Kunstrasen kommt nach schwerer Geburt

von Redaktion

Die Frage, ob der neue Sportplatz am Badria einen Kunst- oder Naturrasen erhalten soll, spaltete den Wasserburger Stadtrat. In einer hitzigen Debatte diskutierten die Mitglieder über die Vor- und Nachteile beider Varianten für die geplante Freisportanlage, für die nun die Planungen vorangetrieben werden.

Wasserburg – Es war ein steiniger Weg bis zum Grunderwerb: Zähe Verhandlungen liegen hinter der Verwaltung zum Erbbaurechtsvertrag mit der Erzbischöflichen Finanzkammer. Inzwischen wurde das kreditähnliche Rechtsgeschäft vom Rosenheimer Landratsamt genehmigt. Der Vertragsabschluss für das Grundstück an der Alkorstraße/Dirneckerstraße hinter dem Sportpark „Skyfit“ ist für das erste Halbjahr 2026 angesetzt.

Den nächsten Schritt zur Bauleitplanung stellt die Änderung des Flächennutzungsplans dar, die der Stadtrat im Dezember geschlossen auf den Weg gebracht hatte. Der Zeitrahmen ist laut Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann auf circa zwei Jahre angesetzt, es könne aber auch schneller abgewickelt werden. Mit der Aufstellung des Bebauungsplans soll ein Planungsbüro beauftragt werden.

Kosten sind
noch unklar

Für die zur Bauleitplanung parallel laufende Objektplanung war der Planungsauftrag nun in der jüngsten Sitzung des Stadtrats zu definieren, um die notwendige Entwurfsplanung in der dritten Leistungsphase mit Berechnung der Kosten beauftragen zu können. Noch liegen die finanziellen Aufwendungen für das Projekt am Badria im Dunkeln.

Hohe Kosten für
Kunstrasen befürchtet

Christian Stadler (Grüne) eröffnete die Debatte mit der Frage nach dem Finanziellen: „Wir wollen alle für die Sportler möglichst gute Bedingungen. Aber wir müssen wissen, ob wir uns das leisten wollen. Mich irritiert die Festlegung eines teureren Kunstrasenspielfelds, selbst wenn der drei Naturrasenplätze ersetzt. Der Aufwand des Unterhalts ist nicht berücksichtigt. Wir möchten daher zweigleisig fahren, mit einem großen Trainingsplatz mit alternativen Kostenaufstellungen und zu erwartender Lebensdauer. Am Ende kommt raus, dass wir uns den Kunstrasen nicht leisten können, und dann fallen wir in der Planungsphase wieder zurück auf Stufe zwei und müssen mit dem Naturrasen wieder von vorn anfangen. Bei den ersten Vorstellungen des Projekts hieß es, über die Art des Platzes fällt noch keine Entscheidung. Ich muss schon sagen, da wurde sehr sparsam mit der Wahrheit umgegangen und der Verdacht kommt auf, ob wir gar angelogen wurden.“

Fraktionskollegin Steffi König erklärte, der nachhaltigste Kunstrasen sei der, der gar nicht erst produziert werde: „Ich kann nicht für einen Kunstrasen stimmen. Das heißt nicht, dass ich nicht möchte, dass Kinder auf einem Fußballplatz stehen. Aber wir haben gerade für unsere Kinder eine Verantwortung und sind deshalb keine Ökospinner. Ein Kunstrasenplatz spuckt Mikroplastik aus und ist nie nachhaltig.“

Den Vorwurf Stadlers, der Stadtrat sei angelogen worden, wies Bürgermeister Michael Kölbl (SPD) entschieden zurück: „Das ist Ihre Scheinwahrheit und nicht meine.“ Gleichzeitig bat er um weitere Diskussion auf vernünftiger Basis und bedankte sich für die in seinen Augen ehrliche Wortmeldung Königs: „Es geht um die klare Frage: Wollen wir einen Kunstrasen oder wollen wir einen Naturrasen? Diese ehrliche Antwort muss jeder Stadtrat für sich geben. Und damit ist immer noch nicht beantwortet, ob ein Maßnahmenbeschluss zustande kommt.“

