt die Firma Kerstens bereits zwei Gruben. Doch die sind zu Teilen bereits ausgebeutet, weswegen sie schon länger auf der Suche nach einer neuen Kiesgrube ist – und in Schatzwinkel fündig wurde. Kies könne schließlich nur dort abgebaut werden, wo der Rohstoff auch in ausreichender Menge vorkomme, so Kerstens: „Diese Fläche steht zur Verfügung und die werden wir beplanen.“
Zusammen mit Maximilian Noss von der Firma „GeoPlan“ wurde das Vorhaben näher erörtert. Vor Ort fanden mit den zuständigen Behördenvertretern vom Rosenheimer Wasserwirtschaftsamt und dem Mühldorfer Landratsamt, der Gemeinde Unterreit und dem Grundstückseigentümer bereits erste Vorgespräche statt.
Auf einer Fläche von circa fünf Hektar plant die Firma Kerstens in insgesamt drei Bauabschnitten den Abbau von Kies von Ost nach West mit einer Zufahrtsstraße im Norden. „Pro Jahr gehen wir von einer Menge von 30.000 Kubikmetern Kies aus. Auf 240 Arbeitstage gerechnet wären das etwa acht bis zehn Fuhren täglich mit unserem eigenen Fuhrpark. Da sind sicherlich ein bis zwei Wochen dabei, an denen gar keine Fahrten stattfinden. Aktuell passieren etwa 3.000 bis 4.000 Fahrzeuge pro Tag den Ort Unterreit – da würden wir uns künftig eingliedern mit rund 20 Fahrten im Schnitt“, erklärte Kerstens den derzeitigen Sachstand der Planung.
Ein Punkt, der einigen Bürgern sauer aufstieß: Die Straße mit ihrem Kopfsteinpflaster ist ohnehin eine Belastung für die Einwohner. Bei einer Beerdigung beispielsweise würde man teilweise nicht einmal mehr den Pfarrer verstehen, wenn Fahrzeuge schneller über die unebene Straße brettern. Doch für die Straße im Ort könne die Ameranger Firma nichts, bekräftigte Kerstens. Eine Verbesserung der Situation liege in den Händen der Gemeinde, respektive des zuständigen Straßenbauamts.
Erkundungsbohrungen sowie die Belange von Arten- und Naturschutz und die Tatsache, dass sich der Kies in einem Wasserschutzgebiet befindet, wurden in einem ersten Monitoring ausgearbeitet. Was folgt, sind Gutachten. Noss untermauerte, es seien viele Untersuchungen notwendig und es müssten viele Aspekte erfüllt sein, um Kies abbauen zu können.
Mit dem Projekt befinde man sich außerhalb des Trinkwasserschutzgebiets. Nachteile für den angrenzenden Bach „Reitentalgraben“ oder eine gegenseitige Beeinträchtigung, dass Wasser von außerhalb in die Grube fließen könne, seien nicht möglich.
Abbau in drei
Schritten geplant
Ein schalltechnisches Gutachten errechne Noss zufolge die zulässigen Betriebszeiten – vorgesehen sei montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr. Nachtfahrten werde es nicht geben.
Zur Sorge vor Staubaufwirbelungen erklärte der Projektplaner: „Kieselemente, die im Boden lagern, besitzen eine gewisse Grundfeuchte. Beim Abbau selbst staubt es nicht und je tiefer im Boden gearbeitet wird, desto geringer fällt die Staubentwicklung aus. Mit einer erhöhten Entwicklung für die Umgebung ist vor allem bei Niederschlag nicht zu rechnen. Potenziell gibt es zwar mehr Aufwirbelung bei trockenem Wetter, aber ein Kiesabbauvorhaben ist ohnehin nur genehmigungsfähig, wenn gesetzliche Regelungen und Auflagen eingehalten werden.“
Für den Abbau selbst seien Lader und Maschinen vorgesehen, jedoch keine stationäre Sieb- und Waschanlage. Diese Tätigkeiten werden am Firmensitz in Amerang geschehen. Kerstens sprach lediglich von der Option einer temporären mobilen Siebanlage. Als notwendige Einrichtung vor Ort seien ein Unterstellhaus für die Maschinen und gegebenenfalls ein Waghäusl vorgesehen. Eine Kehrmaschine soll die Verkehrssicherheit an der Staatsstraße 2092 gewährleisten.
