Rationierung

In Rom gibt’s nachts kein Wasser mehr

von Redaktion

von Ingo-Michael Feth

Rom – Die Brunnen in Rom sind trocken. Aus den kunstvollen Wasserspeiern rinnt kein Tropfen. Wo sonst Kaskaden herabfallen und frische Kühle versprühen nichts als glühend heißer Stein. Schon seit geraumer Zeit haben die römischen Wasserwerke die meisten Brunnen und Trinkwasserspender abgestellt. Der Vatikan tat es ihnen nach: Auch Berninis Brunnen auf dem Petersplatz liegen still. Allein die Wasserspiele an der Fontana di Trevi sprudeln weiter – dank einer Recyclinganlage, die bei der aufwendigen Renovierung vor zwei Jahren eingebaut wurde.

Rom, mit seinen Aquädukten und Brunnen seit der Antike das Sinnbild für moderne Wasserversorgung, sitzt auf dem Trockenen – erstmals seit Menschengedenken. Jetzt müssen sich die Einwohner von Italiens Hauptstadt also wegen der extremen Trockenheit auf nächtliche Wasserengpässe einstellen, denn das kühle Nass wird rationiert: Seit Freitag, 23.30 bis fünf Uhr, wird der Wasserdruck im gesamten Versorgungsbereich halbiert. Für Millionen Privathaushalte, Hotels, Lokale und sanitäre Einrichtungen bedeutet das, dass sie nachts auf dem Trockenen sitzen.

Die meisten Gebäude, vor allem in den stark verdichteten Wohngegenden, sind mit vertikalen Drucksäulen ausgerüstet. Lässt der Druck im System etwas nach, gibt es in den oberen Stockwerken Probleme. Eine Halbierung bedeutet kein Wasser in den höheren Etagen. Ob nun die Penthouse-Suite im Luxushotel Hassler Villa Medici oder zehnter Stock Sozialwohnung an der Peripherie von La Romanina: Wer spätabends verschwitzt nach Hause kommt, dem bleibt die erfrischende Dusche erst mal versagt. Gelten soll die Regelung zunächst bis Ende September, danach hängt alles von einem Faktor ab – dem Niederschlag. Doch in diesem Jahr liegt die Regenmenge um 70 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre.

Wasserknappheit, das war in der Metropole nie ein Thema. Die nahen Gebirgszüge der Sabiner Berge und der Abruzzen mit ihren Quellen sowie zahlreiche Vulkanseen im Umland stellen seit über 2000 Jahren die Versorgung Roms mit Trinkwasser sicher. Doch seit vor sechs Wochen die Behörden der Region Latium Alarm schlugen, weil der Pegel des nahen Lago di Bracciano auf unter vier Meter unter Normal gesunken war, ist Wasser plötzlich ein kostbares Gut geworden. Rom sollte auf Anweisung der Behörden seine Entnahmen in dem Vulkansee, der sich allein durch Regenwasser speist, komplett einstellen.

Die Wasserwerke der Hauptstadt drohten im Gegenzug mit einem flächendeckenden Wasserstopp alle acht Stunden. Ein eher politisches Manöver, das zwar Bürger und Medien aufschreckte, aber das Gesundheitsministerium auf den Plan rief. Eine solch drastische Maßnahme würde zu einem Hygiene-Notstand führen. Stattdessen einigte man sich auf ein Notstandspaket: Die Entnahmen aus dem Bracciano-See sollten, über mehrere Wochen gestreckt, auf Null zurückgeführt werden. Im gleichen Zeitfenster sollten der Druck aus alternativen Quellen erhöht und Lecks im maroden Leitungssystem abgedichtet werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen, bei dem der wichtigste Punkt unausgesprochen blieb: das bange Hoffen auf Regen. Doch die Gebete wurden bislang nicht erhöht. Und so tritt nun die Rationierung ein.

Für die italienische Landwirtschaft kommt die Rettung indes zu spät. Italien muss sich nach Auskunft des Agrarverbandes Coldiretti auf die schlechteste Ernte seit einem halben Jahrhundert einstellen. Rund 80 Prozent der Feldfrüchte seien durch die Dürre vernichtet, heißt es. Die Schäden, so rechnet man vor, erreichten inzwischen Milliardenhöhe.

Auch die Verbraucher dürften es im Geldbeutel zu spüren bekommen. Agrarprodukte dürften schon bald erheblich teurer werden.

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