Mühldorf/Waldkraiburg – Mit Collien Fernandes haben die überwiegend weiblichen Opfer häuslicher und digitaler Gewalt ein prominentes Gesicht bekommen. In Deutschland tötet fast jeden zweiten Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin; alle drei Minuten wird eine Frau Opfer häuslicher Gewalt; in Bayern werden jährlich rund 50.000 Frauen Opfer von Gewalt – diese erschreckenden Zahlen veröffentlichte der DGB Bayern 2025. Trotzdem finden Frauen nicht den Schutz, den sie so dringend brauchen, denn im Freistaat gibt es nur 41 Frauenhäuser mit 389 Plätzen.
Im Landkreis Mühldorf gibt es, laut Landratsamt eine Krisenwohnung, aber kein eigenes Frauenhaus. Im Frauenhaus der beiden Landkreise Mühldorf und Altötting in Burghausen stehen jeweils fünf Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung – ein Platz davon für den Landkreis Mühldorf. Der Verein „Frauen helfen Frauen“ ist im Landkreis Mühldorf Träger der Fachberatungsstelle für Frauen, Kinder und Jugendliche, die Opfer von Gewalt sind. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen geben Vereinsvorsitzende Irmgard Wagner und Fiona Bachmann, Geschäftsführerin und Beraterin der Fachstelle in Waldkraiburg, Einblick in ihre Arbeit.
Wie hoch ist der Bedarf an Beratung?
Fiona Bachmann: Im Jahr 2024 haben wir 154 Fälle gewaltbetroffener Frauen mit 179 minderjährigen Kindern dokumentiert. 2025 haben wir 190 Frauen mit 208 Kindern unter 18 Jahren beraten – eine Steigerung zum Vorjahr um 22 Prozent. Im Jahr 2026, das gerade mal drei Monate alt ist, wurden bereits 56 Fälle dokumentiert. Heuer werden es sicher über 200 werden.
Diese Zahlen bedeuten aber nicht, dass die Gewalt in diesem Maß angestiegen ist. Die Steigerung ist vor allem auf die gute Zusammenarbeit mit der Polizei, dem Jugendamt, Psychologen und Schulen zurückzuführen. Sie treten an uns heran, wenn sie Frauen und Kinder betreuen und Gewalttaten feststellen. Auch die Frauen sind selbstbewusster auf der Suche nach Hilfe und kommen sogar über ChatGPT zu uns. Es geht nicht ausschließlich um sexualisierte, sondern auch um physische, psychische und digitale Gewalt und um Mobbing.
Gibt es ein bestimmtes „Klientel“ oder betrifft Gewalt alle Frauen?
Bachmann: Sie betrifft Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, jeden Alters – auch jenseits der 80 – und alle Nationalitäten. 2025 hatten 25 Prozent der von uns betreuten Frauen einen Migrationshintergrund. Bei Bedarf holen wir Dolmetscher dazu. Unsere Beratung hängt nicht von einem deutschen Pass ab.
Im Landkreis Mühldorf gibt es kein Frauenhaus und nur eine Schutzwohnung. Wie helfen Sie Frauen, um sie vor ihrem gewalttätigen Partner zu schützen?
Bachmann: Ich arbeite seit viereinhalb Jahren hier und in dieser Zeit musste noch keine der Frauen zurück zum Täter. Wir gehen mit ihnen die vorhandenen Möglichkeiten durch, sortieren und priorisieren und haben auch Faktoren, wie schulpflichtige Kinder im Blick. Meist können die Frauen, auch mit Kindern, erst einmal bei einer Freundin oder Verwandten unterkommen, selbst Arbeitgeber stehen helfend zur Seite. Eventuell müssen die Betroffenen weiter weg von ihrem Heimatort, auch außerhalb Bayerns, um sicher zu sein. Kontakt zu einem Frauenhaus kann über uns hergestellt werden. Es muss etwa geklärt werden, ob die Frau für dieses Haus geeignet ist und ob es einen Platz gibt. Sie muss jobcenterberechtigt sein oder selbst bezahlen. Sind unter den Kindern Jungs im Teeniealter, kann es schon schwierig werden. Wer in ein Frauenhaus geht, muss zum totalen Kontaktabbruch bereit sein. Das heißt zum Beispiel auch: Handy aus. Denn die digitale Gewalt und Nachverfolgung nehmen immer mehr zu.