Ökologische
Aspekte

Christian Flemisch (ÖDP) war anfangs gegen den Bau eines Sportplatzes, hat aber die Notwendigkeit mittlerweile erkannt. Er gab jedoch zu bedenken, dass ein Naturrasen wesentlich mehr Kohlendioxid binde und so trotz Dünger das „geringere Übel“ darstelle: „Brennt auf den Kunstrasenplatz die Sonne, erhitzt sich das Plastik so massiv, dass die darunter liegende Erdschicht samt Mikroorganismen zerstört wird. Wenn ich schon einen Grund verbaue und Fläche versiegele, dann doch bitte ökologisch.“

Sportreferent Jakob Schedel (CSU) war überzeugt, Kunst- und Naturrasen könnten nicht pauschal gegenübergestellt werden. Es gehe um die bespielbare Zeit auf der Fläche, die mit dem Kunstrasen deutlich höher ausfalle und somit eine Entlastung für die ohnehin überfüllten Hallen darstelle. „Dieses Projekt erweist der Stadt und dem Sport einen riesigen Dienst, das darf nicht verzögert werden.“

Fraktionskollegin Heike Maas pflichtet Schedel bei: „Wir haben ewig gesucht, bis wir ein geeignetes Grundstück gefunden hatten. Der TSV hat 350 aktive Fußballer und eine neue Damenmannschaft, die Jugend nicht zu vergessen. Es werden eher mehr Spieler als weniger und die Plätze noch intensiver bespielt als bisher. Der CSU wird immer der Sparkurs vorgeworfen, aber in diesem Fall plädiere ich für den Kunstrasen. Die Alternative ist, dass wir in ein paar Jahren wieder losmarschieren und einen neuen Platz suchen müssen, wenn der Naturrasen kaputt ist.“

Josef Baumann (FWRW) wünschte sich in erster Linie „etwas Gescheites mit dem größten Nutzen“, wenn die Stadt schon so tief in den Geldsäckel greife und sich über Jahre hinweg bemüht habe, den Grund an diesem Standort zu sichern. Ein Kunstrasen sei in seinen Augen die bessere Option, schließlich gebe es ja Unterschiede zu Kunstrasen, die noch vor 15 Jahren weniger umweltfreundlich verbaut worden seien.

Edith Stürmlinger (Bürgerforum) zeigte sich „erschüttert“ über den Verlauf dieser Diskussion: „Das Wort Kunstrasen scheint ein Reizwort zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je diskutiert haben über die neue Multisportfläche am Palmanoplatz oder den Kunststoffbelag an der Realschule, die Sommer wie Winter genutzt werden. Genau so etwas brauchen wir für die Fußballer. Ein Naturrasen bringt nicht die Erleichterung, die wir benötigen.“

Fraktionskollege Markus Dresp ging es grundsätzlich darum, die jungen Erwachsenen durch Sportangebote vom Handy wegzuholen und bat darum, aufs Gas zu treten: „Fünf, sechs Jahre, bis der Platz steht, sind mir zu lang. Wir investieren nicht nur in den TSV, auch in die Jugend und umliegende Vereine. Ich sehe großen Mehrwert im Kunstrasen, der nicht unter Wasser steht.“

Wolfgang Janeczka (SPD) blies ins selbe Horn: „Die Kunstrasengegner werden wir nicht überzeugen können und umgekehrt. Diese Diskussion läuft ins Leere. Gemäß einer Demokratie müssen wir abstimmen, um eine klare Entscheidung zu erwirken.“ Fraktionskollegin Friederike Kayser-Büker bat in Anbetracht der Haushaltslage darum, Schritt für Schritt zu gehen und alles genau abzuwägen, um eine Belastung des Stadtsäckels guten Gewissens vertreten zu können.

Werner Gartner (SPD) erklärte, man müsse der Platznot unbedingt ein Ende bereiten: „Die umliegenden Gemeinden haben mehr Sportplätze als Wasserburg. Wir wissen alle nicht, ob wir uns das leisten können, kennen keine tatsächlichen Zahlen. Die Planung aber muss vorangetrieben werden. Zudem hat der TSV Bereitschaft zur Unterstützung bei der Umsetzung signalisiert. So vermeiden wir, dass uns das Ganze entgleist und die Kosten zu hoch werden. Egal, wie wir es drehen und wenden: Wir brauchen einen Platz, der saisonal unabhängig bespielbar ist. Sonst fahren die Spieler woanders hin, um dort auf einem Kunstrasen zu trainieren, das ist für mich bisserl schizophren.“

