Vatikanstadt/Mühldorf – Protestieren während einer Generalaudienz des Papstes: Das ist ein Risiko, das Lena aus Mühldorf bewusst auf sich genommen hat. Sie steht an der Balustrade auf dem Petersplatz, ein Plakat in der Hand. Als Leo mit seinem Papamobil an ihr vorbeifährt, versucht sie, die Abgrenzung zu überwinden. Erfolglos. Sicherheitskräfte wehren sie ab. So zeigt den Moment ein Video der Tierrechtsorganisation Peta, das der Redaktion übermittelt wurde.
Dass sie von der Polizei abgeführt wurde, hat die junge Aktivistin nicht geschockt, wie sie nach sieben Stunden Warten auf ihre Freilassung bei der Polizei in Vatikanstadt und Rom am Telefon berichtet. Die Polizisten seien sehr höflich und nett gewesen, einige hätten sich sogar für die Hintergründe der Aktion interessiert.
Lena, aufgewachsen in Mühldorf und Studentin in Berlin, war extra nach Rom gereist, um dort mit Mitstreiterinnen aus Großbritannien bei der Generalaudienz von Papst Leo auf die Grausamkeiten des Stierkampfes hinzuweisen. Dieser hat seine Wurzeln in Spanien, dorthin wird Leo demnächst reisen. Das Video zeigt einen möglicherweise kurzen Blickkontakt zwischen Lena und dem Papst. Er hebt seine Hände, als wolle er die Protestlerin beschwichtigen. Lena spricht von einem „aufregenden Moment“, der Papst habe sie in der Tat direkt angesehen. Deshalb bewertet sie die Aktion als „großen Erfolg“. Denn es sei ihr um Aufmerksamkeit für das Thema gegangen. Deshalb hatte sich Lena mit einer Kollegin schon morgens um 4.30 Uhr angestellt, um sich um 7 Uhr einen hervorragenden Platz mit Blick auf die Fahrt des Papstes an der Menschenmenge vorbei zu sichern. „Er hat uns gesehen und wahrgenommen“, ist sie überzeugt.
„Der Papst trägt als moralisches Vorbild die Verantwortung, Werte wie Mitgefühl und Nächstenliebe nicht nur zu predigen, sondern durch klare Zeichen zu leben“, findet Lena. „Wer Nächstenliebe fordert, darf das Leid von Tieren nicht ignorieren, die öffentliche Verurteilung von Stierkämpfen wäre ein starkes und längst überfälliges Signal“, lautet ihr Appell.
Die Mühldorferin fordert, dass Nächstenliebe nicht nur für Menschen gelten solle, sondern auch für Tiere, wie etwa für grausame Traditionen wie den Stierkampf.
„Als moralisches Oberhaupt von Milliarden Menschen ist der Papst in der Pflicht, hier ein unmissverständliches Zeichen zu setzen und sich klar gegen Stierkämpfe auszusprechen“, nimmt sie Stellung.
Das habe sie als Botschaft transportieren wollen, deshalb die Teilnahme an der Aktion auf dem Petersplatz. Neben Lena war noch eine weitere Aktivistin im Einsatz. Dabei trugen sie Shirts mit der Aufschrift „Stierkampf ist eine Sünde“.
„Seit einem Jahr appellieren wir auf friedliche Weise an Papst Leo, sich gegen die Folter und Tötung von Stieren auszusprechen“, so Mimi Bekhechi, Peta-Vizepräsidentin für Großbritannien und Europa. „Tieren Leid zuzufügen ist unvereinbar mit den Lehren Christi von Barmherzigkeit und Mitgefühl. Wir fordern den Papst auf, eine klare moralische Position einzunehmen und Katholiken weltweit daran zu erinnern, dass Stierkämpfe unchristlich sind.“