Kann die „Wegweisung“ des gewalttätigen Partners aus der gemeinsamen Wohnung eine Lösung sein?
Bachmann: Dabei geht es um einen Platzverweis und ein Kontaktverbot, das von der Polizei für zehn Tage lang ausgesprochen wird. Die Frau kann auch bei Gericht einen Gewaltschutzantrag stellen, meist für ein halbes Jahr. In dieser Zeit kann sie sich neu sortieren, ihren weiteren Weg überdenken. Der Gewaltschutzbeschluss ist kein Garant für Schutz vor Gewalt. Die meisten Täter halten sich an den Gewaltschutzbeschluss. Einigen Tätern ist die Anordnung des Gerichts jedoch völlig egal.
Der Verein „Frauen helfen Frauen“ bekommt zur Finanzierung der Beratungsstelle finanzielle Unterstützung vom Freistaat und vom Landkreis. Welche Unterstützung kommt von den Gemeinden?
Irmgard Wagner: Ich würde mir mehr finanzielle Sicherheit für unsere Arbeit wünschen. Jedes Jahr stelle ich Anfang Dezember Anträge auf Sachkostenzuschuss an die Kommunen und bitte um eine Unterstützung in Höhe von zehn Cent pro Einwohner. Die Stadt Waldkraiburg hat uns schon immer stark unterstützt, eine Gemeinde verweigert sich standhaft. 2025 haben wir von fünf Gemeinden keinen Cent bekommen. Dabei kommen die betroffenen Frauen aus allen Winkeln des Landkreises zu uns.
Hier arbeiten drei Beraterinnen – zwei Vollzeit, eine Teilzeit – eine Verwaltungsangestellte und 14-tägig eine Putzhilfe. 25 Prozent der Personalkosten muss der Verein aufbringen, das sind pro Jahr 50.000 Euro. Dazu kommen noch 15.000 Euro an Sachkosten. Weil dafür die Beiträge unserer 140 Mitglieder nicht reichen, sind wir auf Spenden angewiesen. Ich gehe überall hin, um zu betteln. Es muss einfach sein. In den Haushalt der bayerischen Staatsregierung für 2027 werden lediglich 30 Millionen Euro für die Frauenhäuser und Fachberatungsstellen eingeplant. Nach Auskunft des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes werden dafür aber 65 Millionen Euro benötigt.
Reicht das Beratungsangebot, um allen Anfragen gerecht zu werden?
Bachmann: Wartelisten stellen keine gute Lösung dar. Ich kann einer Frau nach einer Vergewaltigung keinen Termin in drei Wochen anbieten. Es geht bei unserer Arbeit um Menschenschicksale und Menschenleben! Seit ich 2021 hier angefangen habe, haben sich die Fälle verdoppelt. Momentan kommen die Frauen geballt zu uns. Wir sind aber auch für junge Männer unter 18 Jahren da. Für erwachsene Männer gibt es ein „Hilfetelefon Gewalt an Männern“.
Wie hart ist die Arbeit einer Beraterin?
Bachmann: Man erfährt einiges. Die Frauen müssen uns keine Details erzählen, sie tun es aber trotzdem. Wir begleiten Frauen auch zur Polizei. Viele wanken, zeigen den Mann an, ziehen die Anzeige wieder zurück.
Wagner: Frauen, die Opfer von Gewalt werden, geben sich oft selbst die Schuld. Aber ein Opfer ist nie schuld!
Bachmann: Einige gehen trotz ihrer schlechten Erfahrungen auch wieder zurück zu ihrem Partner. Das ist für uns oft schwer auszuhalten, aber es ist deren Entscheidung. Wir versuchen, die Frauen wieder auf ihre eigenen Füße zu bringen. Bekommen auch positive Rückmeldungen, wenn der Neustart geklappt hat. Für mich ist diese Arbeit nicht nur ein Job, es ist eine Berufung. Christa Latta