Wasserburg – Betritt man am Kaspar-Aiblinger-Platz Nummer 4 das Eckgebäude, in dem das Sonderpädagogische Förderzentrum nunmehr seit 25 Jahren untergebracht ist, umweht einen unwillkürlich der Hauch einer historischen Epoche der Wasserburger Schulgeschichte.
Einrichtung hat
sich stark gewandelt
Schulleiter Johannes Kaspar führt deshalb seine Gäste nicht ohne Stolz durch die verwinkelten Gänge und die genutzten Räumlichkeiten. Denn die sind zu einem großen Teil noch im ursprünglichen Zustand erhalten. Nur die Einrichtung hat sich stark gewandelt. Der hauseigenen kleinen Turnhalle ist zum Beispiel nicht mehr anzusehen, dass hier einst die Kapelle der Englischen Fräulein zu finden war.
Denn die von Mary Ward gegründete Ordensgemeinschaft Beatae Mariae Virginis der Englischen Fräulein richtete bereits 1855 eine Niederlassung in der bis auf das 16. Jahrhundert zurückreichenden Bausubstanz ein. Zwei Jahre später wurde eine reine Mädchenschule eröffnet, im Gebäude am Kaspar-Aiblinger-Platz unterrichtete man offiziell ab 1861.
Wichtige Einrichtung
in der Altstadt
Wohl erfolgreich verliefen diese Anfänge, denn die Schule entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer wichtigen Bildungseinrichtung in der Altstadt. 1912/13 begann dann die Stadt wegen Platzmangels – bis zu 70 Kinder wurden in einem Klassenzimmer unterrichtet – mit der Errichtung eines neuen Schulgebäudes am Gries. Möglich wurde dies, nachdem im Jahr 1911 die Oberin der Englischen Fräulein erklärt hatte, dass ihr Orden das Institutsgebäude von der Stadt Wasserburg abkaufen wolle und damit das nötige Geld ins Stadtsäckel kam.
Schulisch wurde das Gebäude aber durchgehend weiter genutzt. Das beweisen auch die Fotos im Eingangsbereich, die verschiedenste Räumlichkeiten aus der Zeit von vor 100 Jahren zeigen. Gefunden wurden die Zeitdokumente vom Hausmeister Anton Huber, als dieser den Speicher entrümpelte.
Als Postkartensammlung wurden diese Bilder aus dem damaligen Erziehungsinstitut der Englischen Fräulein mit Begleittext übrigens auch verkauft. Die Beschreibung liest sich durchgehend als Einladung und geizt nicht mit Lob für das Schulgelände und vor allem für die klösterliche Kapelle. Im byzantinisch-romanischen Stil als das Schmuckkästlein, „über dessen Altar die Immakulata himmlisch mild und andachtsstimmend herniedergrüßt“, sei sie erbaut, liest man da.
Im Institutsgarten lade ein lustig plätschernder Springbrunnen zur Rast im freundlichen, mit Efeu umrankten Pavillon ein. Aber auch mit anderen lauschigen Plätzchen, die gerne aufgesucht würden und zum geregelten Wechsel zwischen Erholung und Studium führten, wurde damals geworben.
Kurioses bei der
Entrümpelung
Kurioses tauchte bei der Entrümpelung ebenfalls auf, so Kaspar. In einem alten Schulheft wurde ein loser Zettel gefunden, der wohl als Vorläufer einer heutigen Whatsapp-Botschaft durchgehen könnte. Darauf schrieb einer der weiblichen Zöglinge: „Meine Schiefertafel ist zerbrochen. Ich habe ein Problem.“ Die Antwort: „Mein Unterrock ist zerrissen und ich muss es der Klosterschwester beichten.“
Nachdem die klösterliche Bildung wegen Personalmangels nicht mehr weitergeführt werden konnte, war aber nicht Schluss mit schulischer Nutzung im Gebäude. Zunächst zog 1970 die VHS in die Räume ein. Auch die Bildstelle für den Filmverleih an die umliegenden Schulen war in den 1970er-Jahren dort noch untergebracht.
Der historischen
Verantwortung gerecht
Das gesamte Ensemble in seiner Bausubstanz sowie die Ausstrahlung des historischen Ambientes sind laut Kaspar nicht einfach zu erhalten.
Angesichts moderner Anforderungen an ein Schulgebäude mit digitalen Tafeln und sonstigen nötigen Installationen komme jeder Maßnahme eine besondere Bedeutung zu. Der historischen Verantwortung wolle man vonseiten der Schule jedenfalls dauerhaft gerecht werden.