Gedenken an NS-Opfer wach halten

von Redaktion

Ein Impulsvortrag im kbo-Inn-Salzach-Klinikum befasste sich mit der Erinnerungskultur in der evangelischen Kirche. Dr. Axel Töllner beleuchtete historische Bezüge und warf einen kritischen Blick auf die Entwicklungen des Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit.

Wasserburg – Vergangenes im Gedenken der evangelischen Kirche lebendig bleiben und werden lassen: Dazu referierte Dr. Axel Töllner, Beauftragter der ELKB für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neudettelsau.

Eine lebhafte Podiumsdiskussion mit Dekanin Dagmar Häfner-Becker und dem ärztlichen Direktor Prof. Dr. Peter Zwanzger schloss sich an die lehrreichen Ausführungen des Vortrags an, bei der allerdings auch Fragen aus dem Publikum teilweise offenbleiben mussten.

Erinnerungskultur in
Deutschland „Baustelle“

kbo-Geschäftsführer Dr. Karsten Jens Adamski erinnerte bei der Begrüßung der Gäste daran, dass aktuell vor Ort eine Verpflichtung bestehe, wachsam zu sein: Als Klinik habe man sich mit intensiver wie kritischer Auseinandersetzung und bewusst theologischer Reflexion der Vergangenheit zu beschäftigen.

Wie dies gelingen könnte, zeigte Dr. Töllner anhand fachlicher Informationen. Vor allem das Thema „Gedenken“ in der evangelischen Kirche beleuchtete er von mehreren Seiten, ausgehend von den November-Pogromen 1938. Allgemeines Gedenken stifte Identität, deshalb brauche es auch geeignete Gedenktage und -orte, postulierte er. Viele in der Gesellschaft forderten, endlich einen Schlussstrich zu ziehen, oder versuchten, Erinnerungen an nationalsozialistische Gewalt zu verharmlosen oder verächtlich zu machen.

Dem stehe der Wunsch gegenüber, die Bedeutung der historischen Ereignisse deutlicher zu machen und nach Jahrzehnten des Schweigens das Wissen darum zu erhalten. Die Erinnerungskultur sei in Deutschland in jedem Falle nach wie vor eine „Baustelle“. Dabei stehe die Einzigartigkeit der Vernichtung der Juden im Dritten Reich als Zivilisationsbruch fest. „War die Kirche damals blind?“ Dr. Töllner forderte mehr Empathie und Nächstenliebe ein und empfahl, sich zu überlegen: „Wie kann ich mich als Christ verstehen, ohne jüdische Überzeugungen herabzusetzen?“

Mit zahlreichen Beispielen zeigte er dann auf, wie kirchliches Erinnern in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftliche Spuren hinterlassen habe. Auch den Wandel in der Betrachtungsweise verdeutlichte er an Personen wie Hans Meiser, der als Namensgeber für Straßen zum Beispiel nicht mehr infragekäme, und Wilhelm Freiherr von Pechmann, dessen Zivilcourage als Vorbild erst spät erkannt und geachtet wurde.

„Wer wollen wir als deutsche Gesellschaft sein? Wo möchten wir hinkommen?“ Diese Fragen standen am Schluss im Raum, ebenso die Reflexion der Unterschiede in der Betrachtungsweise der Geschichte je nach Sichtweise von Opfern oder aus der von „Bereicherern“, wie er die Täter nannte.

In der Podiumsdiskussion wurde dann auch klar, dass sich Sichtweisen auf die Geschichte wohl auch in Zukunft mit jedem neuen historischen Fund oder Zeitzeugen etwas verändern könnten. „Baustellen“, aber auch Narben blieben vermutlich erhalten.

Vor allem traumatisierende historische Erfahrungen, auch in betroffenen Familien, bräuchten Zeit zur Bewältigung, auch unter Opfergruppen. Aber auch die Bereitschaft von Menschen, sich zu erkennen zu geben, sei nötig. Wenn Täter nicht sichtbar werden wollten, so Häfner-Becker, könnte Opfern keine Gerechtigkeit gegeben werden. Die Kirche habe wohl in der Vergangenheit auch was versäumt.

Dr. Zwanzger hinterfragte angesichts aktueller Strömungen: „Was wäre, wenn sich das gesellschaftliche Klima wandeln würde und man mal Angst haben müsste, sich öffentlich über diese Thematik zu äußern?“ Dazu empfahl Töllner, den eigenen kleinen Mikrokosmos zu sensibilisieren und durch Zuhören, aber auch durch Einbringen der eigenen Meinung im Gespräch zu bleiben.

„Alternative
Erinnerungen“

Man müsse am Ende auch nicht immer einer Meinung sein. Der Spagat in der Erinnerungskultur werde allerdings heutzutage durch andauernde Abwehrbestrebungen gegen die Anerkennung der historischen Vergangenheit und der Schuldfrage verstärkt. Der Umgang mit „alternativen Erinnerungen“, die vermehrt in den sozialen Medien, auch mithilfe von KI, verbreitet würden, verblieb am Ende als offenes Problem und als Herausforderung für die Zukunft bestehen.

Nötig sei laut Dr. Töllner, dass sich Menschen aller Generationen mit diesem Missbrauch der Erinnerungen auseinandersetzten und Fähigkeiten bekämen, dessen Mechanismen zu erkennen. Dazu sei weiterhin auch zu forschen.

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