München/Krimml – Als am Sonntag um zehn Uhr vormittags bei der Polizei im österreichischem Zell am See ein Anruf einging, dass eine ganze Seilschaft an der Mannlkarscharte in eine Gletscherspalte gestürzt sei, waren die Beamten noch guter Hoffnung. Sie informierten die Bergwacht und schickten gleich fünf Hubschrauber los, um Verletzte zu retten. Doch schnell stellte sich heraus, dass nur einer der Alpinisten den Sturz 200 Meter in die Tiefe überlebt hatte. Der 75-Jährige wurde mit dem Hubschrauber Libelle ins Krankenhaus in Salzburg geflogen. Sein Zustand ist kritisch, aber stabil, sagte Einsatzleiter Martin Reichholf von der Bezirkshauptmannschaft Zell am See gestern Abend am Telefon. Der Einsatzleiter der österreichischen Polizei war nur schwer zu verstehen, denn er saß im Auto und Hagelkörner donnerten auf die Windschutzscheibe. „Das war ein wirklich gefährlicher Einsatz“, resümierte er.
Die Retter waren schnell vor Ort. Ein andere Gruppe von Bergwanderer hatte den Absturz beobachtet und gab den Helfern genaue Hinweise über den Ort und den Verlauf des Unglücks. Die abgestürzte Seilschaft war an einem Hang an einer Gletscherspalte unterwegs gewesen. Der letzte Alpinist der sechsköpfigen Gruppe habe Angst bekommen und wollten umdrehen, beobachteten die anderen Bergsteiger aus 50 Metern Entfernung. Die Gruppe stimmte zu, wollte zurück. Doch dann rutschte beim Umdrehen der vorletzte Bergsteiger ab und zog die anderen sechs mit in die Tiefe.
Der Unfallort liegt eineinhalb Kilometer südlich der Zittauer Hütte auf 3328 Metern Höhe. Dort ist das Gelände sehr schwierig, da es steil ist, eisig und voller Geröll. „Es kann sich jederzeit ein Steinbrocken lösen“, sagte Reichholf. „Mein Respekt gebührt allen Beteiligten von Bergwacht und Polizei, sie mussten unter Hochdruck arbeiten, da ein schweres Gewitter im Anzug war, und extrem aufpassen auf dem Eishang mit 40 Grad Neigung, an dem die Gefahr von Steinschlag drohte.“ Die Retter arbeiteten unter großem Zeitdruck, um noch am Sonntag alle Leichen ins Tal zu bringen. Dies gelang. Gegen 15.40 Uhr wurde die letzte Leiche mit dem Rettungshubschrauber ins Tal gebracht. Kurz bevor das Gewitter mit Hagel vom Himmel prasselte.
Die Toten stammten ebenso wie der 75-jährige Verletzte aus dem Raum Altötting sowie aus der Gegend von Burghausen bei Altötting. Die Männer waren demnach 34, 56, 65, 69 und 70 Jahre alt. Sie hatten in der Zittauer Hütte übernachtet und sich dort am Vorabend ins Gästebuch eingetragen. Von dort aus war die Gruppe zu der verhängnisvollen Tour aufgebrochen Nachdem Mittags klar war, dass nur einer der sechs abgestürzten Bergsteiger überlebt hatte, wurden die fünf Rettungshubschrauber abgezogen. Die Bergung der Toten erfolgte zu Fuß, zehn Mitglieder der Bergwacht kletterten mit Unterstützung von 18 Polizeibeamten in die Gletscherspalte und zogen die fünf Leichen innerhalb von vier Stunden nach oben. Da am Himmel die Gewitterwolken hingen, musste es schnell gehen. So kamen auch zwei Hubschrauber des österreichischen Bundesheeres zum Einsatz, sagte Reichholf.
Die Tour, die die Verunglückten unterhalb der Mannlkarscharte in der Reichenspitzgruppe in Krimml machen wollten, gilt als sehr schwierig, nur für sehr geübte Bergsteiger geeignet, sagte Reichholf. „Es kann aber gut sein, dass die Männer das waren, und dennoch abstürzten, denn die Bedingungen waren schwierig. Es war heiß, die Sonne knallte vom Himmel, und dementsprechend war das Eis spiegelglatt.“ Der Hang an der Gletscherspalte in rund 3200 Metern Höhe in den Zillertaler Alpen sei zudem eben äußerst steil und voller lockerem Geröll.
Auch in den italienischen Südalpen starben am Sonntagvormittag mindestens zwei Mitglieder einer italienischen Seilschaft, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Die Alpinisten in Italien waren am Sonntagvormittag am Berg Presanella auf einem Gletscher unterwegs. Auf einer Höhe von etwa 3200 Meter in der norditalienischen Provinz Trentino rutschten zwei von ihnen ab und rissen die übrigen der Gruppe in die Tiefe. Neben den beiden Toten gab es Ansa zufolge sieben Verletzte, unter ihnen ein 14-jähriger Junge.