Unfallklinik

Der echte Bergdoktor

von Redaktion

von Michael Hudelist

Obertauern – Notarzt und Sportarzt Harald Aufmesser hat seine Ordination eigentlich im 20 Kilometer entfernten Radstadt. Von Ende November bis Ende April zieht es ihn allerdings auf die Passhöhe des Radstädter Tauernpasses nach Obertauern. Der Ort ist nicht einmal eine eigene Gemeinde sondern gehört zu den Gemeinden Untertauern im Pongau und Tweng im Lungau. Das interessiert im Winter aber niemanden, da zählen nur die traumhaften Pisten links und rechts des Ortes. Fast eine Million Übernachtungen zählt Obertauern pro Saison – davon natürlich fast alle im Winter. Auf den rund 100 Kilometer langen Pisten tummeln sich tausende Sportler, Skiunfälle sind da unvermeidlich.

Die Unfallklinik von Harald Aufmesser im Ort ist unübersehbar. „Wir sind auch mit allem ausgerüstet, was man für eine Erstdiagnostik braucht, also zum Beispiel Röntgengeräte und Laborgeräte“, so Aufmesser. Alle Geräte bleiben in der Klinik, wenn sie Ende April wieder ihre Pforten schließt.

Rechnet sich das für fünf Monate? „Es muss sich rechnen“, antwortet der Unfallarzt. „Weil es eine andere Möglichkeit nicht gibt, die 12 000 Gäste und Hotelmitarbeiter ordentlich zu versorgen“. Ohne die Tagesklinik auf der Passhöhe müssten Unfallopfer nach Schladming, Schwarzach, Tamsweg oder Radstadt, wobei in diesem Winter zum Beispiel die Verbindung nach Tamsweg tagelang wegen Lawinengefahr gesperrt war.

Während Aufmesser im Winter einen weiteren Assistenzarzt, sechs Krankenschwestern und drei Sekretärinnen beschäftigt, führt sein Bruder die Stammpraxis in Radstadt weiter. In Obertauern arbeitet der Sportarzt außerdem mit Unfallchirurgen, Narkoseärzten und Allgemeinmedizinern zusammen. Seine Patienten sind hauptsächlich Skifahrer aus Österreich und Deutschland.

Das Wartezimmer und die Behandlungsräume sind meist voll, auch in Obertauern hat die Zahl der Skiunfälle aber leicht zugenommen. Wobei das immer von der Schneelage in den Tal-Orten abhängig ist. „Wenn unten wenig Schnee ist, kommen mehr Skifahrer nach Obertauern. Und wenn mehr Leute auf den Pisten sind, passiert auch mehr“, so Aufmesser.

Eine Tendenz zu mehr schweren Unfällen sei teilweise richtig. „Wir haben durch das vermehrte Tragen von Helmen weniger schwere Kopfverletzungen.“ Wobei ein Kreuzbandriss auch ein schwerer Unfall sei, aber eben nicht zu vergleichen mit einem Oberschenkelbruch oder einem Wirbelbruch.

Die meisten Unfälle passieren am späteren Vormittag und nach der Mittagspause nach 13 oder 14 Uhr. Raserei auf der Piste ist seiner Erfahrung nach nicht die Unfallursache Nummer eins. Vielmehr seien es schlechte Sicht oder der Übergang von der gut präparierten Piste zum Pistenrand. „Also meistens ist es Unachtsamkeit, Kreuzbandrisse passieren ja meistens beim langsamen Fahren“, sagt Aufmesser.

Unfälle passieren aber nicht nur auf der Piste, sondern auch beim Aprés-Ski. Viele würden ausrutschen, sagt Aufmesser. Neben der Erstversorgung aller Arten von Skiunfällen arbeitet Aufmesser auch „alle anderen Fälle ab, also vom grippalen Infekt bis zum Herzinfarkt oder Lungeninfarkt.“ Obwohl er in einem Skigebiet arbeitet, hat Aufmesser selbst kaum Zeit zum Skifahren: „Aber früher bin ich viel gefahren.“

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