Soziales Netz darf nicht reißen

von Redaktion

Der BürgerBahnhof in Wasserburg ist soziale Beratungsstelle und Treffpunkt zugleich. Nun hat die Einrichtung ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Sie ist für die Stadt bedeutend, da immer mehr Menschen soziale Hilfe benötigen.

Wasserburg – Wer durch die große Tür des roten Gebäudes am Bahnhofsplatz tritt, gelangt in lichtdurchflutete Räume. Hell und freundlich empfängt das Haus den Besucher. Bei einem konkreten Anliegen kann er sich direkt an Ethel-D. Kafka wenden. Doch wer sich erst einmal nur umschauen und ein Bild von der Einrichtung machen möchte, ist ebenfalls willkommen. Der kann nach rechts abbiegen und sich zunächst ins Ehrenamts-Café setzen.

Beratungsstelle und
Ort für Austausch

Der BürgerBahnhof in Wasserburg ist nicht nur Beratungsstelle. Sondern auch ein Ort, an dem die Menschen zusammenkommen. Sich austauschen.

Ein offener Ort für Jung und Alt wollte die Einrichtung werden. Mit diesem Konzept traten die Verantwortlichen an, als die soziale Beratungsstelle vor zehn Jahren gegründet wurde. Seitdem ist viel passiert, betont auch Kafka, die Leiterin des BürgerBahnhofs.

Alles begann 2014. Vor zwölf Jahren fasste der Stadtrat den Beschluss, ein Sozialbürgerhaus zu eröffnen. Die Verwaltung wollte eine Anlaufstelle schaffen, wo die Bürger niederschwellig Hilfe bei sozialen Fragen bekommen. Außerhalb des Rathauses und trägerunabhängig sollte die Einrichtung errichtet werden. „So etwas gab es damals noch nicht“, unterstreicht Kafka.

Das Konzept ist aufgegangen. In den zehn Jahren seines Bestehens hat sich der BürgerBahnhof etabliert. Am Anfang beriet die Einrichtung zwischen 200 und 300 Bürger im Jahr. Jetzt sind es um die 600. Die Zahl der Hilfe-Suchenden hat sich also mindestens verdoppelt.

Kafka kümmert sich um Jugendliche, die Probleme mit den Eltern haben. Sie hilft Migranten und Geflüchteten, die sich in Deutschland noch zurechtfinden und ankommen müssen. Sie unterstützt Menschen, die ihren Job verloren haben und nun Schwierigkeiten haben, einen Antrag beim Jobcenter zu stellen, oder auch Senioren. „Da ist alles dabei“, sagt die Wasserburgerin.

Der Bedarf an Hilfe bei sozialen Fragen ist größer geworden. Und nach wie vor verirren sich viele Menschen im Bürokratie-Dschungel und benötigen Unterstützung bei der Kommunikation mit Behörden und dem Ausfüllen von Formularen. Gleichzeitig ist die Institution BürgerBahnhof gewachsen. Das ist auch Kafkas intensiver Netzwerk-Arbeit zu verdanken.

Denn schon bald wurde der Sozialpädagogin klar: Nachhaltig kann sie den Bürgern nur helfen, wenn sie diese gegebenenfalls an die richtigen Ansprechpartner weitervermitteln kann, etwa an den Kinderschutzbund, an das Jugendzentrum, an die Caritas, an den VdK oder das Jobcenter. Also wurde eine Steuerungsgruppe ins Leben gerufen, ein Gremium, in dem Vertreter all dieser Einrichtungen, Verbände und Behörden Mitglied sind.