Wolfgang Schmid (CSU) vermittelte die gesamte Debatte gar den Eindruck, er säße in Berlin: „Die diskutieren auch herum und es geht nichts weiter. Die Notbremse können wir immer noch ziehen, das muss doch allen klar sein. Was wir entscheiden können, ist: Wollen wir einen Kunstrasen oder wollen wir ihn nicht?“ Damit diese Frage geklärt werden kann, stellte Schmid einen Geschäftsordnungsantrag auf Schluss der Rednerliste, der mit einer knappen Mehrheit von 12:11 Stimmen angenommen wurde.

Erst hinterher fiel dem Stadtrat auf, dass er bei der Debatte nur zum ersten Eckpunkt der Ausgestaltung der Freisportanlage gekommen war und mit Schluss der Rednerliste weitere Details plötzlich nicht mehr besprechen konnte. Auf diese Tatsache wies Norbert Bourtesch am Ende hin. Er erhielt das letzte Wort, ehe die Liste geschlossen wurde, und sorgte mit dieser Erkenntnis für lange Gesichter. Der Umweltreferent aus der Fraktion des Bürgerforums zeigte sich zwar dankbar darüber, dass die „wichtige Diskussion um Kunst- oder Naturrasen endlich geführt wurde“. Gleichzeitig mahnte er an, zumindest die Voraussetzungen für Sanitäranlagen zu schaffen: „Der Platz liegt weit entfernt von Toilettenanlagen, da wird kaum einer in Fußballschuhen zur Badria-Halle stiefeln, sondern eher an den Zaun der Tennisanlage pinkeln. Zudem möchte ich an ausreichend Stellplätze erinnern, um Wildparken zu verhindern.“

Im Beschluss bedarf es mehrerer Einzelabstimmungen. Dass zunächst die Variante „Naturrasen“ der Leistungsphase zwei (Vorentwurfsplanung) geprüft und gegenübergestellt werde und diese Phase abzuschließen sei, wurde mit 15:8 Stimmen abgelehnt.

Einzelne Beschlüsse
notwendig

Es folgten die Eckpunkte für den Planungsauftrag. Dass eine öffentliche Freisportanlage für Zwecke des Breitensports sowie für die Nutzung durch Vereine und Dritte errichtet wird, wurde mit einer Gegenstimme (22:1) beschlossen. Die Umsetzung eines möglichst nachhaltigen Kunstrasenspielfelds mit Flutlichtanlage wurde mit 15:8 Stimmen bewilligt. Dass die Planung mit Sanitäreinrichtungen (Toilettenanlagen ohne Duschen) und ansonsten die Nutzung der Infrastruktur an der Freisportanlage Badria erfolgen soll, wurde mit einer Gegenstimme (22:1) beschlossen.

Es wird keine Tribünenanlage geben, der Trainingsplatz soll ein Rasenspielfeld werden und die Sportanlage soll inklusive Ballfangzäune eingefriedet werden. Diese Details gingen einstimmig über die Bühne. Zudem wurde die Bindung einzelner Bauabschnitte einstimmig begrüßt. Dass eine Rasenkraftsportanlage ohne Werferhaus entstehen soll, ging mit einer Gegenstimme (22:1) einher.

Die Verwaltung wird beauftragt, ein VGV-Verfahren für die Planerauswahl zur Objektplanung einzuleiten, um die Beauftragung der Leistungsphase drei zu ermöglichen. Aufgrund der Wertgrenzen ist ein Vergabeverfahren für die Planungsleistungen notwendig. Das geschätzte Honorar liegt über dem Schwellenwert von 216.000 Euro für eine europaweite Ausschreibung. Die Grundlagen für einen Maßnahmenbeschluss sollen möglichst bis Ende 2026 erstellt werden, was mit einer Gegenstimme (21:1) beschlossen wurde. Sepp Christandl (FW-WBl) war bei dieser Abstimmung nicht anwesend.

Bürgermeister Kölbl schloss diesen eineinhalbstündigen Tagesordnungspunkt sichtlich erleichtert mit den Worten: „Es war eine schwere Geburt, aber vielleicht wird‘s ja ein schönes Kind.“

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