Eine Mahnung für die Wasserburger Ratsherren

von Redaktion

Der Prozess Jesu als Motiv in der Kunst – Bild von Gregor Sulzböck zierte einst das historische Rathaus

Wasserburg – Im Zentrum der liturgischen Texte der Karwoche stehen die Berichte der vier Evangelisten zum Leiden und Sterben Jesu. Diese Texte haben künstlerische Umsetzungen gefunden in Vertonungen oder bildlichen Darstellungen, wobei diese in der Regel erst mit der Verurteilung durch Pilatus beginnen. Seltener sind Darstellungen des Verhörs Jesu durch den Hohen Rat unter Vorsitz des Hohen Priesters Kaiaphas. Sie finden sich kaum in Kirchen, sondern vornehmlich unter den sogenannten „Gerechtigkeitsbildern“, wie sie vom 15. bis 17. Jahrhundert in vielen Rathäusern als Mahnung für die Ratsherren und Stadtrichter hingen.

Auch das um die Mitte des 15. Jahrhunderts errichtete Wasserburger Rathaus besaß neben dem Festsaal/ Tanzhaus eine Ratsstube, die 1564 mit den klassischen Gerechtigkeitsbildern des Salomonischen Urteils und des Jüngsten Gerichts sowie durch die Darstellung halbfiguriger Gelehrter und Juristen ausgestattet worden war.

Ein Jahrhundert später dürften diese Malereien durch eine Textilbespannung überdeckt und darauf die Gerechtigkeitsbilder des Wasserburger Malers Gregor Sulzböck aufgehängt worden sein. Der Zyklus umfasst fünf querformatige Bilder, welche die Kreuzigung Jesu, das „ungerechte Gericht“ (Jesus vor dem Hohen Rat), das Urteil Salomons, das Urteil Daniels (Susanna vor den Richtern) sowie die Wiedergutmachung eines Unfallgeschehens durch Kaiser Trajan zum Thema haben. Es stehen sich jeweils zwei alttestamentliche und zwei neutestamentliche Beispiele von Gerechtigkeit gegenüber, wobei die Kreuzigung Jesu kein primäres Gerechtigkeitsbild ist, während das antik-heidnisch-römische Exempel ein Einzelstück darstellt.

Der um 1636 in Eggenfelden geborene Gregor Sulzböck/Sulzpeck dürfte etwa 1656 als Malergeselle nach Wasserburg gekommen sein und stand vermutlich beim Maler Matthias Wilhelm Stro(h)vogl ein, dessen Witwe Anna er am 4. Februar 1658 heiratete. Er setzte damit die schon lange bestehende Werkstatt der Pittenharter/Strovogl fort und wurde zum bekanntesten und produktivsten Barockmaler Wasserburgs.

Um 1667 dürfte er von den Ratsherren den Auftrag für die Gerechtigkeitsbilder erhalten haben, zumindest trägt die Kreuzigungsszene dieses Datum und seine Signatur G S P.

Bei dem Gemälde Jesus vor dem Hohen Rat handelt es sich um die Darstellung der in allen Evangelien beschriebenen Verhandlung, in der Christus durch falsche Zeugenaussagen überführt werden sollte und in deren Verlauf er unschuldig als Gotteslästerer zum Tod verurteilt worden ist.

Neben wenigen, durch die biblischen Texte namentlich belegten Personen mit ihren Aussprüchen gibt es eine Reihe von fiktiven Gestalten aus apokryphen Quellen. Als grafische Vorlage dürfte Sulzböck einen Kupferstich von Daniel Altenburgh/Ioannes Bussemacher (um 1580 bis 1613) verwendet haben, lässt aber die den einzelnen Ratsmitgliedern zugeschriebenen Aussagen weg, nummeriert sie lediglich und nennt ihre Namen auf den Kartuschen. Möglicherweise standen diese Zitate auf einer separaten Tafel, die verloren ist.

Der Hohe Priester steht hoch aufgerichtet im Zentrum, während zu seinen Seiten die Mitglieder des Gremiums angeordnet sind und Pilatus links vom Betrachter auf einem Thron die Szene beobachtet. Jesus sitzt mit auffallend bleicher Hautfarbe auf einem Hocker, ihm gegenüber haben die Schriftführer an einem Tischchen Platz genommen, auf dem der Krug zur Händewaschung für Pilatus bereitsteht. Im Vordergrund verfolgt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus dem Volk den Prozessverlauf. Da Sulzböck ein bestimmtes Maß einhalten musste, um mit den Bildern die Länge des Kleinen Ratssaales zu füllen, hat er am linken Bildrand eine für ihn typische schmale Landschaftsszene angefügt.

Im Jahr 1687 hat Gregor Sulzböck das Thema der Verurteilung Jesu nach der gleichen Vorlage, aber in einem anderen Format (174,5 mal 115,2 Zentimeter) für das Rathaus in Dorfen erneut geschaffen. Das Gemälde, das im dortigen Sitzungssaal hängt, ist polychromer als das Wasserburger Bild, Jesus ist blutüberströmt, die Landschaft fehlt, dafür zeigt der Blick durch das Fenster im rechten oberen Eck bereits die Lanzen, Fackeln und das Kreuz.

Auf beiden Ausführungen warnt ein Schild über Kaiaphas die Ratsherren von Dorfen und Wasserburg „Weh dem der Unrecht richten thuet / Gott rechnet (= straft) daß unschuldig Bluett.“ Der Titel des Kupferstichs und der Dorfener Ausführung lautet „Abbildung deß ungerechten Gerichts/so wider den Heylandt der Welt ergangen“, während das Wasserburger Gemälde keine Beschriftung trägt. Dass Pilatus an der Sitzung des Synedriums teilgenommen habe, ist historisch falsch – die Künstler haben die getrennten Gerichtsszenen hier einfach zusammengefasst.

Schade, dass der Gerechtigkeitszyklus von Sulzböck im Sitzungssaal des Wasserburger Rathauses nicht mehr vollständig gezeigt wird – er wäre neben Dorfen einer der wenigen in Oberbayern. Ferdinand Steffan

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