Wasserburg – Anpacken – das ist sein Leben. Vor Kurzem ist Guido Zwingler in der Stadt bekannt geworden, als er mit einem Team von sechs tüchtigen Frauen den allseits beliebten Blumenladen am Weberzipfel übernommen hat. Jahrzehntelang hatte das Ehepaar Sebastian und Veronika Hausberger für das Grün gesorgt; aus Altersgründen haben sie aufgehört.
Ein gefragter Mann
mit vielen Aufgaben
Nun also Zwingler, verheiratet und Vater zweier Söhne jenseits der 30. Er ist einer, der das Multitasking beherrscht. Eben hat der 63-Jährige mitgeholfen, einen Lkw zu entladen; Hunderte von Blumentöpfen mussten ins Gewächshaus geschafft werden. Mit seinen Mitarbeitern hatte er danach noch Verschiedenes zu besprechen, auf seinem Tagesplan stand ein Bewerbungsgespräch mit einem Jobsuchenden, und immer wieder klingelte zwischendurch das Handy.
Bei einer Kaffeepause am Straßenrand wurde er von einer Bekannten zum Thema Borkenkäfer befragt. Geduldig gab er Auskunft. Guido Zwingler ist ein gefragter Mann – und ja, er hat große Freude an seinem Beruf als Geschäftsführer bei der Fairjob GmbH.
Seit zehn Jahren übt er diese Tätigkeit aus; davor war er in Wasserburg Leiter des städtischen Bauhofs. Erste berufliche Erfahrungen sammelte er in einem kleinen Handwerksbetrieb in Bad Endorf. Danach widmete er sich zunehmend der beruflichen Rehabilitation; im Berufsförderungswerk in Kirchseeon erwarb er sich Verdienste als Integrationsberater.
In der Stiftung Attl hat er eine Aufgabe angenommen, die viel Fingerspitzengefühl erfordert: Es geht um Inklusion. Fairjob GmbH, ein 100-prozentiges Tochterunternehmen der Stiftung, heißt der Betrieb, der Menschen mit Behinderung eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt. „Es ist ein Beitrag zu einer lebendigen Stadt“, findet Zwingler.
Wirtschaftlicher Erfolg und
soziale Verantwortung
Gegründet wurde die Fairjob GmbH im April 2015 von Alfred Heitauer, dem damaligen Leiter der Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM), und dem Vorstand der Stiftung Attl, Franz Hartl. In der GmbH kümmerte sich Heitauer zunächst um das Café im Bürgerbahnhof, das einst so beliebte, mittlerweile aber geschlossene Cafesito; Zwingler übernahm den Garten- und Landschaftsbau sowie Malerarbeiten. Seit November 2016 ist er alleiniger Geschäftsführer.
Mit großer Verantwortung: „Wir müssen uns selbst tragen, wir müssen verdienen, wir werden ja nicht quersubventioniert von der Stiftung“, sagt Zwingler. Personal, Material, Fahrzeuge – all das muss von der GmbH finanziert werden. „Ein anstrengendes Geschäft, in dem Menschen arbeiten, die nicht immer so leistungsfähig sind“, umreißt Zwingler die Herausforderungen des Unternehmens mit seinen 16 Mitarbeitern, ohne den Blumenladen.
Der Anteil von Personen mit Schwerbehinderung liegt bei knapp der Hälfte – 45 Prozent. Dazu zählen beispielsweise Lernbehinderung, psychische Probleme, körperliche Leiden und auch Mehrfachbehinderung. Zwingler achtet schon bei der Einstellung darauf, dass es „passt“. „Ich habe da zum Beispiel einen Mitarbeiter, der sich zwar schwer mit dem Denken tut, aber er ist eine ganz zuverlässige Kraft.“ Eine erfolgreiche Stellenbesetzung also. „Man muss halt ein bisserl Gespür haben für die Leut’ – und Respekt.“ Wenn ein Mitarbeiter mal zu spät kommt, weil er verschlafen hat, drückt er ein Auge zu. Aber hin und wieder ein ernstes Wort im Tagesablauf äußern, das dürfe schon mal sein.
Zwischen Marktdruck
und Menschlichkeit
Die Altersspanne bei Fairjob liegt bei 25 bis 45 Jahren; vor allem Männer sind in dem Handwerksbetrieb beschäftigt. Fairjob unterliegt den Mechanismen des Marktes: Dem Kunden, der beispielsweise seine Fassade von dem Betrieb streichen lässt, sei es völlig egal, wer diese Arbeit erledigt. „Das Ergebnis muss stimmen, der Preis muss stimmen“, sagt Zwingler. Gewinnmaximierung hat jedoch nicht die allerhöchste Priorität.
Mit Blick auf die ersten Wochen des neuen Blumenladens äußert sich Zwingler zufrieden: „Ich bin angenehm überrascht.“ Die Stiftung lasse ihm freie Hand. „Vertrauen ist vorhanden, die Vorstände lassen mich arbeiten. Das schätze ich sehr. Und es ist einfach schön, eigenverantwortlich zu handeln.“ Den Geschäftserfolg führt Zwingler auch darauf zurück, dass er die Strukturen habe eigenständig aufbauen können.
Momentan ist er auf der Suche nach einer weiteren Kraft, die dauerhaft in das Inklusionsmodell passt. Ob er selber einen Strauß binden kann? Nein, das schafft er nach eigenem Eingeständnis nicht – und lacht dabei.