Ein Blick hinter die JVA-Mauern

von Redaktion

Nach Baustopps und einer Sanierung für 4,5 Millionen Euro hat die JVA Mühldorf ihren Betrieb wieder aufgenommen. Das Gefängnis wurde rundum modernisiert sowie energetisch saniert. Ein Rundgang vor Ort zeigt, wie der Neustart nach über eineinhalb Jahren Bauzeit gelungen ist.

Mühldorf – Nach über eineinhalb Jahren voller planerischer und baulicher Hürden summen die Schlüssel wieder in den Schlössern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Mühldorf am Inn. Seit dem 16. Februar läuft der Betrieb in der sanierten Anstalt für den Vollzug von Untersuchungs- und Strafhaft an männlichen Gefangenen wieder. Mit einem Budget von 4,5 Millionen Euro wurde das historische Areal fit für die Zukunft gemacht. Wo vor einem halben Jahr noch Gerüste standen, prägt heute ein freundliches Gelb statt des gewohnten Rots das Bild im Mühldorfer Osten.

Vom Altar
zum offenen Vollzug

Die JVA Mühldorf, erbaut zwischen 1965 und 1967, hat eine historische Bedeutung: Sie war der erste Neubau einer Justizvollzugsanstalt in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen 2013 und 2017 diente sie als zentrale Einrichtung für die Abschiebehaft für Frauen und Männer, bevor sie wieder in den regulären Straf- und Untersuchungshaftbetrieb nur für Männer überging. Entsprechend komplex gestaltete sich das Großprojekt, das seit Mai 2024 lief und die Belegungsfähigkeit vorübergehend auf null reduzierte. Dass die Insassen während der Bauphase planbar auf andere bayerische Gefängnisse aufgeteilt werden konnten, linderte den logistischen Druck. Dennoch lief nicht alles glatt.

Wie Oberregierungsrätin Claudia Sattler, stellvertretende Leiterin der JVA Landshut (zu der Mühldorf seit 1980 verwaltungsmäßig gehört), bereits einräumen musste, kam es durch die Kündigung eines Hauptauftragnehmers wegen „nicht vertragsgemäßer Leistung“ beim Wärmedämmverbundsystem zu erheblichen, monatelangen Verzögerungen. Schlechtes Wetter und fachliche Mängel erschwerten die Arbeiten zusätzlich, bis das Staatliche Bauamt Rosenheim die Aufträge neu vergab. Trotz allem wurde das Budget von 4,5 Millionen Euro am Ende eingehalten.

Breites Spektrum
der Delikte

Aktuell liegt die Belegung bei 42 Häftlingen, wobei die Kapazität durch die Umbauten leicht von den ursprünglichen 82 Plätzen auf nun 74 Haftplätze angepasst wurde. Das Spektrum der Delikte ist gemischt – vom Erstvollzug bis zu zwei Jahren über Untersuchungshaft bis hin zu Ersatzfreiheitsstrafen. Eine Trennung nach Delikten ist in dem kompakten Gebäude nicht vorgesehen. Für Dienstleiter Johann Holzleitner hat die überschaubare Größe der Anstalt dennoch einen unschätzbaren Vorteil: „In einem kleinen Gefängnis kennt man sich. Sowohl Gefangene als Mitarbeiter.“

Die Justizvollzugsbeamten tragen im Innendienst übrigens keine Waffen, sondern lediglich Funkgeräte. Nur bei Ausgängen oder auf den Wachtürmen werden Waffen mitgeführt. „Die größte Waffe ist der Mund“, betont Holzleitner mit Blick auf die Bedeutung von Deeskalation und Kommunikation.

Der Tagesablauf ist strikt durchgetaktet. Um 7 Uhr werden die Häftlinge geweckt, dann folgen das Aufsperren, die Sichtkontrolle und das Frühstück. Bis zum Mittagessen wird gearbeitet und auch danach geht es für einige der Insassen wieder zur Arbeit. Anschließend ist eine Stunde Hofgang pro Tag möglich. Der Innenhof ist ausgestattet mit einer Tischtennisplatte sowie einfachen Fitnessgeräten. Dann gibt es Abendessen und im Anschluss ist noch Zeit für die Dusch- und Aufschlusszeiten. Dazwischen können Arztbesuche oder Sprechstunden wahrgenommen werden.

Arbeit sei laut Sattler im Vollzug ein entscheidender Faktor für den inneren Frieden. Die Insassen arbeiten in der Küche, der Hausarbeitsabteilung oder in der Arbeitshalle – von Holzleitner schmunzelnd als „verlängerte Werkbank vom Unternehmertum draußen“ bezeichnet. Wer arbeitet, sei zufriedener und strukturierter, bestätigt Claudia Sattler.

