Hausgeburt
Auf dem Sofa statt im Kreissaal
Mutter Pia Danzer mit Sohn Leopold. Foto Privat
Nach der Tragödie von Tacherting – Zahl der Hausgeburten nimmt in den vergangenen Jahren zu
Wasserburg – Die Tragödie von Tacherting, die einem Baby das Leben kostete, hat eine Debatte über die Hausgeburt ausgelöst. Ist sie per se zu gefährlich? Am 30. Juni 2020 hat Leopold in einer Wohnung am Wasserburger Marienplatz das Licht der Welt erblickt: auf dem Sofa im Wohnzimmer. Eine der wenigen Hausgeburten, die es heute noch gibt. Mama Pia Danzer war damals 25 Jahre alt.
Heute ist Leopold ein fröhlicher Bub, der ausschaut wie Michel aus Lönneberga in den Büchern von Astrid Lindgren: blonder Haarschopf, keck, stets auf Erkundungstour im Abenteuerland Leben. Viele Wasserburger kennen ihn, denn seine Mutter führt in der Altstadt ein Blumengeschäft. Dort hat Leopold bis zu seinem Eintritt in den Kindergarten oft inmitten der Sträuße und Gebinde gespielt, betreut von Mama und Oma.
Gebären in
vertrauter Umgebung
Pia Danzer kam ebenfalls daheim auf die Welt. Für sie stand aus „einem Bauchgefühl“ heraus zu Beginn der Schwangerschaft schnell fest, dass sie es ihrer Mutter gleichtun würde. Auch sie wollte in der Ruhe ihrer vertrauten Wohnung entbinden: „Einen weichen Übergang in die Mutterschaft, keinen abrupten Ortswechsel nach einer Fahrt ins Krankenhaus, nicht den dortigen fest strukturierten Betrieb“, erinnert sich Pia Danzer. Die Entscheidung hat sie nicht bereut, denn Sicherheit war und ist für sie nicht nur ein medizinisches Thema, sondern auch ein gefühlsmäßiges. Der häusliche Rahmen bedeutete für sie persönlich Sicherheit. Doch Pia Danzer hätte die Hausgeburt nicht gewagt ohne eine fachkundige und erfahrene Hebamme an ihrer Seite. Sie musste 2020 lange suchen, bis sie eine gefunden hatte, die sie durch die Schwangerschaft und die Geburt hindurch begleitete. Sie war also nicht allein in den entscheidenden Stunden. Auch die Schwangerschaft selbst verlief komplikationslos. Pia Danzer stellt deshalb deutlich klar: Es sprach nichts gegen eine Hausgeburt. „Und dass sie funktioniert, steht ja fest: Sonst gäbe es keine Menschen auf der Welt“, sagt sie schmunzelnd. Die vertraute Umgebung in ihrer Wohnung habe ihr geholfen, dem Vorgang die Normalität zu geben, der ihm gerecht werde. „Ich habe es passieren lassen“, sagt sie.
Und so war es: Frühmorgens die ersten Wehen, dann noch zu Mittag gegessen, dann auf dem Sofa im Wohnzimmer die Schlussphase eingeläutet, um 17.11 Uhr kam der neue Erdenbürger (3.070 Gramm, 50 Zentimeter) mit einer letzten kräftigen Wehe zur Welt. Die Hebamme unterstützte: ruhig, motivierend, zurückhaltend.
Leopold ist mittlerweile schon „groß“, wie er findet. Im September kommt er in die Grundschule. Seine Mama würde sich auch bei einer zweiten Schwangerschaft wieder eine Hausgeburt wünschen, „wenn nichts dagegen spricht“, sagt sie, will heißen: erneut eine Hebamme zur Seite steht, die unterstützt und dabei ist, es keine medizinischen Gründe gibt, die einen Klinikaufenthalt zwingend erforderlich machen. Wichtig ist es nach Pia Danzers Erfahrung, einen guten Draht zur Hebamme aufzubauen. „Sie ist die Expertin, sie hat Erfahrung und Wissen. Als Schwangere muss ich mich auf sie und ihren Rat einlassen und verlassen.“ Dass es viele Vorbehalte gegen eine Hausgeburt gibt, hat auch Pia Danzer 2020 erlebt. Sie hat ihre Entscheidung lange nicht kommuniziert, um sich gegen unpassende Kommentare zu wappnen, von denen sie befürchtete, sie könnten sie verunsichern. „Ich habe gespürt, dass mein Entschluss auf wenig Zuspruch stoßen würde.“ Doch sie bemerkt in der Gesellschaft mittlerweile ein Umdenken. In ihrem Bekanntenkreis gibt es mehrere Mütter, die ebenfalls eine Hausgeburt hatten, sogar beim dritten oder vierten Kind. Der Umgang mit der Thematik sei offener geworden. „Das ist wunderbar, dass Frauen sich wieder freier fühlen in ihrer Entscheidung, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen.“
Sehr persönliche
Angelegenheit
Es sei eine sehr persönliche Angelegenheit, die jede Frau für sich entscheiden müsse.
Mit dem jungen Paar, das in Tacherting vor Gericht stand, weil das Kind bei einer Hausgeburt starb, empfindet Pia Danzer intensiv mit. „Eine Tragödie“, sagt sie, „doch wir sollten Hausgeburten nicht grundsätzlich verdammen.“ Leopold sei das beste Beispiel, dass auch daheim auf dem Sofa statt im Geburtssaal des Krankenhauses ein gesundes Kind auf die Welt kommen kann.