Wasserburg – Bipolare Störungen zählen zu den schweren psychischen Erkrankungen, in deren Verlauf Menschen von einem Gefühlsextrem ins andere fallen: Auf einen euphorischen Höhenflug folgt meist eine tiefe Depression. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an einer bipolaren Störung.
PD Dr. med. Michael Rentrop ist Chefarzt im Fachbereich Zentrum für Psychose-Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg. Er weiß: „Bei bipolaren Störungen erleben Menschen beide Extreme der affektiven Verfassung. Die Symptome sind mannigfaltig: Patienten schlafen in der Manie vermehrt, schlechter oder gar nicht, tun spontan unüberlegte Dinge, gehen Beziehungen ein, die schnell den Bach heruntergehen, neigen zu Gereiztheit, sind im Alltag sehr streitbar oder haben in depressiven Phasen keinerlei Antrieb, eine herabgesetzte Stimmungslage ohne Freude und Interesse und fühlen sich erschöpft.“
Krankheitsphasen sind ernst zu nehmen: Denn die Folgen für soziales Umfeld, Alltag und Arbeitsstelle sind oft schwerwiegend. Ohne Behandlung ist es beinahe unmöglich, ein auch nur annähernd normales Leben zu führen. Von einer Depression spricht man Rentrop zufolge ab einem anhaltenden Zeitraum der psychischen Symptomatik von zwei Wochen. Unbehandelt dauert sie oft Monate. Auch eine Manie kann über einen längeren Zeitraum andauern.
Vorsicht
bei Ketamin
Die Krankheit lässt sich mit einer medikamentösen Einstellung und begleitenden psychotherapeutischen Maßnahmen gut behandeln. „Psychoedukation, also die Aufklärung über das Krankheitsbild, findet in Form von Gruppentherapien statt: Hier spielen das Wissen der Betroffenen um ihre Erkrankung sowie die sorgfältige und ausgewogene ärztliche Aufklärung eine große Rolle“, sagt Rentrop. Im März fand auf dem Klinikgelände der zwölfte Deutsche Psychoedukationskongress statt. Im Fokus standen Vorträge und Workshops zum Kernthema „Psychoedukation als modularer Bestandteil der Psychotherapie“.
Der Einsatz von Ketamin als medikamentöse Behandlung sei in den vergangenen Jahren für schwerste depressive Erkrankungen hinzugekommen, bei denen andere Methoden versagt haben. Doch der Chefarzt warnt: „Ketamin kommt aus der Anästhesie und stellt keine Regeltherapie dar, sondern bildet vielmehr die Ausnahme. Diese Medikation bessert eben nur die depressive Seite, ohne Phasenprophylaxe kann eine antidepressive Behandlung allein, schnell in eine Manie führen. Eine ausgewogenere Wirkung hat zum Beispiel Quetiapin, ein hochwirksames atypisches Antipsychotikum, das sowohl zur Phasenprophylaxe, als auch bei manischen und depressiven Krankheits-Episoden effektiv ist und Stimmungsschwankungen stabilisiert.“
Bei bipolaren Störungen steht für Betroffene in depressiven Phasen nicht selten die Frage im Raum, ob das Leben noch einen Sinn hat, verbunden mit suizidalen Gedanken. Patienten sprechen oft nicht aus eigenem Antrieb darüber und im Gegenzug schwingt im Umfeld meist Scheu mit, als Außenstehende betroffene Menschen auf eine suizidale Gefährdung anzusprechen. Doch genau das ist der falsche Weg, betont Rentrop: „Wenn jemand sagt, er weiß nicht, wie es überhaupt weitergehen soll, ist das ein absolutes Alarmzeichen und ein Hinweis, dass dieser Mensch ernsthaft und sofort Hilfe benötigt.“
Menschen in einer existenziellen Krise durchleben meist abgrenzbare Phasen, bis es zum Suizidversuch kommt: Die Erwägung geht mit einer erhöhten inneren Anspannung und suggestiven Momenten einher, oft erfahren Betroffene die Option der Selbsttötung aus den Medien, der Presse oder dem sozialen Umfeld. Der nächste Schritt ist die Ambivalenz, die häufig mit direkten Suizidankündigungen verbunden ist. In dieser Phase sind Betroffene für Hilfsangebote erreichbar, suchen sogar Kontakt zu Ärzten, Angehörigen oder Seelsorgern. Hier ist es entscheidend, Betroffene ernst zu nehmen und für Hilfe, etwa durch eine stationäre Behandlung, zu sorgen.