Soziale Arbeit funktioniert nur, wenn sich die verschiedenen Organisationen gut und regelmäßig vernetzen. Das betont auch Michael Köbl (SPD), Wasserburgs ehemaliger Bürgermeister, unter dessen Amtszeit der BürgerBahnhof 2016 eröffnet wurde. Für den früheren Rathaus-Chef ist die Einrichtung spürbar ein Herzens-Projekt gewesen. Das Haus gehört der Stadt, sie stellte die Immobilie für die Einrichtung zur Verfügung. Zudem kommt die Kommune für die Kosten auf. „Gute Sozialpolitik“, sagt Kölbl, „ist die beste Politik für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.“ Wasserburg sei eine offene Stadt, in der mittlerweile über 90 Nationen leben. Alle kämen, so Kölbl, gut miteinander aus. „Einen nicht unwesentlichen Anteil daran trägt der Bürger-Bahnhof.“

Keine
„schnöde Behörde“

Kölbls Nachfolger, Wasserburgs neuer Bürgermeister Bastian Wernthaler, schließt sich dem Lob an die Einrichtung an. Als Anwalt für Familienrecht habe er selbst immer wieder Klienten an den BürgerBahnhof verwiesen. „Ich weiß, wie schwer der Gang in so eine Einrichtung sein kann“, erklärt Wernthaler. „Ein Satz hat sich mir eingeprägt“, sagt er weiter. „Der lautete: ,Ich war doch noch nie beim Sozialamt‘.“ Doch, und das mache die Einrichtung aus: Beim BürgerBahnhof handele es sich eben nicht um eine schnöde Behörde. „Hier wird der Bürger in einer freundlichen Atmosphäre empfangen.“

Der BürgerBahnhof ist wichtig. Als Beratungsstelle und als „Treffpunkt“. Unter diesem Titel haben die Einrichtung und die Fotogruppe Wasserburg am Mittwochabend (24. Juni) gemeinsam eine Fotoausstellung eröffnet.

Von Anfang an, bereits seit zehn Jahren, arbeiten die beiden Institutionen schon zusammen. Jedes halbe Jahr gestalten sie eine neue kleine Schau im BürgerBahnhof. Dieses Mal sind Fotografien zu sehen, auf denen sich Menschen oder auch Tiere begegnen.

„Begegnungen sind so wichtig“, betont Regine Richter von der Fotogruppe. Ob im Zwischenmenschlichen allgemein oder im BürgerBahnhof. „Die Fotos machen das Haus ebenfalls freundlicher“, sagt Wernthaler. „Zwei tolle Organisationen arbeiten zusammen.“

Gemeinsam haben der BürgerBahnhof und die mit ihm verbundenen Organisationen auch bewegte Zeiten hinter sich. 2020 brach die Corona-Pandemie aus, zwei Jahre später folgten der Ukraine-Krieg und eine Energiekrise. „Das hat viele Menschen getroffen“, betont Kölbl. Sie suchten dann in der sozialen Beratungsstelle Hilfe. „Die sozialen Aufgaben sind mehr geworden, gleichzeitig sind die finanziellen Mittel begrenzt“, sagt Professor Theresia Wintergerst. Sie hat bei der Gründung des BürgerBahnhofs in beratender Funktion mitgeholfen. „Die Einrichtung ermöglicht der Stadt aber, auf diese Krisen zu reagieren.“

Die Herausforderungen, die diese Krisen mit sich bringen, werden hingegen nicht weniger. „Ganz wichtig wird sein, darauf zu achten, dass das soziale Netz nicht reißt“, sagt Wintergerst. In Zeiten, in denen vieles teurer geworden und die wirtschaftliche Lage angespannt ist, dürfe niemand verloren gehen. „Denn wenn man persönlich zufrieden ist, trägt das sehr dazu bei, dass die Gesellschaft zusammenhält.“

Kafka blickt in diesem Zusammenhang mit Sorge auf eine politische Entscheidung: die Reform beim Bürgergeld. Die neue Grundsicherung soll laut Bundesregierung Leistungen gerechter verteilen und zielt darauf ab, Betroffene schneller wieder in Beschäftigung zu bringen. Sie sieht aber auch eine Verschärfung bei Sanktionen vor. „Das“, sagt Kafka, „wird es für viele nicht leichter machen.“

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