„Wir sprechen hier von einem nicht unerheblichen Zeitraum von mindestens 25 Jahren inklusive Verfüllung und Rehabilitierung der Natur“, räumte Kerstens ein. „Mit der Verfüllung des ersten Bauabschnitts rechnen wir nach acht bis zehn Jahren. Erst dann startet der zweite Abschnitt des Abbaus.“
Kiesvorhaben in Unterreit ausbeuten, aber die Gewerbesteuer nach Amerang scheffeln? Dies sei nicht der Plan der Firma, bekräftigte Kerstens auf die Befürchtung eines Unterreiters hin: „Es ist uns ein großes Anliegen, dass unsere Wertschöpfung im Ort bleibt. Daher werden wir einen Teil der Gewerbesteuer nach Unterreit abführen. Die Gemeinde darf einen Prozentsatz der Einnahmen entsprechend abrechnen.“ Ein übliches Vorhaben: So würde die Schnaitseer Firma Dettenbeck schon lange einen Großteil ihrer Gewerbesteuer nach Obing abführen.
Kerstens versprach, mit den direkten Anliegern die bestmögliche Lösung erwirken zu wollen: „Die Sorgen der Nachbarn sind uns wichtig. Wir haben überlegt, einen entsprechend hohen Erdwall mit Eingrünung zu gestalten, um die Grube einzufrieden. Alternativ ist ein Zaun möglich, mit Bepflanzung, wenn gewünscht.“ Zu Beginn werde man ein paar oberflächlich gelagerte Erdhaufen zu Gesicht bekommen, der Großteil der Arbeiten jedoch fände unter dem Horizont statt.
Anwohner
bleiben skeptisch
Zurück blieben nach rund eineinhalb Stunden Diskussion um Für und Wider skeptische Gesichter. Vor allem die direkten Anrainer, so erklärte eine Anwohnerin, seien „traurig und enttäuscht“, dass man sie praktisch „vor vollendete Tatsachen“ stelle und das Ganze „vor unserer Haustür“ geschehe.
Ein weiterer Bürger fand drastische Worte: „Viele sagen nichts, aber wir sind alle dagegen. Die Kiesgrube will hier keiner.“ Für die Unterreiter wäre Schatzwinkel neben Salzöd die zweite Kiesgrube, weswegen die Frage laut wurde: „Wie viel hält unsere Region und wie viel halten die Leute aus?“
An den Bürgermeister und Gemeinderat ist bereits eine Liste mit 28 Unterschriften und Argumenten gegen das Vorhaben eingegangen. Bürgermeister Christian Seidl sprach sich an diesem Abend für einen offenen Dialog aus: „Ich bin froh um diese Veranstaltung. Sie schafft Gerüchte aus der Welt, ehe sie in Umlauf geraten. Wir stehen an einem schwierigen Ausgangspunkt und sind in einer angespannten Situation zur Genehmigung. Gleichzeitig möchten wir die Bürger abholen und schützen.“
Kerstens zeigte Verständnis für die Bedenken der Bürger. Aber: „In Schatzwinkel haben wir ein optimales Grundstück für Kiesabbau gefunden, und der Besitzer ist offen. Da wünschen wir uns auch ein gewisses Verständnis für unsere Situation, dass wir diese Möglichkeit natürlich nutzen möchten, wenn wir auf die Kiesvorhaben Zugriff haben.“
Abschließend war es ihm ein Anliegen, zu betonen, dass die Ameranger Firma jederzeit für Fragen und Anliegen aller Art zur Verfügung stehe. „Kiesabbau stellt ein Problem für viele dar, das wissen wir. Dass man eine Grube nicht vor der eigenen Haustür haben will, ist auch nachvollziehbar.“ Er könne nur anbieten, im Dialog zu bleiben und Anmerkungen der Bürger in die Planung einfließen zu lassen.