Zwischen Adrenalin und Idylle

von Redaktion

Zu Besuch bei Blaulicht-Fotograf und Papageienflüsterer Schorsch Barth aus Albaching

Albaching – Georg „Schorsch“ Barth aus Albaching sollte eigentlich den Bauernhof der Eltern übernehmen. Stattdessen wurde er Blaulichtreporter, Papageienflüsterer und Heimatchronist – und irgendwie alles auf einmal. denn: „Landwirtschaft, das war nicht mein Ding. Ich wollte da sein, wo sich etwas rührt“, erzählt der 70-Jährige.

Nachts geht es bei ihm oft rund: Ein Alarm meldet einen Einsatz von Polizei oder Feuerwehr, sei es ein Unfall oder ein Brand. Schorsch Barth springt in seinen blauen VW-Bus und ist unterwegs – Kamera im Anschlag. Früher rief die Polizei noch persönlich an, heute läuft alles über sein Netzwerk. Und Schorsch ist schnell – sehr schnell. Fernsehsender und Zeitungen verlassen sich auf ihn, seit 1982 auch die Wasserburger Zeitung.

Für Drohnenfoto
ausgezeichnet

2017 erhielt sein Drohnenfoto „Stierjagd“ eine Auszeichnung als eines der besten Pressefotos Bayerns. Ausgebrochene Stiere versteckten sich im Landkreis Erding in einem Rapsfeld. Reiter nahmen wie Cowboys die Verfolgung auf. Schließlich gelang es, eines der Tiere mit einer Schlinge einzufangen. Schorsch drückte in dem Moment ab.

Früher war Georg Barth Maschinenführer beim Kunststoffbetrieb Alkor in Wasserburg. „1980 habe ich die erste Kamera gehabt, mir Filmen und Schneiden selbst beigebracht. Das war für mich ein Aufstieg.“ Am Anfang filmte er auch Hochzeiten, lieber aber schon immer Einsatzorte.

Folglich war er bei vielen der größten Katastrophen dabei: etwa 1999 beim Lawinenunglück in Galtür (Österreich) mit 38 Toten oder auch beim Flugzeug-Crash bei Überlingen am Bodensee im Juli 2002. Damals starben bei der Kollision einer DHL-Frachtmaschine und eines russischen Passagierflugzeuges alle 71 Insassen, darunter viele Kinder, die sich auf dem Weg nach Spanien befanden – es war der folgenschwerste Flugunfall der Bundesrepublik Deutschland. Auch beim Bad Aiblinger Zugunglück im Jahr 2016, als zwei Regionalzüge auf einer eingleisigen Strecke frontal zusammenstießen, war Georg Barth einer der ersten mit der Kamera vor Ort. Er filmte, wie insgesamt zwölf Tote und 80 Verletzte mit Hubschraubern abtransportiert wurden. Szenen, die unter die Haut gehen. Trotzdem sagt er: „Nein, ich habe noch niemals von einem Unfall geträumt. Wenn du das nicht aushältst, kannst du es nicht machen.“ Ganz ohne Grenzen arbeitet er jedoch nicht. „Man muss immer überlegen, welche Bilder man selbst in der Situation wollen würde“, erklärt er. Unfallbilder gibt er erst weiter, wenn die Polizei die Angehörigen verständigt hat.

An den Wochenenden im Frühjahr und Herbst wird es für Schorsch Barth deutlich lustiger: Dann tingelt er von Bauerntheater zu Bauerntheater und filmt die Aufführungen für die Theaterbühnen. Als Heimatchronist landete er zudem überraschend einen Kinoerfolg: Sein Film „Harry unser – Hofstattgeschichten und andere Sach‘n“ war 2015 ein Kassenschlager im Wasserburger Kino Utopia.

Einen Ausgleich verschaffen dem Albachinger seine Papageien. Wenn er morgens noch müde ist, weil die Nacht mal wieder kurz war – oder wie er sagt: „Durchgedreht“ – dann warten im Stall seine exotischen Bewohner auf ihn. „Mal schauen, ob sie raus wollen“, sagt er und ruft: „Kuckuck, Kuckuck!“ Prompt steckt ein türkis-schwarz-gelb-grüner Vogel seinen Kopf aus dem Kasten und beäugt die Reporterin skeptisch. Seine Papageien hat er sich „mal eingebildet“, erzählt er. Sein Vater war zu der Zeit schon verstorben, der hätte wohl gesagt: „Du hast an Vogel“, sagt Barth und lacht. Seine Mutter sah die ungewöhnlichen Haustiere entspannter.

Mit zwei Kakadus
fing alles an

Mit einem rosa Kakadu-Pärchen fing 2018 alles an – mittlerweile kümmert sich Schorsch Barth um 22 Papageien. Dabei ist ihm wichtig, dass die Tiere immer paarweise gehalten werden, um Frust zu vermeiden.

Besonders stolz ist er auf seine zwei Gelbbrust-Aras. Sie fliegen zu sehen, „das macht schon etwas her“, schwärmt er. Er bekam sie 2020 aus dem Zoo von Meißen, der wegen der Corona-Krise vor dem Aus stand. Ohne Einnahmen konnte der Zoo kein Futter mehr kaufen und trennte sich schweren Herzens von seinen Papageien. Bei Georg Barth fand das Pärchen ein neues, artgerechtes Zuhause.

Die hellroten Aras in der Nachbarvoliere lassen sich mit Walnüssen anlocken. Doch sie sind nicht nur farbenfroh, sondern auch ziemlich frech. Ein Ara kneift die Reporterin lieber in den Finger, statt eine Nuss zu nehmen. Kinder, die zu Besuch kommen, fasziniert vor allem, dass die Exoten auch Bayerisch sprechen können: „Sapperlot“, „Hoid dei Mei!“, „Saudeifi“. Woher sie das wohl haben? Für seine Papageien besitzt Barth laut eigenen Angaben alle nötigen Papiere; sie tragen Artenschutzringe oder sind gechipt. Dass die Einfuhr von exotischen Tieren aus dem Dschungel verboten ist, findet Barth „richtig“.

Die selbstgezimmerten Volieren mit Holz aus dem eigenen Wald sind acht Meter lang, statt der vorgeschriebenen vier Meter. Heute steigt nur der Hahn bei den Gelbbrustaras aus dem Nistkasten. Was die Henne wohl drinnen hält? Da wird der Kameramann zum Tierfilmer, denn er hat auch dort eine Kamera installiert: „Wenn die Henne tagsüber ein Ei legt, kann ich schnell die Eier gegen Hühnereier austauschen, denn sonst zerstören sie diese.“ Erst kürzlich hat Barth zwei Eier gerettet und zu einem befreundeten Papageienzüchter zum Aufziehen gebracht. Selbst habe er dafür keine Zeit, da er nachts jederzeit zu einem Blaulichteinsatz gerufen werden könne.

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