Stein bei Aschau – „Man stolpert nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen.“ Dieser Spruch stand auf der Einladung zur Stolpersteinverlegung auf Privatgrund in Stein bei Aschau. Dr. Thomas Nowotny von der Initiative Erinnerungskultur zitierte bei der Veranstaltung Max Mannheimer (1920-2016), Holocaust-Überlebender und Zeitzeuge: „Eine gute, richtige Sache kommt niemals zu spät.“ Zu der von einem jungen Blechbläser-Trio musikalisch gestalteten Veranstaltung kamen zahlreiche interessierte Bürger, aber auch Ehrengäste, darunter Hinterbliebene der Geehrten (teilweise sogar per Video zugeschaltet), stellvertretender Landrat Eduard Huber, Aschaus drei Bürgermeister, einige Gemeinderäte sowie Vertreter des Aschauer Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) und der Kultur.
Ein langer Weg
zur Realisierung
Die wissenschaftliche Basis hatte Dr. Maria Anna Willer gelegt. Über viele Jahre war die Kulturwissenschaftlerin in Gesprächen mit Zeitzeugen und Recherchen in Archiven auf 50 Namen und Leidenswege von Verfolgten des Naziregimes gestoßen. Bei einer ersten Vorstellung des Plans vergangenen Mai hatten Künstler Gunter Demnig, der seit fast 30 Jahren Stolpersteine für die Opfer des NS-Terrors verlegt, sowie Dr. Thomas Nowotny von der Initiative Erinnerungskultur Rosenheim und Thomas Bauer, Zweiter Vorsitzender des HGV, das Projekt Stolpersteine vorgestellt. Dr. Maria Anna Willer hatte damals auf einige Schicksale hingewiesen.
Der Plan, für elf Menschen aus verschiedenen Opfergruppen Stolpersteine an öffentlichen Plätzen quer durch den Ort zu verlegen, ließ sich nicht umsetzen. Der Gemeinderat stellte Ende vergangenen Jahres das Projekt zurück. Nun aber fand sich ein privater Grundstückseigentümer. Dieser stellte bei der Veranstaltung die rhetorische Frage: Warum mache ich das? Es gehe um das Erinnern, er mache das für die junge Generation. Denn: „Selbst wenn Tiktok vorbei ist, liegen die Steine hier noch.“
Dr. Nowotny erinnerte an die Schicksale der fünf Menschen, für die Demnig Stolpersteine verlegte. An Johanna Weißensteiner, die als Widerstandskämpferin der „Roten Kapelle“ 1942/43 Gestapohaft erleiden musste, jedoch die NS-Zeit überlebte. An Opernsänger Ludolf Bodmer, der 1933 als „Jude“ vom Stadttheater Dortmund entlassen wurde und sich mit seiner nichtjüdischen Frau Elisabeth in das „Margaretenhäusl“ in Sachrang zurückzog, dort seelisch zerstört und körperlich entkräftet am 2.12.1943 starb, während seine Frau die NS-Zeit überlebte. Und an Ingrid und ihre Schwester Gudny Dybwad/Düpfert. Ingrid Dybwad wurde als „Jüdin“ 1934 beim Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD in Berlin entlassen, wo sie das Akademische Hauptreferat leitete und damit eine wichtige Position in der Betreuung von Stipendiaten innehatte. Sie zog 1935 auf den Berghof Hochleit bei Sachrang, wo sie 1940 plötzlich verstarb. Nach ihrem Tod führte ihre Schwester Gudny, die infolge der NS-Gesetze ihre Goldschmiedewerkstatt in Berlin aufgeben musste, das Anwesen weiter und überlebte in Sachrang die NS-Zeit.
Stellvertretender Landrat Huber dankte der Initiative Erinnerungskultur, dem HGV, dem Künstler, den Stolperstein-Paten und dem Grundstückseigentümer. Die Stolpersteine trügen die Namen und die Lebensgeschichte „für immer“, blieben somit unvergessen. Aschaus Erster Bürgermeister Simon Frank betonte, dass die Gemeinde das Erinnern an Menschen und an das erlittene Unrecht „sehr ernst“ nehme und dass der Gemeinderat über ergänzende Formen nachdenken werde. Er habe „großen Respekt vor der Initiative und allen Beteiligten“. Es gehe darum, Verantwortung zu übernehmen und wachsam zu bleiben.
Gemeinderätin Johanna Stegherr, Enkelin von Johanna Weißensteiner, erinnerte an ihre Großmutter, die sie nie kennenlernen durfte. Sie freue sich, dass mit dem Stolperstein, für den der Aschauer Verein „Filmriss“ die Patenschaft übernimmt, ein Zeichen der Erinnerung gesetzt werde. Der Stein sei stellvertretend für alle Frauen im Widerstand, für Frauen, die zu Hause die Stellung hielten, und denen bei Veteranen-Gedenktagen nie gedacht werde.
Dr. Ursula Paintner vom DAAD erinnerte an Ingrid Düpfert, die in ihrer Position beim 1925 gegründeten DAAD „Schlüsselperson für Stipendiaten und Rückkehrer“ war. Dass der 1950 wiedergegründete DAAD die Patenschaft für den Stolperstein übernehme, sei eine logische Folge und ihr eine Ehre.
Dr. Ludwig Hoffmann, Nachkomme von Gudny Düpfert, war zwar nicht anwesend, hatte aber eine Grußbotschaft verfasst, in der er mit persönlichen Worten an seine Vorfahrin erinnerte und in der er aus dem Grundgesetz zitierte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Für Ludwig Bodmer sprach Hedi Struß vom Dortmunder Theater. Sie befand, dass der Stein zwar klein sei, aber dazu anhalte, den Blick zu senken, sich zu erinnern. „Auf der Bühne hatte Ludwig Bodmer eine bühnenfüllende Stimme“, und musste dann doch in Sachrang im Verborgenen leben.
Stolpersteine sind das
größte Flächendenkmal
Die Stolpersteine gelten mit über 120.000 Steinen als das größte Flächendenkmal der Welt. Das Steineverlegen sei bis heute keine Routine, die Schicksale jedes Menschen seien jedes Mal bewegend. Künstler Demnig (geboren 1947) hatte bei der Vorstellung des Projekts vergangenen Mai betont, dass es wichtig sei, dass die jungen Leute davon erfahren. Denn neben den sechs Millionen ermordeten Juden gab es auch viele weitere Opfer, politische Verfolgte, Menschen mit Behinderungen oder Zwangsarbeiter.
Günter Demnig selbst hielt sich nach dem Verlegen der Steine bedeckt. Dafür zitierte Dr. Thomas Nowotny noch einmal Max Mannheimer: „Ihr seid nicht für das verantwortlich, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“