Kommentar

Fast jeder Zweite hat nicht gewählt

von Redaktion

von Sophia Huber

Wasserburg hat gewählt: Überraschend war das Ergebnis nicht wirklich. Der Stadtrat bleibt im Großen und Ganzen gleich. Bastian Wernthaler ist neuer Rathauschef, höchstens die doch sehr klare Mehrheit von 72,8 Prozent der Stimmen hat hier überrascht.

Freudentaumel also für die meisten Wasserburger Parteien. Und trotzdem gibt es eine bittere Pille zu schlucken: die Wahlbeteiligung. Mit 54,7 Prozent hatte Wasserburg bei der Kommunalwahl mit Abstand die niedrigste im gesamten Altlandkreis. Gut, es ist auch die einzige Stadt und traditionell ist die Wahlbeteiligung in Städten insbesondere bei Kommunalwahlen niedriger als auf dem Land. Dennoch ist das ein kleines Armutszeugnis für Wasserburg. Damit hat fast jeder zweite Wahlberechtigte am Sonntag darauf verzichtet, die Richtung vorzugeben, in die sich die Innstadt in den nächsten sechs Jahren entwickeln soll.

Man könnte es sich jetzt leicht machen und von Politikverdrossenheit sprechen. Oder die geringe Beteiligung auf die Tatsache schieben, dass nur etablierte Parteien oft mit bereits bekannten Stadtratskandidaten angetreten sind. Für viele war die Sitzverteilung damit gefühlt schon gesetzt. Auch Bürgermeisterkandidat Wernthaler hatte trotz dreier Gegenkandidaten nie wirklich ernst zu nehmende Konkurrenz. Vielleicht ist es auch die Wahrnehmung, dass Kommunalpolitik nicht wichtig sei.

Kommunalpolitik macht Wasserburg lebenswert

All das sind aber keine Argumente dafür, daheimzubleiben. Es ist die Kommunalpolitik, die Wasserburg so lebenswert macht, die Festlichkeiten wie das Nationenfest bezuschusst und ermöglicht, die das Badria stemmt und mit viel Geld dafür sorgt, dass wir auch in zehn Jahren noch in den Parkhäusern parken können. Und auch wenn die Stadtratsvertreter und der Bürgermeister im Vorfeld schon mehr oder weniger feststanden: Demokratie lebt von Wahlbeteiligung. Sie legitimiert die Volksvertreter. Nur wenn die Mehrheit zur Wahl geht, können ein Stadtrat und ein Rathauschef auch guten Gewissens überzeugt sein, die Mehrheit der Wasserburger zu vertreten.

Und dass längst nicht alles klar war von Anfang an, zeigt das knappe Ergebnis zwischen SPD und Grünen. Acht Stimmen haben hier entschieden und dafür gesorgt, dass die Grünen einen Sitz verlieren. Nicht zu vergessen zudem: Am Sonntag wurde auch der Kreistag gewählt und hier war längst nicht alles im Vorfeld entschieden, doch auch hier hat die Hälfte der Wasserburger es wohl verpasst, ihre Stimme zu erheben.

Wasserburg rühmt sich gerne einer lebendigen Stadtgesellschaft und des bürgerlichen Engagements. Doch am wichtigsten Tag der lokalen Mitbestimmung hat dieses Bild tiefe Risse bekommen. Das Kreuzerl am Sonntag ist kein Almosen an die Politiker – es ist die einzige Versicherung, dass die Stadt auch in Zukunft das bleibt, was wir uns alle wünschen: eine lebendige Kleinstadt am Inn.

Außerdem steht fest: Wer die Bestellung nicht aufgegeben hat, darf sich am Ende auch nicht über das gelieferte Ergebnis beschweren. Jeder, der am Sonntag lieber auf dem Sofa blieb, statt den kurzen Weg zum Wahllokal oder zum Briefkasten zu finden, hat sein Recht verwirkt, sich über steigende Gebühren, fehlende Radwege, Schlaglöcher in der Straße oder politische Fehlentscheidungen zu echauffieren.

Artikel 1 von 11