Hinter dem Auto hergeschleift

Ein Buch als Therapie

von Redaktion

Von Matthias Brunnert

Hameln – Königstraße, Prinzenstraße, Kaiserstraße – sie sind verbunden mit einem schrecklichen Verbrechen, das als „Horrorfahrt von Hameln“ bundesweit Schlagzeilen machte. „Es ist aber nichts vergessen“, sagt Rathaussprecher Thomas Wahmes. „Es war so heftig, so krass, so unvergleichlich. Das lässt die Hamelner nicht los“, erklärt er.

Was war geschehen? An jenem Sonntagabend treffen sich Nurettin B. (heute 39) und Kader K. (heute 29) in der Königstraße. Der damals drei Jahre alte gemeinsame Sohn, der nach der Trennung der Eltern jedes zweite Wochenende bei Nurettin B. verbringen darf, soll vom Vater zurück an die Mutter übergeben werden. Wie so oft gibt es Streit. Es geht um den Unterhalt für den Jungen. Nurettin B. greift zum Messer. Er sticht auf seine frühere Frau ein und verletzt sie in der Herzgegend. Dann nimmt der Mann eine Axt und schlägt sie Kader K. an den Schädel.

Zwei Anwohnerinnen – Mutter und Tochter – hören beim Abendessen die Hilfeschreie der Frau. Sie alarmieren die Polizei. Die Mutter läuft auf die Straße und fleht den Täter an: „Bitte, bitte lass sie los, die Polizei kommt jetzt!“ Doch Nurettin B. habe das nicht hören wollen, erinnerte sich die Zeugin vor Gericht. Obwohl das blutende Opfer laut der Zeugin auf dem Boden liegt und nur noch wimmert, holt Nurettin B. ein Seil aus dem Kofferraum. Er knotet es Kader K. um den Hals und bindet das andere Ende an der Anhängerkupplung seines Autos fest. Dann setzt er sich ans Steuer. Er gibt Gas und schleift das hilflose Opfer mit. Seine Ex-Frau schleudert über Asphalt und Kopfsteinpflaster. Irgendwann löst sich der fingerdicke Strick vom Auto. Kader wird wie eine Puppe durch die Gegend geschleudert. Sie bleibt vor einem Imbiss liegen. Dort finden Passanten die lebensgefährlich verletzte Frau.

Einer der ersten Polizisten, die an jenem Abend am Tatort eintreffen, erinnert sich: „Sie war nicht mehr ansprechbar und besinnungslos.“ Als den Beamten klar wird, dass Kader K. am Seil hinter einem Auto durch die Straßen gezogen wurde, sind sie entsetzt.

Noch während Sanitäter und Ärzte um das Leben der Frau kämpfen, stellt sich Nurettin B. freiwillig der Polizei und lässt sich in der nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernten Wache widerstandslos festnehmen. Im Prozess wird er später erklären lassen, er sei im Streit um die Unterhaltspfändungen ausgerastet und habe nur noch Hass empfunden.

Kader K. wird zweimal wiederbelebt, bevor Ärzte sie im Krankenhaus mit einer Notoperation retten. Doch das schreckliche Geschehen lässt die junge Frau nicht los. Der Tag, an dem ihr Ex-Mann sie auf grausame Weise umbringen wollte, bestimmt seit einem Jahr ihr Leben und ihren Alltag: „Ich habe Schmerzen. Mein Rücken, mein Nacken, meine Schulter, mein Kopf tun weh. Mir wird dauernd schwindlig“, berichtet die 29-Jährige.

Die junge Frau sei dem Tod dreimal sehr nahe gewesen, stellte der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer am Landgericht Hannover fest, die Nurettin B. im Mai diesen Jahres wegen Mordversuchs zu 14 Jahren Haft verurteilte. Die Taten seien eine menschenverachtende Form der Erniedrigung und der Zurschaustellung gewesen.

Kader K. leidet seither an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich werde derzeit ambulant behandelt“, sagt die junge Frau. „Ich komme aber bald zur stationären Therapie in eine Traumaklinik.“ Auch ihr heute vierjähriger Sohn ist in psychiatrischer Behandlung. Der Junge saß während des Gewaltexzesses im Auto und hörte die Schmerzensschreie der Mutter. „Körperlich geht es ihm gut“, sagt Kader K., „aber psychisch nicht. Er leidet“.

Ein Buch, so hofft Kader K., werde ihr jetzt helfen, das grausame Geschehen zu verarbeiten. Die 29-Jährige hat dazu dem Hamelner Journalisten Ulrich Behmann stundenlang aus ihrem Leben erzählt, auch aus der für sie schrecklichen Zeit vor der Trennung, als ihr Mann ihr das Leben mit Schlägen und Demütigungen zur Hölle machte.

„Es tat mir gut, dass ich für das Buch alles erzählen konnte. Es war für mich eine Art Therapie.“ Genauso wichtig sei ihr noch etwas anderes: „Ich will damit auch andere Frauen ermutigen, sich nicht mehr unterdrücken zu lassen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen von Männern, die gewalttätig und egoistisch sind“, sagt Kader K. Sie trägt ein Kopftuch, um die Stellen am Kopf, an denen nach der „Horrorfahrt“ keine Haare mehr wachsen, zu verstecken.

Autor Behmann, der als Lokaljournalist in Hameln den „Fall Kader K.“ gut kennt, verzichte auf sein Honorar. Denn er wünsche sich, dass mit dem Verkauf des Buches möglichst viel Geld für Kader K. zusammenkommt. Die 29-Jährige hatte im Strafprozess gegen ihren Ex-Mann zwar fast 140 000 Euro Schmerzensgeld zuerkannt bekommen. Davon ist bisher bei ihr aber noch nichts angekommen. „Arbeiten kann ich nicht“, sagt die 29-Jährige. Sie lebe von Sozialleistungen und der Unterstützung ihrer Familie.

Artikel 3 von 10