Der Stundenlohn wurde kürzlich angehoben und liegt je nach Leistungsstufe und Vorkenntnissen zwischen 2,49 Euro und 4,27 Euro. Ein Teil des Geldes fließt auf ein Überbrückungsgeld-Konto für die Zeit nach der Entlassung. Eingekauft wird per Bestellsystem – ganz oben auf der Wunschliste stehen oft Tabak, Kaffee, Cola und Chips.

Ebenso wichtig wie die Arbeit ist das Essen. Der Speiseplan wird zwar in Landshut erstellt, in Mühldorf wird jedoch täglich in der Küche frisch gekocht. Heute gibt es Zwiebelrahmschnitzel mit Kroketten und Gemüse. Das Essen sei den Gefangenen laut Holzleitner heilig: Wer zu externen Gerichtsterminen muss, fiebere meist der pünktlichen Rückkehr zur Mahlzeit entgegen.

Trotz erfolgreicher Sanierung bleibe Raum für Optimierung. Der Besucherraum ist entsprechend der Größe der Anstalt eher klein dimensioniert. Besuche seien aktuell nur an einem Tisch mit Trennscheibe möglich, erzählen die Beamten im Interview mit innsalzach24.de. Für Familien sei das oft eine Belastungsprobe, gibt die Anstaltsleitung offen zu. Um die Besuche jedoch künftig familienfreundlicher zu gestalten, sei daher die Einrichtung einer Kinderspielecke geplant.

Ein echtes Erfolgsmodell im Gefängnis sei der Videodolmetscher. Der Ausländeranteil in der Anstalt ist zwar durch den Rückgang der bayerischen Schleuserkriminalität gesunken, bleibt mit 65 Prozent aber weiterhin hoch. Das digitale System sorgt hier für deutlich einfachere Arbeitsabläufe: „Ich habe heute dank des per Video zugeschalteten Dolmetschers bereits problemlos Türkisch mit einem Insassen gesprochen“, schmunzelt Sattler und lobt das Tool.

„Die Personalplanung für den Schichtdienst rund um die Uhr ist eine der größten Herausforderungen“, sagt Johann Holzleitner. Aktuell sichern 28 Mitarbeiter den Betrieb in Mühldorf. Mehr Personal sei da natürlich immer wünschenswert, fügt Holzleitner hinzu. Bewerber gäbe es zwar, das Ministerium entscheidet jedoch über die Zuteilung – aktuell sind online keine Stellen für Mühldorf ausgeschrieben.

Der Rundgang führt auch an Orten vorbei, die man in einer JVA nicht sofort vermutet: Der Mehrzweckraum zum Beispiel dient gleichzeitig als Kapelle. Hinter zwei großen Holztüren verbirgt sich ein Tisch, der als Altar dient. Bei unserem Besuch sitzt hier der Anstaltsseelsorger Pater Kirchmann im vertraulichen Gespräch mit einem Insassen. Weiter geht es in eine Abteilung, die eher an eine Jugendherberge erinnert. Der offene Vollzug bietet ein großes Zimmer mit hölzernen Stockbetten und sanierten Sanitäranlagen. Er dient als Resozialisierungsanreiz für erprobte Gefangene. Diese dürfen tagsüber draußen arbeiten und müssen nur zum Schlafen einrücken. Aufgrund der hohen Fluktuation und der kurzen Verweildauer in Mühldorf steht dieser Bereich derzeit allerdings leer. Die Anstalt bemühe sich jedoch, geeignete Gefangene für den offenen Vollzug zu finden.

Wer sich weiterbilden will, hat über Kooperationen mit der IHK und HWK gute Chancen auf einen Schulabschluss oder eine Ausbildung – bei Bedarf können Insassen dafür in die JVA Landshut verlegt werden. Es gebe aber auch niederschwellige Angebote wie Deutsch- und Integrationskurse. „Es ist einiges möglich, aber der Gefangene muss es natürlich auch wollen“, resümiert Holzleitner.

28 Mitarbeiter
sichern den Betrieb

Angesprochen auf die Hitzewelle, gibt der Dienstleiter zu, dass die Hitze auch vor den Räumlichkeiten der JVA nicht haltmache. Durch das Öffnen der Fenster und Kostklappen in den Haftraumtüren könnten die Gefangenen jedoch für Abkühlung sorgen. In den Hafträumen haben die Gefangenen jederzeit Zugang zu fließendem kaltem Wasser. Daneben könnten auch die regelmäßigen Duschzeiten von den Gefangenen zur Abkühlung genutzt werden, so Sattler. Während die Mitarbeiter in den Büros Ventilatoren nutzen, besteht für die Gefangenen die Möglichkeit, Tischventilatoren über den Anstaltskaufmann käuflich zu erwerben und diese dann auch in ihrem Haftraum zu nutzen.

Für Dienststellenleiter Holzleitner sind es die kleinen Momente, die den harten Job aufwiegen. Wenn sich zum Beispiel ehemalige „schwere Kaliber“ nach ihrer Entlassung proaktiv für die faire und vernünftige Zusammenarbeit bei ihm bedanken.

Ergebnisseder Sanierung

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