Microcars: Sicherheitsrisiko auf vier Rädern?

von Redaktion

Ein nächtlicher Unfall im Gemeindebereich Polling rückt die sogenannten Mopedautos erneut ins Rampenlicht. Während eine Jugendliche nach einer Kollision mit einem Telefonmast mit dem Schrecken davonkam, wird die Frage nach der Sicherheit der Microcars neu aufgeworfen.

Polling – Glück im Unglück hatte eine 17-Jährige bei einem Autounfall am 23. März. Sie war auf der Strecke zwischen Oberflossing und Annabrunn mit ihrem Microcar einem Reh ausgewichen und gegen einen Telefonmast gekracht, der durch die Wucht des Aufschlags fast vollständig umgerissen wurde. Das Mädchen wurde dabei leicht verletzt – von dem Microcar ist nach dem Unfall nicht mehr viel übrig.

Karl-Heinz Stocker von der Polizeiinspektion Mühldorf findet gegenüber innsalzach24.de deutliche Worte für diese Fahrzeugklasse: „Das ist im Grunde nur ein vierrädriges Moped mit Plastik außen rum.“

Unfallschwerpunkt
Annabrunner Straße?

Der aktuelle Crash ist kein Einzelfall. Genau an dieser Stelle sei es bereits 2023 zu einem ähnlichen Auffahrunfall mit einem Microcar gekommen, so Stocker. Auch an anderen Kreuzungen im Landkreis krache es immer wieder, weil die schmalen Fahrzeuge beim Abbiegen wohl leicht übersehen werden.

Für die 15-jährige Elisabeth Putz aus Lohkirchen ist das Microcar trotz solcher Nachrichten der Inbegriff von Freiheit. „Ich bin dadurch unabhängiger von meinen Eltern und komme leichter von A nach B“, erzählt sie im Gespräch. Besonders im ländlichen Raum, wo der Bus oft keine Option ist, biete das Auto Mobilität bei jedem Wetter. Damit käme sie überall hin – wenn auch nur mit Tempo 45. Um das Microcar zu fahren, reicht ein Mopedführerschein.

Die Zahlen der Polizei Mühldorf zeigen: In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete die Dienststelle im reinen Stadt- und Umlandgebiet acht Unfälle mit Microcars. Die gute Nachricht: Bisher blieb es bei Leichtverletzten. Die Ursachen variieren jedoch – neben Vorfahrtsfehlern war auch Alkohol im Spiel.

Polizist Stocker sehe in den Fahrzeugen eine Art Gesetzeslücke. Das Problem: Die Jugendlichen fühlten sich in der Kabine geschützt, unterschätzten aber die physikalischen Grenzen. Hinzu kommt: Microcars müssen nicht zum TÜV. Während Pkw-Fahrer durch Airbags und Knautschzonen gesichert seien, biete die Plastikhülle der 45-km/h-Autos bei schweren Kollisionen kaum Widerstand. Auf Autobahnen und Schnellstraßen sind sie deshalb verboten.

Auch Elisabeth Putz kennt die Schattenseiten: „Manchmal sind Autofahrer sehr ungeduldig und überholen auch in gefährlichen Situationen, zum Beispiel wenn Gegenverkehr kommt.“

Bastian Hambalgo vom ADAC Südbayern äußert sich ebenfalls skeptisch. Zwar biete die Karosserie Schutz vor Wind und Wetter, doch die technische Sicherheit hinke hinterher. „Während Pkw mit ABS, Airbags und ESP ausgerüstet sein müssen, gibt es diese bei Leichtkraftfahrzeugen teils nicht einmal gegen Aufpreis“, erklärt Hambalgo.

ADAC empfiehlt
zusätzliches Fahrtraining

Ein weiteres Problem sehe der Experte in der Ausbildung. Diese erfolge meist auf Zweirädern – das Fahrverhalten eines vierrädrigen Microcars sei jedoch völlig anders. Der ADAC fordert daher verbindliche Sicherheitsstandards und empfiehlt dringend zusätzliche Fahrtrainings.

Elisabeths Mutter, Josefine Putz, teilt die Sorge um die Sicherheit, sieht aber auch die Vorteile: „Ich hätte mehr Bedenken, wenn meine Tochter täglich auf einem Roller säße, den man viel schneller übersieht.“ Zudem schätzt sie den Lerneffekt: „Mein Sohn ist drei Jahre mit dem Microcar gefahren und fährt jetzt mit 18 sehr sicher Auto. Er hat bereits wertvolle Fahrpraxis gesammelt.“

Doch die Freiheit hat ihren Preis. Ein neues Microcar kostet laut Josefine Putz heute bis zu 20.000 Euro. Gebraucht seien die Fahrzeuge mit rund 11.000 Euro zwar wertstabil, aber teuer. Trotz der Risiken boomt die Fahrzeugklasse. Wenn man sich die offiziellen Zahlen beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) anschaut, hat sich die Beliebtheit der Klasse AM innerhalb von acht Jahren fast verdreifacht.

Effekt der
Gesetzesänderung

Der größte Sprung passierte nach der Herabsetzung des Mindestalters auf 15 Jahre bundesweit im Jahr 2021. Waren es laut KBA im Jahr 2016 noch 35.530 Prüflinge für die Klasse AM, schnellte die Zahl 2024 auf 105.137 hoch – ein Plus von fast 196 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die KBA-Statistik nicht nach Fahrzeugtypen differenziert; die Fahrerlaubnis der Klasse AM berechtigt sowohl zum Führen von zweirädrigen Kleinkrafträdern als auch von vierrädrigen Leichtkraftfahrzeugen.

Erst vor zwei Jahren erschütterte ein Horrorunfall auf der Staatsstraße bei Eiselfing im Landkreis Rosenheim die Region, als bei einem Frontalzusammenstoß mit einem Microcar zwei Menschen ihr Leben verloren. Auch wenn die Umstände damals anders waren, bleibt die Sorge: Wie viel Schutz bietet ein Fahrzeug, das kaum 450 Kilogramm wiegt, im Ernstfall wirklich?

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