Oft reicht das ambulante
Angebot nicht
Der letzte Schritt schließlich stellt den Entschluss dar, sich das Leben zu nehmen. Letzte Dinge werden geregelt und sich verabschiedet. Nach der Entschlussfassung wirken Menschen häufig in ihrer Krise gebessert, Angehörige sprechen rückblickend von der „Ruhe vor dem Sturm“. Hat sich jemand zu einem Suizid entschlossen, ist es deutlich schwerer, diese Anzeichen zu erkennen und den Betroffenen davon abzuhalten.
„Bei vielen Betroffenen mit einer schweren Depression oder einer ausgeprägten Manie reicht das ambulante Angebot nicht aus. Im Inn-Salzach-Klinikum nehmen wir die akut erkrankten Patienten in der Regel stationär auf“, fährt Rentrop fort. Neben der eigentlichen psychischen Erkrankung ergeben sich im langjährigen Verlauf weitere gesundheitliche Risiken: Viele Menschen mit bioplaren Störungen führen einen ungesunden Lebensstil auf, rauchen, nehmen Prävention und Früherkennung zu selten wahr. In den manischen Krankheitsphasen gehen sie unüberlegt Risiken ein, die lebensbedrohliche Ausmaße annehmen können, wie unangepasstes Autofahren, und gefährden so auch andere.
Zur Abklärung von der ersten Vorstellung bis zur gesicherten Diagnose steht zunächst ein ausführliches psychiatrisches Untersuchungsgespräch, teils auch unterstützt durch den Einsatz international validierter Fragebögen. Zudem müssen die Mediziner ausschließen, dass eine organische Ursache hinter den Symptomen steckt. Rentrop erklärt dazu: „Wir arbeiten hier am Standort eng mit der Romed-Klinik zusammen, dabei vor allem auch mit der neuroradiologischen Abteilung, in der ein Kernspin des Gehirns durchgeführt wird. Es gibt zum Beispiel Fälle von Multipler Sklerose (MS) bei jüngeren Patientinnen oder Parkinson-Erkrankungen bei älteren Patienten. Auch ein Tumor des Gehirns kann ‚psychische‘ Symptome verursachen oder wie eine plötzliche Änderung der Persönlichkeit erscheinen. Medikamentöse Behandlungen, etwa eine hoch dosierte Kortisoneinnahme, können zu manischen Entgleisungen führen. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit somatischen Medizinern unabdingbar, um eine Erkrankung richtig einzuordnen und entsprechend zu behandeln.“
Für Betroffene bedeutet die Behandlung nicht selten, sich umzuorientieren und das Leben neu zu strukturieren: „In vielen schlummern unentdeckte Talente, die die Krankheit zum Vorschein bringt. Zeichnen oder sich mit Kunst zu befassen beispielsweise hilft im weiteren Verlauf. Manchmal dauert es sehr lang, bis der Patient sein Leben wieder in geordnete Bahnen bringt, andere wiederum lassen kognitive Beeinträchtigungen nach wenigen Wochen schon hinter sich. Die Dauer der Erkrankung ist individuell geprägt.“
Amerikanische versus
europäische Psychiatrie
Noch immer erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen Nachteile und Stigmatisierung. Rentrop wünscht sich mehr Verständnis in der breiten Bevölkerung, dass psychische Erkrankungen wie die bipolare Störung jeden treffen können. Menschen, die für ihre Erkrankung nichts können, sollten ihren Platz in der Gesellschaft behalten und nicht ausgegrenzt werden.
Rentrop sieht einen Faktor auch im Versorgungssystem: Psychiatrische Kliniken waren und sind oft am Ortsrand angesiedelt. Umso stolzer macht es den Chefarzt, dass das Inn-Salzach-Klinikum es geschafft hat, Somatik und Psychiatrie in Wasserburg unter ein gemeinsames Dach zu setzen: „Ich bin seit 1995 als Arzt in der Psychiatrie tätig, seither hat sich einiges getan. Wir haben hier mit der Zusammenlegung der beiden Kliniken etwas Wegweisendes geschaffen, die Unterscheidung aufzuheben. Das ist für die Zukunft der Psychiatrie und die Integration der Patienten die bestimmende Richtung.“